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Lord of the Flies

Auf Sky & WOW: Erste Serienversion von William Goldings Romanklassiker über britische Schuljungen auf einer einsamen Insel.

Toxische männliche Verhaltensmuster, Manipulation und die Entstehung von Gewalt – all das verhandelte der britische Drehbuchautor Jack Thorne in der von ihm miterdachten Miniserie „Adolescence“, die sich 2025 bei Netflix zu einem Überraschungshit entwickelte. Nach dem preisgekrönten Thriller-Drama um einen 13-jährigen Mörder nahm sich der Fernsehmacher den Roman „Herr der Fliegen“ (Originaltitel: „Lord of the Flies“) vor, William Goldings berühmte Survival-Parabel von 1954, die ganz ähnliche Aspekte berührt.

In besagtem Buch geht es um eine Gruppe britischer Schuljungen, die während eines nicht genauer beschriebenen Krieges in den 1950er-Jahren bei einer Evakuierung mit dem Flugzeug abstürzen und auf einer einsamen Tropeninsel stranden. Weil alle Erwachsenen umkommen, sind die Heranwachsenden auf sich allein gestellt. Auf zivile Umgangsformen trainiert, bemühen sie sich anfangs um Ordnung und Struktur. Doch als Gerüchte um ein im Urwald lauerndes Monster die Runde machen und es zu Konflikten über das Zusammenleben kommt, nimmt der unfreiwillige Inselaufenthalt einen blutigen Verlauf.

In seiner Adaption des Literaturklassikers hält sich Jack Thorne eng an die Grundzüge von Goldings grimmiger Coming-of-Age-Geschichte. Was seine Version, übrigens die erste Serienbearbeitung des Stoffes, hervorstechen lässt, sind vor allem zwei Dinge: Zum einen wäre da die ungewöhnliche Ästhetik. Überblickseinstellungen gibt es selten. Stattdessen dominieren Nahaufnahmen, bildfüllende Gesichter, deren Hintergründe in Unschärfe verschwimmen. Der Einsatz eines Fischaugenobjektivs verzerrt zusätzlich die Konturen. Die Desorientierung der Gestrandeten überträgt sich so unmittelbar auf die Zuschauer*innen.

Zudem wechselt „Lord of the Flies“ von Folge zu Folge die Perspektive. Jede der vier Episoden ist einer der wichtigsten Figuren gewidmet. Kapitel 1 stellt den etwas linkischen Asthmatiker Piggy in den Mittelpunkt, die Stimme der Vernunft und der Pragmatiker mit vielen pfiffigen Ideen. Mithilfe seiner Brille können die Jungen ein Feuer entfachen, das vorbeifahrende Schiffe auf sie aufmerksam machen soll. Beitrag 2 konzentriert sich vor allem auf den abenteuerlustigen Jack, der einem Chor vorsteht und auf der Insel seine Lust am Jagen entdeckt. Teil 3 rückt den grüblerischen Simon in den Fokus, während das Finale dem am Anfang zum Anführer gewählten Ralph umkreist. 

„Lord of the Flies“ baut die Handlung nicht nur um diese Blickwinkel auf. Anders als Goldings Vorlage gönnt uns die Dramaserie auch ein paar Rückblenden in das Leben der vier Protagonisten vor der Evakuierung. Ein Drehbuchschachzug mit gemischten Ergebnissen. Einige Einschübe sind absolut verzichtbar, andere hingegen fangen präzise und erhellend Gefühle und Umstände ein. Keine Worte braucht es etwa, wenn Jack beim Abschied ganz allein auf dem Flugplatz steht, während seine Kameraden von ihren Eltern umarmt werden.

Wie im Roman bildet Ralph, unterstützt von Piggy, auch in der Serie den Gegenpol zu Jack. Hier der demokratische Prinzipien verteidigende Kümmerer, da der egoistische, seine wilden Triebe zunehmend auslebende Aufrührer, der die Angst vor dem angeblichen Monster gezielt anheizt. Offenbar geprägt von einem fordernden Vater, macht das Oberhaupt der Chorgruppe aus allem einen Wettbewerb, eine Mutprobe. Ganz so, wie es sich in seinen Augen für einen werdenden Mann gehört. Interessanterweise geht Ralph gelegentlich auf Jacks Machtspiele ein und fordert ihn damit nur noch mehr heraus.

Auf den ersten Blick mögen die Rollen klar verteilt sein. Schaut man genauer hin, treten allerdings Brüche zum Vorschein, betont die Neuinterpretation, dass kein Mensch nur eine Seite hat. Zweifellos ist Jack in vielen Momenten brutal, rücksichtslos und geltungssüchtig. Hier und da bricht aber auch sein Erschrecken über die Eskalation hervor. Ein Ende der Gewalt scheint manchmal greifbar. Doch Gruppendynamik und Erwartungsdruck verhindern eine Umkehr. Jack-Darsteller Lox Pratt reichen oft kleine Gesten, etwa ein Zucken der Augen- oder Mundwinkel, um Verunsicherung zu transportieren.

Ralph wiederum, der am Ende zu einem Hoffnungsschimmer der düsteren Erzählung wird, ist keineswegs frei von Schwächen. Piggys Bitte, den anderen seinen auf den Körperbau gemünzten Spitznamen nicht zu verraten, missachtet der gewählte Anführer. Nach einem grausamen Todesfall sucht er nach Ausreden eine markante Abweichung vom Golding-Text, wo Piggy das Ereignis zu relativieren versucht. Und nicht zu vergessen: Dem oft stillen Simon, der das blutige Chaos voraussieht, schenkt Ralph zu wenig Gehör. Von Ike Talbut faszinierend-rätselhaft gespielt, ist eben jener Beobachter so etwas wie das emotionale Zentrum der BBC-Produktion. Schade nur, dass eine Schlüsselstelle des Romans, Simons „Zwiegespräch“ mit dem titelgebenden Herr der Fliegen, einem aufgespießten, von Insekten belagerten Schweinekopf, in der Serie nicht die gleiche beunruhigende Kraft ausstrahlt wie in der Buchvorlage.

Christopher Diekhaus

© Sky
16+
Spielfilm

Großbritannien 2026, Serien-Idee: Jack Thorne, Regie: Marc Munden, Homevideostart: 24.02.2026, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 4 Episoden à 58 bis 59 Minuten, Buch: Jack Thorne nach dem Roman „Herr der Fliegen“ von William Golding, Kamera: Mark Wolf, Musik: Hans Zimmer, Kara Talve (beide für Titelmusik verantwortlich), Cristóbal Tapia de Veer, Ton: Niv Adiri, Schnitt: Mátyás Fekete, Andonis Trattos, Produktion: Jack Thorne, Marc Munden, Nawfal Faizullah u.a., Anbieter: Sky, Besetzung: Winston Sawyers (Ralph), Lox Pratt (Jack), David McKenna (Piggy alias Nicholas), Ike Talbut (Simon), Thomas Connor (Roger) u. a.

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