Little Trouble Girls
Im Kino: Ein Kloster, ein Kuss und mehr. Der Ausflug des slowenischen Mädchenchors wirbelt die Gefühle der gläubigen Lucija gehörig durcheinander.
Die 16-jährige Lucija kommt neu in den Mädchenchor ihrer katholischen Schule. Dort lernt sie die zwei Jahre ältere Ana-Maria kennen. Die beiden freunden sich schnell an. Als der Chor im Sommer zu einem dreitägigen Probenwochenende in ein Kloster nach Norditalien fährt, kommen sich die beiden näher. Ana-Maria gibt sich selbstbewusst, hat anscheinend schon sexuelle Erfahrungen gemacht. Die sehr behütet aufgewachsene Lucija ist dagegen unerfahren. Als sie auf Drängen von Ana-Maria einmal probeweise einen Lippenstift auflegt, fängt sie sich von ihrer Mutter sofort eine Rüge ein. Ana-Maria macht bei einem Ausflug an einen idyllischen Bach einen erfolgreichen Annäherungsversuch: Es kommt zum ersten Kuss. Lucija ist hin- und hergerissen. Auch deshalb, weil ein junger attraktiver Bauarbeiter, der mit nacktem Oberkörper das Klostergebäude renoviert, ebenso ihr Interesse weckt. Ana-Maria bemerkt Lucijas Faszination für den muskulösen Arbeiter und stiehlt ihm ein verschwitztes T-Shirt.
Wenn bei Jugendlichen die Hormone durchdrehen und sich erste erotische Gefühle regen, stellen sich schnell unerklärliche Stimmungsschwankungen ein: Mal superglücklich, mal am Boden zerstört. Solche Turbulenzen erlebt auch die introvertierte Protagonistin im ersten langen Spielfilm der slowenischen Regisseurin und Drehbuchautorin Urška Djukić. Mit viel Fingerspitzengefühl und Gespür für die seelischen Nöte von Mädchen erzählt sie vom erotischen Erwachen der frommen Lucija, die sich ins Abenteuer der ersten Schwärmerei stürzt und erste sexuelle Erfahrungen macht. Das ambivalente Verhalten von Ana-Marija, die einerseits auf spielerische Weise erotische Initiativen ergreift und sich andererseits wie eine beratende Freundin gibt, verstärkt Lucijas Unsicherheit noch.
Der Coming-of-Age-Film erzählt konsequent aus der Perspektive seiner emotional aufgewühlten Protagonistin, die von der jungen Jara Sofija Ostan mit einer berückenden Natürlichkeit gespielt wird. Die Kamera begleitet die ersten tastenden Schritte der Heldin in unbekannte Gefilde in langen Einstellungen und in einer ruhigen Montage. Überhaupt bleibt die Kamera meist nah an den Gesichtern und Körpern der Figuren und schärft so unseren Blick auf die Vorgänge in ihrem Inneren.
Treibende Kräfte der Story sind vor allem die Bilder und die Blicke, die sich die Figuren zuwerfen. Das kann sogar voyeuristische Züge annehmen, wenn die beiden Mädels heimlich einige Bauarbeiter beim Schwimmen beobachten oder Lucija einen von ihnen nackt fotografiert. Während die Dialoge relativ karg bleiben, spielt die Musik eine große Rolle, etwa wenn Lucija, Ana-Maria und ihre Kolleginnen sich immer wieder zu Proben versammeln. Wenn sie angetrieben vom ehrgeizigen Chorleiter Bojan erst Atemübungen machen und dann Volkslieder oder christliche Kirchenlieder anstimmen, entsteht zuweilen eine meditative Stimmung, die als Kontrapunkt zur inneren Unruhe Lucijas dient. Kein Wunder, dass sich diese Unruhe immer stärker bemerkbar macht, Lucija sich manchmal nicht richtig konzentrieren kann und von Bojan zusammengestaucht wird, weil sie die Note nicht genau genug trifft oder zu leise singt.
So einfühlsam die Regisseurin den seelischen Aufruhr und die Orientierungssuche Lucijas auch schildert, bei der visuellen Gestaltung tritt sie hin und wieder ins Fettnäpfchen. Da wirken einige ihrer Bildsymbole allzu platt oder gar kitschig. Etwa wenn zu Beginn ein Bild an der Wand hängt, das an ein weibliches Geschlechtsteil erinnert, oder wenn farbenfrohe Blumenblüten zu sehen sind, in die eine Biene zum Bestäuben eindringt. Als Lucija beim „Wahrheit oder Pflicht“-Spiel das schönste Mädchen im Kloster leidenschaftlich küssen soll, überlegt sie kurz und schleicht dann mit den anderen Mädels zu einer Marienstatue, die sie hingebungsvoll auf den Mund küsst.
„Little Trouble Girls“, der von Slowenien für den Oscar für den besten internationalen Film eingereicht wurde, bettet Lucijas Ringen um ihre sexuelle Identität in ein enges soziales Korsett ein. In der katholischen Schule und im Kloster gibt es klare Hierarchien und strenge Regeln. Queeres Begehren gilt als Sünde. Über Sexualität generell wird im Kloster öffentlich nicht gesprochen, obwohl das Thema die Teenagerinnen brennend interessiert. So fragt Lucija eine Nonne in einer ruhigen Minute direkt nach ihren Erfahrungen mit dem Zölibat. Die Nonne hat sich scheinbar mit den normativen Vorgaben arrangiert und schwärmt von einer „Ehe mit Gott“. Und sie betont die Unabhängigkeit der Nonnen in einer Welt, die weitgehend von Männern dominiert wird.
Zum Ende hin baut Djukić in die einfühlsame Inszenierung surreale Bildfindungen ein, die die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen. Zu diesem atmosphärischen Schwebezustand passt das Finale, das offenlässt, ob Lucija sich nun mehr von Frauen, Männern oder mehreren Geschlechtern angezogen fühlt. Dafür scheint sie sich vom Chor zu lösen und bereit zu sein, einen eigenen, selbstbestimmten Weg einzuschlagen.
Reinhard Kleber
Kaj ti je deklica - Slowenien, Italien, Kroatien, Serbien 2025, Regie: Urška Djukić, Kinostart: 29.01.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 89 Min., Buch: Urška Djukić, Maria Bohr, Kamera: Lev Bredan Kowarski, Schnitt: Vladimir Gojun, Besetzung: Jara Sofija Ostan (Lucija), Mina Švajger (Ana Maria), Saša Tabaković (Chorleiter), Nataša Burger (Mutter/Helena), Saša Pavček (Schwester Magda), u. a., Verleih: Grandfilm
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