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Spermageddon

Auf Amazon Prime: Eine Sexkomödie für Jugendliche? Jens Spermien haben sich ihr Leben lang auf Sex vorbereitet – und kämpfen mit allen Mitteln.

Außerhalb von Pornhub & Co. gibt es nicht wirklich ein filmisches Angebot für kontinuierlich über Sex nachdenkende Jugendliche. Warum also nicht einen Animationsfilm machen, in dem es um nichts anderes geht, permanent Spermien zu sehen sind und doch keine einzige unbedeckte weibliche Brust, kein einziger Penis die Leinwand erleuchtet – so kriegt man sogar noch eine FSK-Freigabe ab 16, perfekt positioniert für das womöglich imaginierte Zielpublikum.

So ähnlich mögen sich Tommy Wirkola und Rasmus A. Sivertsen das gedacht haben. Der eine, Wirkola, ist als Regisseur für handfeste Genreware bekannt, der nordische Nazi-Zombiefilm „Dead Snow“ brachte ihm 2009 auch international einige Bekanntheit, bevor er dann sehr flott sowie action- und gewaltbereit Märchen (Hänsel und Gretel: Hexenjäger, 2013) und neulich vom Weihnachtsmann (Violent Night, 2022) neu erzählte. Der andere hingegen macht mit seinem Studio Qvisten Animation sowohl traditionelle Stop-Motion-Animation als auch zunehmend reine CGI-Produktionen; qualitativ ist da von klug erzählten Meisterwerken bis hin zu sehr schrägen Rumpeligkeiten alles dabei.

„Spermageddon“ fällt eher in die letztere Kategorie: Zuckersüße CGI-Animation trifft auf Genitalhumor und wird einer pubertär redigierten Toilettenwand gleich mit nicht ausschließlich männlich gedachter Geilheit voll-, ja, bringen wir es hinter uns, -gespritzt. Die Hauptfiguren im Körperinneren sind zwei Spermien namens Simen und Cumilla, und wer glaubt, damit könne das Ende der pornösen Wortspiele noch nicht erreicht sein, liegt genau richtig. Bei einem Spermium daheim – die Samenzellen haben Gesichter, aber keine Arme, rauchen auch mal Zigarre, leben allein oder in Paaren und spielen am Computer „Cum of Duty“ – macht die Frau regelmäßig Bukkake-Torte. (Wer das Wort nicht kennt, bitte nicht googlen. Definitiv nicht am Arbeitsplatz.)

Anders gesagt: Sprachlich ist hier nichts jugendfrei oder Safe for Work, und natürlich ist Arbeit und Lebensziel all dieser Spermien genau das nicht Jugendfreie. Sie streben alle auf „Spermageddon“ hin, die erfolgreiche Ejakulation – mit dem klaren Ziel, als Erste*r eine bzw. die Eizelle zu finden und zu befruchten: Das ist dann „Valhalla“, „das Paradies“ und so weiter. Lernt man an der Bumstiversität.

Erwähnte ich schon, dass auch gesungen wird? „Spermageddon“ ist ein Musical, es beginnt mit einer Hymne über das schöne Leben in den Hoden („In den Klöten“) und endet mit einer Pro-Choice-Gesang- und Tanznummer, in der eine sehr enthusiastische Gynäkologin nachdrücklich Empfängnisverhütung und Abtreibung lobpreist: Wer noch zu jung und unvorbereitet sei, sollte noch keine Kinder bekommen.

Es gibt nämlich auch eine Außenwelt, in der Jens bei einem Wochenende mit Freund*innen die tolle Lisa wiedertrifft und die beiden sich auf Lisas Initiative bald zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr zurückziehen. Sie tauschen Sprüche aus, die sie in Pornos gehört haben, finden die dann eher lächerlich und kommen eher schweigend zur Sache. Das ist so unbeholfen und ein wenig peinlich, wie erste sexuelle Kontakte sein können, und beide sind dabei so entspannt, wie man es Jugendlichen nur wünschen kann.

Das Innenleben – Simen und Cumilla bewegen sich aufgrund des undichten Kondoms im Laufe der Filmhandlung ins Innere von Lisas Körper – spiegelt die gleichberechtigten Geschlechterverhältnisse im Außen indes nicht wieder. Stattdessen transportiert „Spermageddon“ die überholte (und aus patriarchalen Verhaltensvorstellungen abgeleitete) Fantasie, das Spermium des Mannes sei bei der Befruchtung der aktive Teil, während die Eizelle passiv bleibe, bis sie vom richtigen Spermium penetriert werde.

Dass hier keine Dokumentation zu erwarten ist, zeigt allein schon Jizzmo, das arrogante Alphatierchen unter den Spermien, das sich mit technischen(!) Hilfsmitteln zum Überspermium hochrüstet und auch nicht davor zurückschreckt, andere Samenzellen zu erschießen. Verblutende Spermien ergeben wirklich keinen Sinn, aber egal – es ist auch (Vorsicht: Spoiler!) nicht denkbar, dass Samenzellen sich aus dem Enddarm Richtung Magen hocharbeiten, um dann über die Nieren und die Harnblase doch noch die Abzweigung in Richtung Gebärmutter zu nehmen.

„Spermageddon“ mag sich also stellenweise ästhetische Anflüge an Reisen durchs Körperinnere erlauben, wie sie in „Die phantastische Reise“ (Richard Fleischer, 1966) oder „Die Reise ins Ich“ (Joe Dante, 1987) zu sehen waren, bleibt aber, was biologische Akkuratesse angeht, selbst hinter den Zeichnungen der Serie „Es war einmal... das Leben“ (1986) zurück. Dafür gibt es ein singendes E.Coli-Bakterium, das endlich einmal geküsst werden möchte.

Sivertsen und Wirkola scheren sich wenig um gesellschaftlich Akzeptables, sie frönen hier auch ein wenig dem narrativen Unsinn – allerdings würde man sich ihre Sex-Positivität, ihre forsche und sehr direkte Gelassenheit, was Sexualität angeht, in wesentlich mehr Filmen wünschen. Denn trotz anatomischer Schwächen und einiger Details hebt sich „Spermageddon“ von anderen nicht-jugendfreien Animationsfilmen – „Sausage Party – Es geht um die Wurst“ (Greg Tiernan, Conrad Vernon, 2016) liefert da die Blaupause – dadurch ab, dass die Protagonist*innen Jens und Lisa auf Augenhöhe sprechen, einen respektvollen Umgang miteinander pflegen.

Will heißen: Man sollte das Schlüpfrige nicht dem Male Gaze überlassen. Gerne mehr Filme, die Spaß mit Sex bereiten. Gerne feministischer als in Jens’ Klöten.

Rochus Wolff

© SquareOne Entertainment
16+
Animation

Norwegen 2024, Regie: Tommy Wirkola, Rasmus A. Sivertsen, Homevideostart: 06.10.2025, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 80 Min., Buch: Vegar Hoel, Jesper Sundnes, Tommy Wirkola, Musik: Christian Wibe, Schnitt: Martin Stoltz, Produktion: 74 Entertainment, Qvisten Animation, Verleih: SquareOne Entertainment

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