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Das fast normale Leben

Im Kino: Momente voller Glück, aber auch voller Sehnsucht, Wut und Ohnmacht. Dokumentarfilm über den Alltag in einer Wohngruppe der Jugendhilfe.

Mama und Papa spielen Computer den ganzen Tag und bei Oma läuft ständig die Kiste – erzählt Leni ihrer Betreuerin in der Wohngruppe für Kinder und Jugendliche der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort in Süddeutschland. Sie ist neu hier, möchte aber am liebsten wieder zu Hause wohnen. Ebenso wie die etwas ältere Lena. „Ich hasse es hier!“, schreit sie durch das ganze Haus. Immer wieder hat sie „aggressive Durchbrüche“, wie es in der sozialpädagogischen Fachsprache heißt. Manchmal darf sie ihren Vater besuchen, ihre leibliche Mutter kennt sie nicht. Aber auch beim Vater wird sie laut und ausfällig, wenn ihr etwas nicht passt. Er weiß sich dann nicht mehr zu helfen, resigniert. 

Auch Eleyna, schätzungsweise acht Jahre alt, kann ihre Wutausbrüche nicht steuern. Das ist ein Grund dafür, dass sie noch nicht wieder zu ihrer Mutter zurückkann. Aber auch Eleynas Mutter muss an sich arbeiten, muss psychisch stabil werden, um sich voll und ganz um ihre Tochter kümmern zu können. Erst dann kann das Jugendamt über eine „Rückführung“ nachdenken.

Und dann ist da noch die jugendliche Lisann. Nirgendwo ist sie bisher angekommen, immer wieder läuft sie weg. Sie ist von der Schule geflogen, wurde aus ihrer ersten Wohngruppe ausgeschlossen. Hier in der Jugendhilfe Friedenshort soll sie nun einen Neustart wagen, ihren Hauptschulabschluss machen. Sie interessiert sich für Elektronik, Mechatronikerin wäre ihr Wunschberuf. Die „psychische Beeinträchtigung“, die ihr die Ärzte bescheinigen, will sie nicht wahrhaben. Sie will nicht als „dumm“ bezeichnet werden.

Vier Mädchen – jedes auf seine Weise gezeichnet vom Leben und jedes auf seine Weise tapfer und selbstbestimmt. Zwei Jahre lang hat sie der Dokumentarfilmer Stefan Sick mit der Kamera begleitet. Stefan Sick interessiert sich für Themen, „bei denen unser Zusammenleben auf die Probe gestellt wird, für Menschen, die nicht in unsere Normbilder passen“.

In „Das fast normale Leben“ zeigt Stefan Sick den „fast normalen“ Alltag der vier Mädchen in der Wohngruppe, filmt sie beim Spielen, Sport treiben, Toben, Kochen oder Lernen, aber auch in Situationen, in denen sie außer sich sind und sich nicht mehr steuern können oder in denen sie eine unglaubliche Traurigkeit übermannt. Dabei bestimmen die Mädchen, wann die Kamera dabei sein darf und wann sie ausgeschaltet werden soll. Diese Szenen der Ohnmacht und Verzweiflung sind manchmal nur schwer auszuhalten. Nicht umsonst wird dem Film ein Hinweis vorangestellt, ihn in einem sicheren Umfeld zu schauen und dabei auf die eigenen Grenzen zu achten.

Es gibt aber auch sehr viele tröstende Momente. Immer wieder schiebt Stefan Sick Aufnahmen in Zeitlupe und unterlegt mit Musik ein, in denen die Mädchen voller Glück und Selbstvergessenheit schaukeln, Fahrrad fahren, im Meer baden oder Fußball spielen. Ebenso tröstend sind die Aufnahmen, wenn die Betreuerinnen mit viel Geduld auf die Kinder und Jugendlichen eingehen, sie in den Arm nehmen, sie in ihrer Persönlichkeit bestärken und die Ruhe bewahren, wenn sie „ausrasten“ und kein Argument sie mehr erreicht. 

Stefan Sick verzichtet auf jeglichen eigenen Kommentar. Er lässt die Mädchen zu Wort kommen, die Betreuerinnen, die Eltern sowie die Vertreterinnen und Vertreter der Jugendhilfe. Vor allem aber lässt er die Bilder sprechen, die uns Einblick gewähren in eine Welt voller Konflikte und doch auch voller Hoffnung.

Barbara Felsmann

© Mindjazz pictures UG
14+
Dokumentarfilm

Deutschland 2026, Regie: Stefan Sick, Kinostart: 22.01.2026, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 140 Min., Buch: Stefan Sick, Kamera: Stefan Sick, Ton: Marc Eberhardt, Alvaro Garcia, Schnitt: Ina Tangermann, Stefan Sick, Produktion: Ulla Lehmann, Andrea Roggon / AMA FILM

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