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| von Reinhard Kleber

Wie ein junges Publikum und Dokumentarfilme zueinander finden

Dem Dokumentarfilm widmete das Internationale Festival für junge Filmfans „Lucas‟ 2021 einen breitgefächerten Schwerpunkt. Dazu zählten nicht nur spannende Filme im Programm, sondern auch zwei Panels. Die in diesen vorgestellten Beispiele sind inspirierend. Aber sie machen auch Herausforderungen deutlich.

"US Kids" Cargo Film & Releasing | Quelle: DFF

Wie können wir unsere Leidenschaft für Dokumentarfilme an junge Menschen vermitteln? Und wie können wir künstlerische Dokumentarfilme so gestalten, dass sie ein junges Publikum erreichen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich zwei Diskussionsrunden mit Fachleuten bei „Lucas‟, dem Internationalen Festival für junge Filmfans in Frankfurt am Main, das in diesem Jahr dem Dokumentarfilm einen breitgefächerten Schwerpunkt widmete.

Zu diesem Fokus des 44. „Lucas‟, der vom 30. September bis 7. Oktober 67 kurze und lange Filme aus mehr als 30 Ländern zeigte, gehörten vier sehenswerte Langfilmdokus in den Wettbewerben. Auch Kinonovizen kamen in dieser Hinsicht nicht zu kurz, denn für Zuschauer ab drei Jahren war das dokumentarische Kurzfilmpaket „Frame the World‟ bestimmt. Zudem gastierte DOK.education, der Bildungsarm des internationalen Dokumentarfilmfestivals München, mit drei Kurzfilmen und Workshops in Frankfurt. DOK.education bietet eine Online-Plattform, die Schulklassen aus dem Klassenzimmer, im Distanzunterricht oder als Hausaufgabe betreten können. Mit ihrer „Schule des Sehens‟ hat sich die Initiative zur Aufgabe gemacht, Kindern die Wahrheit und Wirklichkeit einer dokumentarischen Filmerzählung verständlich zu machen.

Aus dem Nichts, in die ganze Welt

Das erste Panel versammelte online eine Gruppe von Filmvermittler*innen mehrerer europäischer Initiativen, die ihre Erfahrungen auf Englisch mit dem jungen Publikum austauschten und über Motivation und Erfolge ihrer Filmbildungsprogramme berichteten. Der belgische Produzent und Vertriebsexperte für Kinderprogramme Gert Hermans schilderte eingangs, wie er im Zuge einer beruflichen Neuorientierung 2014 bei einem Symposium in Köln zum Themenkreis Dokus für Kinder stieß und dabei entdeckte, welchen Einfluss solche Filme auf Heranwachsende haben können. Als langjähriger Herausgeber des Journals der European Children's Film Association (ECFA) wirkte er daran mit, 2016 den ersten ECFA Doc Award ins Leben zu rufen, der herausragende Dokumentarfilme für das junge Publikum würdigt. Dabei kooperiert der Verband mit doxs!, der Kinder- und Jugendausgabe der Duisburger Filmwoche. Über den Preisträger entscheiden alle 150 ECFA-Mitglieder.

Da in Belgien traditionell keine Dokus für Kinder und Jugendliche hergestellt werden, lag es nahe, eine solche Produktionsinitiative zu starten. So wurde 2018 Ket & Dog gegründet, ein Programm für flämische Filmemacher*innen, die Dokus für junge Zuschauer*innen machen wollen und dazu eine Workshop-Reihe absolvieren können. Getragen wird das Programm von der Fördereinrichtung Flemish Audio-visual Fund (VAF), dem Kinderfilmfestival JEF in Antwerpen und dem TV-Jugendprogramm Ketnet des öffentlich-rechtlichen Senderverbunds. Es sieht vor, jedes Jahr fünf dokumentarische Arbeiten zu je 15 Minuten zu realisieren. Zwei Jahrgänge sind bereits absolviert, die dritte Ausschreibung läuft. „Stellen Sie sich vor: Wir haben mit nichts angefangen und bald werden wir schon 15 fertige Filme haben‟, sagte Hermans voller Begeisterung in Frankfurt.

Bewährt habe sich dabei die Praxis, einen fast fertigen Film einer Fokusgruppe von zehn bis 15 Kindern zu zeigen. Aus dem Feedback dieser Testvorführung resultierten manchmal kleine, aber wichtige Änderungen. Als „vitalen Partner‟ des Programms nannte Hermans den Kids & Docs Workshop des Internationalen Dokumentarfilmfestivals (IDFA) in Amsterdam. In diesen Workshops können ausgewählte Regietalente mit erfahreneren Kolleg*innen einen Filmstoff entwickeln und als 15-minütigen Dokumentarfilm umsetzen. Das Ergebnis wird dann später auf dem Festival gezeigt. Inzwischen sind in diesem Rahmen bereits mehr als 70 Produktionen entstanden, die vielerlei, auch schwierige Themen behandeln. Sie wurden in aller Welt gezeigt und haben etliche Preise gewonnen.

Ein junges Publikum finden und unterstützen

Die Filmvermittlerin und Kuratorin Judith Funke stellte auf dem Panel das Filmvermittlungsprojekt „Reality Bites‟ des Filmbüro NW in Köln vor. Die gleichnamige Filmreihe setzt sich mit wichtige Fragen auseinander: „Wie bilden Filme Realität ab? Und wie prägen sie unsere Sicht auf die Welt?‟ Das Konzept sieht vor, dass Schüler*innen und Studierende Filme jenseits des Mainstreams sichten, um diesen Fragen nachzugehen. Ihre Favoriten präsentieren sie in Vorführungen auf der großen Leinwand in Köln, Bochum, Dortmund und Wuppertal und diskutieren danach mit Filmschaffenden und Zuschauer*innen im Kino.

Den Anstoß für das Projekt gab eine Beobachtung Funkes. Als sie von 2016 bis 2018 das Kino im U in Dortmund leitete, vermisste sie junge Leute im Publikum. Und fragte sich dann: „Was wollen die sehen?‟ So entstand die Idee, junge Leute mit Hilfe eines Coachings dabei zu unterstützen, ihr eigenes Programm zu selektieren. Mittlerweile arbeitet Funke daran, die Altersgruppe 16+ in das Projekt einzubinden, hat dabei aber festgestellt, „dass dort die Geschmäcker so unterschiedlich und die Interessen so vielfältig sind‟.

Isabel Minguillon skizzierte den Ansatz von Learning by docs, dem Bildungsarm des Festivals Docs Barcelona, der anstrebt, Wissen über Dokumentarfilm ins Bildungssystem zu transferieren. Dazu hat das Festival eine Sektion für Youngsters eingerichtet, die Bildung und dokumentarische Formate zusammenbringen soll. Zudem will die Initiative Lehrer*innen beim Einsatz von Dokumentarfilmen im Unterricht unterstützen. In Frankfurt rief Minguillon dazu auf: „Lasst uns die Fenster öffnen! Kinder müssen wissen, welche unterschiedlichen Typen und Varianten von Filmen es gibt.‟

Auf Augenhöhe erzählt

Das zweite Panel, das live im Kino des Deutschen Filmmuseums stattfand und simultan per Zoom gestreamt wurde, widmete sich dem Thema „Schauen wir der Realität ins Auge: Dokumentarfilme für junge Zuschauer*innen‟. Es bot Filmschaffenden ein Forum, um ebenfalls in englischer Sprache über zentrale Herausforderungen für Dramaturgie, Finanzierung und Vertrieb von Dokumentarfilmen für Kinder und Jugendliche zu diskutieren. Dabei verglichen Filmschaffende und andere Branchenvertreter*innen aus Europa ihre Erfahrungswerte mit Kolleg*innen aus den Vereinigten Staaten.

Breiten Raum nahmen zunächst die Ausführungen der US-Regisseurin Kim A. Snyder zu ihrem Dokumentarfilm „US Kids‟ ein, der als Beitrag des „Lucas‟-Wettbewerbs 16+ nach dem Panel im Kino des Deutschen Filmmuseums lief. Er schildert eine spektakuläre Protestaktion der überlebenden Opfer eines Amoklaufs an einer Highschool in Parkland in Florida, bei dem 2018 ein 19-jähriger Ex-Schüler 17 Jugendliche und drei Erwachsene erschoss. Einige junge Überlebende wie Emma Gonzalez starteten Protestaktionen wie den „March for our lives‟, auf dem sie eine stärkere Beschränkung des Zugangs zu Schusswaffen in den waffenvernarrten USA forderten und zum Boykott der einflussreichen Waffenlobby National Rifle Association aufriefen. Über 18 Monate begleitete Snyder die jungen politischen Aktivist*innen zu vielen Auftritten in allen Bundesstaaten.

Zur Frage der Moderatorin Heleen Gerritsen vom Filmfestival GoEast nach der Zielgruppe sagte Snyder, sie habe sowohl junge als auch ältere Zuschauer*innen im Blick gehabt. Bei den Gesprächen mit den Protagonist*innen wollt sie „mehr einfangen als nur Kummer und Schmerz‟. Ihr sei es vor allem darum gegangen, den „Prozess der Heilung‟ zu begleiten. Dabei habe sie einen Ansatz der Kollaboration verfolgt.

YouTube kann helfen

Auf reges Interesse stieß der Bericht von Cole Sax, dem amerikanischen Ko-Regisseur der Doku „World Debut: From Outsiders to the Olympics‟, die prominente Vertreter*innen von drei Sportarten vorstellt, die vor Jahren noch Lifestyle-Moden waren, aber angesichts starker Wachstumsraten erstmals zu den Olympischen Sommerspielen zugelassen wurden: Skateboarding, Surfing und Sportklettern. „Ich hoffe, dass Eltern, Gemeinden und Führungspersönlichkeiten die positiven Auswirkungen sehen können, die diese Sportarten auf Individuen haben. Nicht nur in körperlicher Hinsicht, sondern auch spirituell, emotional und sozial‟, sagt Sax zum Anliegen des Films.

Auf die Frage, wie er seine Filmstoffe findet, sagte Sax, er brauche eine „persönliche Verbindung‟ zu der Geschichte. „Außerdem ist geistiges Durchhaltevermögen notwendig.‟ Das brauchte er wohl auch bei der Umsetzung des Projekts, das als Reihe kurzer Sportler*innenporträts begann, aber als 90-minütige Doku erst durch die Beteiligung von YouTube realisiert werden konnte. Der populäre US-Videodienst beteiligte sich nämlich über seinen Produktionsarm YouTube Originals an dem Film, der kostenfrei abrufbar ist. Nach Angaben von Sax finanziert YouTube Originals auch dokumentarische Formate, die sich in erster Linie an Heranwachsende richten. Und das mit Budgets, die für europäische Verhältnisse üppig ausfallen.

Erstaunliche Fortschritte im Kosovo

Am spannendsten waren beim zweiten Panel allerdings die Schilderungen des Filmproduzenten und Leiters des Dokulab in Prizren, Eroll Bilibani, der über die Aktivitäten der Bildungsabteilung des Dokumentar- und Kurzfilmfestivals Dokufest in der Hauptstadt des Kosovo berichtete, das seit der Gründung 2002 zum größten Festivals des Balkanlandes avancierte. Das Dokulab betreibt ein Filmproduktionszentrum für Jugendliche und eine Lehrer*innenfortbildung zum Einsatz von audiovisuellen Werken in Klassenzimmern. Hervorgegangen ist es aus der Festivalsektion Doku Kids, die angelehnt an internationale Vorbilder vor zwölf Jahren zunächst Kinoclubs ins Leben rief, dann aber erkannte, wie wichtig Lehrer*innen sind, wenn man Kinder und Jugendliche und Dokumentarfilme zusammenbringen will. Dabei half die Einführung eines neuen Schulcurriculums im Jahr 2016 im Kosovo, das zu den ärmsten Ländern Europas zahlt. Der neue Lehrplan ermöglicht es, das Thema Film in den Unterricht einzubinden. Seitdem lädt das Festival jährlich etwa 20 Lehrer*innen zu zweitägigen Workshops ein und hat inzwischen ein regionales Netzwerk zur Distribution entsprechender Filme in den Balkanländern aufgebaut.

Hilfreich sei die enge Kooperation mit der dänischen Stiftung The Why gewesen, die dem Kosovo-Festival unter anderem bei der Beschaffung von Filmen half, berichtete Bilibani. 2012 steuerte die Stiftung unter anderem die Kurzfilmreihe „Why Poverty?‟ bei, die im Rahmen des Projekts „Kino vor deiner Tür‟ gezeigt wurde. Bei diesem Projekt zeigen Wanderkinos kurze und lange Filme vor allem in Dörfern und Vororten von Großstädten. Der Einsatz von mobilen Leinwänden war zugleich eine Schlüsselkomponente im Bildungsprogramm „Schulen und Dokumentarfilme‟, das durch 43 Schulen und Bildungseinrichtungen tourte und dabei vorzugsweise mit marginalisierten Gemeinden kooperierte. Ziel war dabei, den Lehrkräften zu zeigen, wie man Filme einsetzen kann, um Resilienz und gewaltfreie Lösungen zu fördern und so junge Menschen zu motivieren, für ihre Rechte einzustehen.

Mut zum Brückenbauen, Mut zum Aufbruch

Mit der 2013 gegründeten Firma Storyhouse in Brüssel hat der Produzent Maarten Schmidt schon mehr als 20 Filme, die meisten davon Dokumentarfilme, hergestellt. Er dürfte 2017 mit "Si-G is my Rap Name" der erste gewesen sein, der in Belgien einen Jugenddokumentarfilm produziert hat. Diese Doku gab den Anstoß zu der oben erwähnten Produktionsinitiative Ket & Dog aus Flandern. In diesem Rahmen wagte sich Schmidt auch an eher schwierige Themen: So schildert „Yaren and the Summer Camp‟, wie das Mädchen Yaren, deren Mutter vor vier Jahren gestorben ist, andere Kinder trifft, die ebenfalls nahestehende Menschen verloren haben. Und in „Angry‟ geht es um Kinder, die so aggressiv sind, das in einer psychiatrischen Station einer Klinik untergebraucht werden müssen. So gern er solche Stoffe auch umsetzt, sein Resümee auf dem Panel klang ernüchternd: „Es ist wirklich schwer, Käufer*innen für Inhalte für Kinder zu finden.‟

Mehr Mut zum Brückenbauen zwischen den Generationen und einen besseren Austausch von Erfahrungen forderte schließlich Brigid O'Shea vom Berufsverband Documentary Association of Europe (DA), den sie im Februar 2020 mitbegründete. Die frühere Leiterin der Branchenplattform Dok Industry beim Festival Dok Leipzig stellte die DA vor, die sich als „paneuopäisches Netzwerk‟ aller Dokumentarfilmschaffenden versteht, dem Einzelpersonen wie Institutionen beitreten können. Eine wichtige Rolle spiele dabei zunehmend auch der Dokumentarfilm für Kinder und Jugendliche, sagte O'Shea und gab den Panel-Teilnehmer*innen eine womöglich wegweisende Analyse mit auf den Heimweg: „Wir sind zu konservativ in Europa, wenn es um das Produzieren von Inhalten für junge Menschen geht.‟

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