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Jupiter

ZDF-Mediathek: Auch Lea glaubt an die Lehren einer kosmischen Sekte. Doch als sie an einem Ritual teilnehmen soll, lehnt sich die Teenagerin auf.

Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Das kann kein gewöhnlicher Familienausflug in die Wildnis sein! Denn: Warum lässt der Vater den Autoschlüssel ganz bewusst auf dem Dach des Wagens liegen? Schon mit dieser frühen Szene baut Benjamin Pfohls Kinodebüt „Jupiter“ eine unheilvolle Atmosphäre auf. Gerade noch war die 14-jährige Lea mit Klassenkamerad*innen auf einer Party, und plötzlich befindet sie sich mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder Paul auf einer Reise in die Berge. Ihr Ziel: Das Lager einer kosmischen Sekte, der die Familie seit einiger Zeit angehört. Ein Komet, der in Kürze nahe an der Erde vorbeifliegen soll, ist für die Gruppe mehr als ein Himmelsspektakel. Die Kultmitglieder glauben, vom Jupiter zu stammen, und wollen endlich dorthin zurückkehren. An ihrem aktuellen Lebensort fühlen sie sich seit langem fremd, sind der festen Überzeugung, nur auf dem fernen Planeten eine Zukunft zu haben.

Das ist das Grundkonzept dieses eindringlichen Thriller-Dramas, das bereits 2023 seine Premiere auf dem Filmfestival in Zürich feierte. Die seit den Corona-Verwerfungen immer dringlichere Frage, wie sich Menschen radikalisieren, weshalb sie dubiosen Heilsversprechen nachlaufen, betrachtet „Jupiter“ durch die Augen einer Teenagerin. Einer innerlich spürbar zerrissenen Protagonistin. Einerseits würde Lea gerne ein bisschen sein wie ihre Mitschüler*innen. Sich schminken, feiern, das Leben genießen. Andererseits hat sie die Ideologie der Sekte verinnerlicht, reagiert auf Hänseleien mit einer zornigen Widerrede. Die Gesellschaft verschließe die Augen vor der Wahrheit. Der Mensch sei die Plage des Planeten, gehöre eigentlich nicht auf die Erde und könne deshalb an diesem Ort nicht glücklich werden.

Leas Reise in das Camp der ominösen Gemeinschaft und die Vorbereitungen auf ein wichtiges Ritual werden immer wieder unterbrochen von Rückblenden, die einschneidende Ereignisse im Leben der Familie bebildern. Was dabei nach und nach klarer wird: Paul ist geistig beeinträchtigt. Seine Eltern waren mit der Situation, den vagen medizinischen Diagnosen und dem Kampf um Unterstützung durch die Krankenkasse zunehmend überfordert. Sinn im Anderssein ihres Sohns fanden sie erst durch Begegnungen im Kreise des kosmischen Kults.

Eben hier liegt einer der wenigen Schwachpunkte des Films. Pauls Behinderung wird als Auslöser für den Eintritt in die Sekte inszeniert. Mehrfach wird betont, dass gerade Lea einen besonderen Zugang zu ihm habe. Nur: Richtig zu sehen kriegen wir das zu selten. Mehr noch: Der Junge hat keine eigene Persönlichkeit, wirkt wie ein rein funktionales Drehbuchelement. An diesem Punkt hätten Benjamin Pfohl und Koautorin Silvia Wolkan dann doch etwas genauer hinschauen sollen.

Sehr überzeugend kreiert „Jupiter“ dagegen mit seinen teils flirrend-entrückten Naturbildern eine latent bedrohliche Stimmung, die sich auch in Leas wachsenden Zweifeln ausdrückt. Was genau es mit dem Ritual in den Bergen auf sich hat, darüber wird sie von ihren Eltern im Unklaren gelassen. Als sie allerdings erkennt, welch wahnwitzige Entscheidung die Erwachsenen für sie treffen, bröckelt all das, woran sie bislang geglaubt hat. Psychologisch ist Leas Charakterbogen zwar nicht ganz ausgefeilt. In der letzten halben Stunde zieht das Coming-of-Age-Drama aber gekonnt die Spannungsschraube an und führt seine Hauptfigur an eine Gabelung von existenzieller Wucht. Was dem Film ebenfalls gut zu Gesicht steht: Wo andere Sektengeschichten ins Reißerische und Spekulative abdriften, setzt „Jupiter“ auf Understatement. Vor allem in der Darstellung des Gurus, dem Ulrich Matthes eine sowohl Geborgenheit als auch Abgründigkeit ausstrahlende Präsenz verleiht.

Christopher Diekhaus

© missingFILMs
16+
Spielfilm

Deutschland 2023, Regie: Benjamin Pfohl, Homevideostart: 21.12.2025, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 101 Min., Buch: Benjamin Pfohl, Silvia Wolkan, Kamera: Tim Kuhn, Musik: Gary Hirche, Ton: Attila Makai, Schnitt: Valesca Peters, Produktion: Martin Kosok, Alexander Fritzemeyer, Verleih: missingFILMs, Besetzung: Mariella Aumann (Lea), Laura Tonke (Barbara), Andreas Döhler (Thomas), Ulrich Matthes (Guru), Henry Kofahl (Paul) u. a.

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