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Folktales

Im Kino: Eine Gruppe Jugendlicher verbringt ein Jahr in der arktischen Wildnis Norwegens – und wächst über sich hinaus.

Hege packt gerade ihre Reisetasche für einen einjährigen Aufenthalt in der Volkshochschule Pasvik, die rund 300 Kilometer nördlich des Polarkreises in Norwegen liegt. Als sie sieben Mascaras einstecken will, sagt ihre Mutter: Drei reichen. „Worauf freust Du Dich am meisten?“, fragt die Mutter. „Endlich Raum zu haben“, antwortet Hege. Die 19-jährige ist verunsichert, wirkt fast depressiv – sie hat die Ermordung ihres Vaters noch immer nicht verwunden. Und erhofft sich von dem abenteuerlichen Kurs Erleichterung oder gar eine Heilung.

Neben Hege rücken die US-Regisseurinnen Heidi Ewing und Rachel Grady in ihrem einfühlsamen Dokumentarfilm zwei weitere junge Männer in den Fokus. Der 19-jährige Norweger Bjørn Tore fühlt sich als Nerd, hat nicht viele Freund*innen und sagt kurz nach der Ankunft in Pasvik: „Ich habe Angst vor einem weiteren einsamen Jahr als Außenseiter.“ Der Niederländer Romain wiederum hat wenig Selbstvertrauen, seit er die Schule abgebrochen hat, und wird von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt.

Hege, Bjørn Tore, Romain und einige andere Jugendliche profitieren von einer besonderen Einrichtung in Skandinavien. Dort wurden in den 1840er Jahren Volkshochschulen eingeführt, die der Landbevölkerung freien Zugang zur Bildung ermöglichen sollten. Zum Programmangebot in Pasvik gehört ein Kurs, der es Schüler*innen erlaubt, vor dem Eintritt ins Erwachsenenleben ein Jahr der Unabhängigkeit einzulegen. Dabei können sie lernen, einen Hundeschlitten zu führen, und das Überleben in der eisigen Kälte trainieren.

Dass der Aufenthalt kein Zuckerschlecken wird, machen die Trainer*innen von Anfang an klar. „Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr euer Steinzeit-Gehirn erwecken können“, sagt die erfahrene Hundeschlittenlehrerin Tselin. Romain bekommt das zu spüren, als die Teilnehmenden erstmals zwei Nächte in einem eigenen Lager im Wald verbringen sollen. Als er es nicht schafft, ein Lagerfeuer in Gang zu bringen, verweigern ihm die Lehrer*innen die Hilfe. Er solle nicht den bequemsten Weg gehen, sondern lernen, sich selbst zu versorgen. Am nächsten Tag klappt's mit dem Feuer.

Eine hohe Belastung stellt für viele Teilnehmende die zweimonatige Polarnacht dar, in der eine fast vollständige Dunkelheit herrscht. Gewöhnungsbedürftig ist auch das Jagen und Fischen. Ein Bad im Eisloch fordert schließlich Mut und Selbstüberwindung. So wird das sogenannte Gap Year zu einem turbulenten Erfahrungsraum, in dem Störerfahrungen und Erfolgserlebnisse dicht beieinander liegen.

Die Teilnehmenden merken schnell, dass viele zivilisatorische Errungenschaften in der Wildnis überflüssig sind. Bei der Eiseskälte und jeder Menge Aufgaben greifen die jungen Leute zum Beispiel immer seltener zum Smartphone, stattdessen üben Mädels wie Jungs das Stricken. „Warum sollte ich hier am Handy sein“, sagt Hege einmal.

Ein Schlüsselelement des Projekts ist die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund. Die jungen Leute sollen rasch Vertrauen zu einem Hund aufbauen, mit ihm spazieren gehen, ihn füttern und mit ihm kuscheln, bevor sie eine Schlittenfahrt machen. Thor-Atle, ein erfahrener Schlittenlehrer, versucht, mögliche Bedenken auszuräumen: „Sei wie du bist. Dann bist du mehr als genug für den Hund.“ Das Hauptziel dabei: „Die Hunde lehren uns, menschlicher zu sein. Vielleicht auch geduldiger.“

Die Regisseurinnen betten die Erfahrungen der Jugendlichen in kontrastreiche Bildkompositionen ein. Einerseits schweift die Kamera immer wieder durch die stillen verschneiten Wälder und majestätischen breiten Berghänge oder blickt aus der Vogelperspektive auf Baumkronen oder Hundeschlitten. Andererseits ist sie oft nah an den jungen Leuten, beobachtet, wie sie sich austauschen und voneinander lernen. Besonders anrührend wird gezeigt, wie die Außenseiter Romain und Bjørn Tore sich einander öffnen, erkennen, dass sie einen ähnlichen Humor teilen, und sich anfreunden. Die abwechslungsreiche Musik von T. Griffin unterstreicht die atmosphärisch dichten Bildfolgen mit vielfältigen Klangfarben, die zuweilen ins Meditative reichen, aber auch die Lebenslust der Jugendlichen bei einer Party unterstreichen.

Eine zusätzliche Bedeutungsebene etabliert das Regieduo mit eingewobenen Verweisen auf die nordische Mythologie, auf den Göttervater Odin und die Nornen. Die Fäden, die die Schicksalsfrauen in der Sage spinnen, tauchen im Film immer wieder als rote Fäden auf, die im Wind schweben oder um Bäume gewickelt werden. Diese Sequenzen verweisen auf den Kreislauf des Lebens und geben dem Film einen surrealen Touch.

Als der einjährige Kurs mit einer Abschlussfeier zu Ende geht, fließen viele Tränen. Der Abschied fällt schwer. Alle haben viel hinzugelernt, sind reifer geworden und sehen neuen Lebensabschnitten optimistisch entgegen. Die Anziehungskraft der arktischen Wildnis erweist sich als so groß, dass der eine oder die andere dorthin zurückkehrt.

Reinhard Kleber 

© Mindjazz Pictures
14+
Dokumentarfilm

USA, Norwegen 2025, Regie: Heidi Ewing, Rachel Grady, Kinostart: 05.02.2026, FSK: ab 6, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 106 Min., Buch: Heidi Ewing & Rachel Grady, Kamera: Lars Erlend Tubaas Øymo, Schnitt: Nathan Punwar, Musik: T. Griffin, Produktion: Loki Films, Impact Partners, Topic Studios, Fifth Season, Artemis Rising Foundation, Fuglene, Verleih: Mindjazz pictures

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