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Ellie & Abby

Wie nur ihren Crush zum Schulball einladen? Ellie bekommt dabei unerwartet familiäre Unterstützung – aus dem Jenseits.

Ellie ist Hals über Kopf verliebt – in ihre Klassenkameradin Abbie. Auf dem holprigen Weg zu ihrem Herzen, outet sie sich nicht nur bei ihrer Mutter Erika, sie bekommt auch unerwartet Hilfe – von ihrer Tante Tara. Das Besondere an dieser Konstellation: Tara ist bereits vor Ellies Geburt gestorben und nun als Geist unterwegs …

Angesichts der Prämisse liegt die Vermutung nahe, dass sich diese australische Coming-of-Age-Komödie in allzu seltsame Fantasy-Ecken verrennt, weil sie ihre lesbische Liebesgeschichte nicht anders verpacken kann. Doch das Gegenteil ist der Fall: „Ellie & Abbie“ ist ein durch und durch wunderbarer Film, der die Queerness seiner Figuren niemals der Lächerlichkeit preisgibt oder meint, sich durch diesen „Kniff“ auch für ein Heteropublikum goutierbarer zu machen. Denn Tara ist kein Geist á la „Ghostbusters“ und auch kein sprücheklopfernder Sidekick, der Ellie mit mehr oder weniger guten Ratschlägen zur Seite steht. Tara bringt ihre Hintergrundgeschichte und damit ein Stück queere Geschichte mit. Sie Ellie zur Seite zu stellen, ermöglicht daher einen spannenden intergenerationalen Dialog – und macht verdammt viel Spaß.

Gerade weil Tante und Nichte nicht immer einer Meinung sind: Sie profitieren von den Erfahrungen der jeweils anderen. Auch dann, wenn sie gänzlich anders handeln. Kritisch einhaken lässt sich bei dem Umstand, dass (Achtung Spoiler!) Tara verstirbt, weil sie nach einer Pride-Demo von einer Gruppe homopfeindlicher Männer angefahren und ihre Liebesgeschichte somit durch zum Klischee geronnenes „queeren Leid“ definiert wird. Es ist ein gängiger und auch nicht von der Hand zu weisender Vorwurf, dass Filme, die ein größeres Publikum erreichen wollen, zwar queere Figuren einbauen, diese aber dann nach kurzen Phasen des Glücks durch das ihnen zustoßende Leid definieren. „Brokeback Mountain“ wäre so ein Beispiel oder auch die ersten zwei Staffeln von „Star Trek: Discovery“. Auf der anderen Seite gehört es zu einem Drama dazu, Dinge anzuprangern, die angeprangert werden sollten und müssen, insbesondere dann, wenn solches Leid immer noch Realität ist. Am Ende des Tages verwehrt sich „Ellie & Abbie“ jedoch ein Stück weit dieser Lesart: Denn ja, das Leid der Vergangenheit ist da und präsent. Und genauso wie es Fortschritte gibt, gibt auch immer noch Menschen, für die die Gleichberechtigung aller Dorn im Auge ist.

Doch Regisseurin und Buchautorin Monica Zanetti belässt es nicht dabei! „Ellie & Abbie“ schöpft Kraft aus dem Austausch der beiden, Kraft daraus, dass zwar noch nicht alle Kämpfe gewonnen, es aber dennoch Fortschritte gibt. Tara bestärkt ihre Nichte darin, zu sich und ihren Gefühlen zu stehen, weil es für sie ein Stück weit einfacher ist als es für sie war – ohne die möglichen Konsequenzen auszublenden. Dieser Spagat gelingt so sicher, so souverän, dass die vorangegangenen Zeilen den Film schwermütiger erscheinen lassen als er ist. Denn vor allem ist „Ellie & Abbie“ eines: ein sehr humorvoller, ein sehr lebensbejahender, ein sehr warmherziger Film, der Humor, Trost und Kraft im Absurden findet. Denn was ist das Erwachsenwerden – und die erste große Liebe – anderes als absurd? Ein Film auf Augenhöhe mit seinem Publikum, gleichermaßen leicht wie dramatisch, ohne die beiden Seiten gegeneinander auszuspielen oder zu gewichten.

Jan Noyer


Übrigens: „Ellie & Abbie“ und andere tolle Filme sind Teil des Themendossiers „Gender & Lieben“. Werfen Sie doch mal einen Blick rein.

14+
Spielfilm

Australien 2020, Regie: Monica Zanetti, Homevideostart: 03.07.2025, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 82 Min., Buch: Monica Zanetti, Kamera: Calum Stewart, Schnitt: Nicole Thorn, Musik: David Chapman, Produktion: Head Gear Films (Mahveen Shahraki, Patrick James), Verleih: Arcadia, Besetzung: Sophie Hawkshaw (Ellie), Zoe Terakes (Abbie), Marta Dusseldorp (Erica), Rachel House (Patty), Julia Billington (Tara), Bridie Connell (Miss Trimble)