Boots
Auf Netflix: Um seinem Leben eine Richtung zu geben, geht der schwule Cameron zu den Marines. Doch 1990 sind Homosexuelle im Militär verboten.
„Wann ist ein Mann ein Mann?“ sang Herbert Grönemeyer in seinem halbsatirischen Hit „Männer“ aus dem Jahr 1984. Genau diese Frage könnte auch über der Netflix-Serie „Boots“ stehen, die sich intensiv mit Männlichkeitsbildern und deren Einfluss auf die Entwicklung von Teenagern befasst. Das Spannende daran: Die nach einer Staffel eingestellte Dramedy nimmt ein in Film und Fernsehen gut erforschtes Szenario, die US-amerikanische Militärausbildung, und verpasst diesem einen frischen Dreh. Schreiende Ausbilder*innen und knallharte Trainingsmethoden kennen wir aus Arbeiten wie „Full Metal Jacket“ (Stanley Kubrick, 1987) nur zu gut. Genau in dieses Haifischbecken taucht hier der schwule Teenager Cameron ein, der einen Teil seiner Identität verbergen muss, weil 1990, im Jahr der Handlungszeit, Homosexualität in der Armee gesetzlich verboten ist.
Auf die Idee, sich den Marines anzuschließen, kommt der von Mobbingerfahrungen geprägte, orientierungslose Protagonist durch seinen besten Kumpel Ray, der als Einziger um Camerons sexuelle Orientierung weiß. Gemeinsam durchlaufen die beiden ein Bootcamp, das offenkundig darauf abzielt, die Auszubildenden zu brechen und sie an die Grenzen der Belastbarkeit zu führen. Homofeindliche Beleidigungen, rassistische Kommentare und bewusste Schikanen sind an der Tagesordnung. Der einzelne Mensch und das Individuelle stehen nicht im Vordergrund. Was zählt, sind das Funktionieren der Gruppe und der bedingungslose Wille zur Disziplin.
All das haben, wie erwähnt, schon andere Filme und Serien durchgespielt. „Boots“, eine Adaption des Tatsachenberichts „The Pink Marine“ von Greg Cope White, interessiert sich dann aber etwas mehr als andere Vertreter für die Dynamiken innerhalb der Ausbildungscrew und die Hintergründe einiger Charaktere. Cameron etwa stammt aus verkorksten Familienverhältnissen, wurde von seiner Mutter Barbara lange nicht richtig beachtet. Doch jetzt, als er unverhofft in Richtung Marines aufbricht, hat sie auf einmal Angst, ihn zu verlieren. Eine wichtige Rolle spielt auch seine Beziehung zu Ray, die während des Bootcamps Höhen und Tiefen erlebt. Immerhin ist sein Freund von Anfang an mit spürbarer Verbissenheit dabei. Der Grund? Nur zu gerne möchte Ray seinem autoritären Vater, der im Militär Karriere gemacht hat, beweisen, dass auch er sich voll fokussieren und seine Unsicherheiten überwinden kann. Das reaktionäre Credo „Ein Mann zeigt keine Schwächen!“ hallt bei ihm als omnipräsentes Echo nach.
Camerons eigener Kampf, das Ringen zwischen seinem wahren Ich, seinen wahren Bedürfnissen und dem, was er nach außen darstellen will und muss, rückt die Serie ganz konkret ins Bild. Ab und an taucht ein selbstbewussteres Alter Ego auf, verwickelt den frischgebackenen Rekruten in kurze Zwiegespräche oder spornt ihn an, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Wie mit unterdrückter Sexualität auch umgegangen werden kann, zeigt das Beispiel des in der zweiten Folge eingeführten Drill-Sergeants Sullivan. Seine nicht ausgelebte Identität verbirgt der Ausbilder hinter einem umso härteren Auftreten. Interessante Einblicke bekommen wir auch von Camerons Bettnachbarn. An einer Stelle bekennt der junge Afroamerikaner, die Marines ausgewählt zu haben, weil sie als Inbegriff des Patriotismus gelten. Nur so könne er endlich gesellschaftliche Anerkennung erlangen.
Kluge, erkenntnisreiche Szenen wie diese zieht „Boots“ immer mal wieder aus dem Ärmel. In erster Linie funktioniert die Serie aber als flott inszenierte, vor allem in der Hauptrolle mitreißend gespielte Coming-of-Age-Story, die den Unterhaltungswert nie aus den Augen verliert. Dass das amerikanische Verteidigungsministerium sie in einer offiziellen Stellungnahme als „woken Müll“ herabqualifizierte, ist nicht nur Ausdruck des in den USA tobenden Kulturkampfes. Anscheinend hat in der Trump-Regierung auch niemand richtig hingeschaut. Komplett verteufelt wird das Militär trotz der knallhart dargestellten Ausbildung nämlich keineswegs. Ein Punkt, über den nach der Sichtung wunderbar diskutiert werden kann.
Christopher Diekhaus
USA 2025, Serien-Idee: Andy Parker, Jennifer Cecil, Regie: Andy Parker, Norman Lear, Homevideostart: 09.10.2025, FSK: ab 16, Empfehlung: ab 16 Jahren, Laufzeit: 8 Episoden à 40 bis 50 Minuten, Buch: Andy Parker, Jonathan Caren, Andrea Ciannavei u. a., Kamera: Bruce Francis Cole, Pedro Gómez Millán, Musik: Jongnic Bontemps, Ton: Matthew E. Taylor, Schnitt: Cindy Mollo, Chris A. Peterson, Carol Stutz, Produktion: Norman Lear, Andy Parker, Rachel Davidson, u. a., Anbieter: Netflix, Besetzung: Miles Heizer (Cameron), Liam Oh (Ray), Max Parker (Sullivan), Cedrick Cooper (McKinnon), Vera Farmiga (Barbara) u. a.
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