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Left-Handed Girl

Auf Netflix: Neustart in der Großstadt! Eine taiwanesische Familie kämpft gegen Geldknappheit, sozialen Ausschluss und alte Familiengeheimnisse.

Die alleinerziehende Mutter Shu-Fen kommt mit ihren beiden Töchtern I-Ann  und I-Jing nach Taipeh zurück in eine kleine Wohnung. Dort will sie einen Nudelstand auf einem Nachtmarkt eröffnen und einen Neubeginn wagen. Der nette Standnachbar ist stets hilfsbereit und die kleine Tochter der heimliche Star auf dem Markt. Doch es gibt viel Streit mit der älteren Tochter, die an einem Betelnuss-Stand arbeitet und mit den strengen Großeltern, die mit dem Lebensstil der kleinen Familie unzufrieden sind.

Das Geld ist stets knapp und die Existenzangst groß, umso mehr als der Exmann stirbt und die Mutter aus Loyalität die Beerdigung bezahlen will. I-Jing muss währenddessen zu den Großeltern und während die Oma sich in Menschenschmuggel verstrickt, verbietet der Großvater der kleinen Linkshänderin den Einsatz ihrer ‚Teufelshand‘. Das hat drastische Folgen: I-Jing beginnt, mit der linken Hand kleine Diebstähle zu begehen und schließlich stirbt ihr Erdmännchen-Haustier bei einem Unfall, nachdem sie mit der linken Hand einen Ball gerollt hatte, der aus dem Fenster fiel und das Tier hinterher sprang. Es ist die große Schwester, die der Kleinen hilft, alles wieder auszubügeln und das Diebesgut zurückzubringen. Doch die Familiengeheimnisse dreier Generationen kommen schließlich ans Licht, als die große Schwester schwanger wird.

„Left-Handed Girl“ erzählt diese prekäre Familiengeschichte größtenteils aus der Sicht der fünfjährigen I-Jing und nutzt dabei viele verspielte filmische Stilmittel wie ein Kaleidoskop zum Filmbeginn und das verspielte Streifen über den Nachtmarkt mit all seinen Verlockungen. Die Orte in Taipeh sind die heimlichen Stars des Films: Eine klaustrophobische Wohnung, der altbackene Großeltern-Schick und ein unübersichtlich-blinkender Nachtmarkt bilden den perfekten Hintergrund für die vielen Probleme der kleinen Familie. Mit skurrilen Figuren wie einem Erdmännchen und dem liebenswerten Verkäufer-Nachbarn, der alle möglichen Produkte anpreist, die niemand braucht, und als einziger ein riesiges Herz am rechten Fleck zu haben scheint, wird der Film immer wieder aus der Tristesse gerissen, die den Großteil der Handlung prägt.

Man guckt den erwachsenen Figuren tatsächlich bei vielen unangenehmen Situationen zu wie einem Schwangerschaftstest und Blutungen, es gibt zudem einige sehr offenherzige Sexszenen. Stellenweise verlässt der Film also die Kinderperspektive und ist nah an den erwachsenen Figuren, deren Realität dann komplett ohne den Naivitäts-Weichzeichner von I-Jing gezeichnet ist. Deren Kinderwelt besteht aus viel Freiraum und einem neugierigen Blick auf das Familienleben. Dieser brutale Wechsel lässt es fast wie zwei Filme in einem erscheinen und erhöht die Fallhöhe der Geschichte geschickt.

Esther Kaufmann

© Netflix
14+
Spielfilm

Taiwan, Frankreich, USA, Großbritannien 2025, Regie: Shih-Ching Tsou, Homevideostart: 28.11.2025, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 109 Min., Buch: Shih-Ching Tsou, Sean Baker, Kamera: Ko-Chin Chen, Tzu-Hao Kao, Schnitt: Sean Baker, Musik: (nicht genannt), Produktion: Good Chaos Cre, Film Le Pacte, Left-Handed Girl Film Productions, Verleih: Netflix, Besetzung: Nina Ye (I-Jing), Janel Tsai (Shu-Fen), Shih-Yuan Ma (I-Ann)

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