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| von Rochus Wolff

Weihnachten und Liebesdinge

Die 64. Nordischen Filmtage boten auch in diesem Jahr wieder einen bemerkenswerten Überblick über die Kinder- und Jugendfilmproduktion vor allem in den skandinavischen und baltischen Staaten. Besonders auffallend: Die Fülle an weihnachtlichen Themen, ganz passend zur Festival-Jahreszeit. Und variantenreiche Filme über Liebe.

"Weihnachten im Dschungel" (c) Locomotive

Das Kinderfilmprogramm der Nordischen Filmtage eignet sich, könnte man sagen, schon durch den Festivaltermin Anfang November, wenn es langsam dunkel wird und man sich eigentlich schon den Advent herbeiwünscht, für Kerzen und Zimtgeruch. Auch die geografische Ausrichtung passt ja hervorragend für Weihnachtsfilme. Nicht nur schneit es in Nordeuropa noch immer häufiger und mehr als anderswo, es kamen auch einige der schönsten saisonalen Streifen in den vergangenen Jahren vor allem aus Skandinavien.

Weihnachten ist überall

Gleich drei Langfilme mit Christbaumschnuck gab es im wunderbar üppigen Kinder- und Jugendfilmprogramm des Festivals diesmal zu sehen, wobei der Baum nicht immer dem klassisch-europäischen Nadelbaum entsprach. In „Weihnachten im Dschungel“ (Jaak Kilmi, 2020), der Titel verrät da womöglich schon so einiges, findet sich eine Familie aus Lettland kurz vor Weihnachten in Indonesien wieder, der Vater hat dort neue Arbeit in einem Labor gefunden. Aber statt der gemeinsamen Familienaktionen, die Paula von der Vorweihnachtszeit erwartet, ist Papa kaum zu Hause, Mama ziemlich genervt, und ihre große Schwester Kate rebelliert mit einem Nasenpiercing.

Um diesen ganzen Kuddelmuddel mit einem klaren Wunsch zum Fest zu beenden, macht sich Paula mit ihrem neuen Freund und Schulkameraden Akhim auf den Weg in den Dschungel – dort, hat Akhim erzählt, wohne schließlich der Weihnachtsschamane, der werde bestimmt alle Wünsche erfüllen. Bis dahin gibt es kandierte Heuschrecken am Stiel statt Schokoweihnachtsmänner.

Jaak Kilmis Film changiert zwischen Fantasie und leicht überspitztem Familiendrama, zwischen Road Movie und Abenteuerfilm. Er blickt dabei mit einem spürbar fremdelnden Blick auf Paulas neue Heimat, der gerne im Exotismus gründelt, um gleich anschließend westliche Vorurteile ironisch zu brechen – wenn zum Beispiel Paula und Akhim Angst vor den „Kannibalen“ eines Dorfes haben, die erst recht bedrohlich gucken und dann freundlich lächelnd die beiden Ausbrecher*innen aus der großen Stadt mit ihren nagelneuen Smartphones filmen.

Am Ende hilft weniger das Wünschen als direkte Aktion, die hier auch gleich noch antikapitalistisch-ökologisch in Form einer politischen Guerilla-Maßnahme daherkommt.

Hohe Erwartungen und ein offenes Auge für Naturmythen

Der Kampf gegen Ausbeutung und Armut ist natürlich ein schon grundsätzlich weihnachtliches Thema. Auch in „Birta“ (2021) aus Island von Bragi Þór Hinriksson schwingt das unterschwellig mit: Weil ihre weitgehend alleinerziehende Mutter (Papa ist mit der neuen Freundin drüben in Skandinavien, wo alles billiger ist) nicht genug Geld hat, glaubt Titelheldin und Schulkind Birta, sie müsse 100.000 Kronen verdienen, damit Weihnachten überhaupt stattfinden kann. Gemeinsam mit dem Nachbarsjungen und einem älteren Ehepaar schmiedet sie Pläne, aber so richtig glatt geht alles nicht.

Das ist natürlich kein Kampf gegen schwere Armut: Birta lebt immer noch in relativ entspannten Verhältnissen im wohlhabenden Island. Aber unterschwellig nimmt der Film eben doch nicht nur auf, wie groß die Erwartungen an das Weihnachtsfest sind: Er legt mit einem kurzen Blick in eine Familie mit weniger großem Einkommen schroff frei, wie sehr ein gelungenes Fest in der vorherrschenden Imagination immer auch eine Wohlstandsfeier ist. „First-World-Problems“, aber eben doch Probleme, die vor allem die Kinder sehr ernst nehmen.

"Birta" (c) Icelandic Film Centre

 

Etwas ins Schräge wird der Wunsch nach einem perfekten Weihnachtsfest dann in Will Ashursts „Weihnachten in KuhToppen“ (2020) aus Norwegen gedreht, einem neuen computeranimierten Kinderfilm aus dem Hause Qvisten Animation. Dort hat man zum Beispiel mit den „Louis & Luca“-Filmen (Rasmus A. Sivertsen, seit 2013) oder „Zwei Freunde und ihr Dachs“ (Rasmus A. Sivertsen, Rune Spaans, 2018) schon einige Meriten gesammelt.

Im zweiten Film aus der Ortschaft KuhToppen soll das Kalb Klara ihr Weihnachtsfest bei ihrem Vater auf dessen Bauernhof verbringen. Weil Papa aber noch nicht dekoriert hat, füttert Klara den sonst gut versteckten Weihnachtswichtel (einen sehr, sehr niedlichen Wichtel übrigens, dessen Augenbrauen außen vor seiner Wollmütze zu schweben scheinen) mit Haferbrei – allerdings zu früh und zu oft, so dass er nach anfänglicher Hilfsbereitschaft schnell zu einem sehr garstigen Zeitgenossen mutiert.

Das bleibt, obwohl es im Sinne der Fütterung ein wenig an Joe Dantes „Gremlins“ (1984) erinnert, stets sehr kindertauglich-freundlich (und findet natürlich auch eine gute Auflösung), wirft aber doch die Frage auf, welche magischen oder natürlichen Kräfte um uns herum noch wirksam sind – und ob sie womöglich nicht immer zufrieden damit sind, wie wir mit ihnen umgehen.

Das skandinavische Kino hat für diese Themen und die damit verbundenen Naturmythen ja durchaus ein offenes Auge, und man sah das in diesem Jahr auf den Nordischen Filmtagen auch an Beispielen, die das über Fantasy-Elemente bis sanften Grusel ansprachen: Sowohl „Sihja – die rebellische Elfe“ (Marja Pyykkö, 2021) als auch „Nelly Rapp, Monsteragentin“ (Amanda Adolfsson, 2020) sind ja in diesem Jahr auch schon auf anderen Festivals zu sehen gewesen.

Erste Liebe in vielen Varianten

Und sonst? Verhandelte das Kinder- und Jugendprogramm Liebe in unterschiedlichsten Konstellationen, vor allem in bedrängten und marginalisierten Familien (etwa in den wunderbaren „Der Affenstern“ (Linda Hambäck, 2021) und „Der erste Schnee“ (Hamy Ramezan, 2020) , beide große Erfolge in diesem Festivaljahr) oder gar zum ungeborenen Kind (im sensationellen „Ninjababy“ (Yngvild Sve Flikke, 2020).

Dazu kam natürlich erste oder nicht mehr ganz erste Liebe in jeweils spezifischen historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Da gibt es den elfjährigen Außenseiter in „Buster“ (Martin Miehe-Renard, 2021) der als einziges echtes Hobby die Zauberei hat und alles daran setzt, genug Geld für die Zaubertricks zusammenbekommen, die er für eine Bühnenshow braucht. Mit der Show will er Geld gewinnen, um seine Eltern zusammen in Urlaub schicken zu können – um deren Liebe macht er sich nämlich Sorgen, während er gleichzeitig in das neu zugezogene Mädchen verschossen ist. Aber nimmt diese ihn neben dem coolen, reichen Jungen, der direkt neben ihr wohnt, überhaupt wahr?

Martin Miehe-Renards Film lässt viele Antworten dazu lange schweben, bevor er am Ende Kinomagie spielen lässt, den Wert von Freundschaften und Versprechen beschwört und alte und neue Liebende auf wundersame Weise zusammenbringt. (Es könnte damit auch ein Weihnachtsfilm sein.)

"Buster" (c) Bastian Schiøtt

 

Etwas ernsthafter geht „Eva & Adam“ Caroline Cowan, 2021) an junge Liebe heran: Denn in dem schwedischen Film lernt der Titelheld die Titelheldin kurz nach seinem Umzug kennen und ist ziemlich verwirrt, weil er doch gerade erst vor seinem Umzug mit seiner Freundin Molly dort einen ersten Kuss getauscht hatte. Caroline Cowan macht daraus eine ernsthafte, aber auch lustige und sehr zarte Liebesgeschichte, in der die Sache mit der ersten Liebe so groß und verunsichernd und verwirrend ist wie im wahren Leben.

Zugleich zeigt sie Wege auf: Die Konflikte und Missverständnisse lösen sich nicht in Luft auf (es geht um Tierschutz und Beziehungskonzepte, im Hintergrund klirrt das Porzellan zerbrochener Ehen einiger Eltern), aber sie lassen sich durch Zuwendung und Gespräche aufnehmen. Und sind dann vielleicht doch nicht so groß und kompliziert, wie sie anfangs erscheinen. Dabei duckt sich „Eva & Adam“ nicht vor den Schwierigkeiten weg und ertränkt sie in künstlich behauptetem Glück, sondern lässt seine Protagonist*innen auch ein wenig leiden und daran wachsen.

Eine Familiengeschichte, die eine neue Perspektive öffnet

Unterschiedliche Familienkonstellationen und erste Liebe gibt es auch in „Goodbye Soviet Union“ (Lauri Randla, 2020), aber der Titel lässt schon erahnen, dass die Emotionen mehr ein Vordergrund sind, ein Vehikel, während im Hintergrund Weltgeschichte abläuft.

Das muss nicht schlecht sein, und es ist auch durchaus unterhaltsam: Johannes wird im damals noch sowjetischen Estland ein wenig zu früh geboren, seine Mutter will zudem wirklich nicht sagen, wer der Vater ist. Weil die Brutkästen knapp sind, muss er sich seine Box mit der frisch geborenen Tochter eines Soldaten teilen, der er viele Jahre später wieder begegnen wird. Dann ist es Liebe auf den zweiten oder dritten Blick, aber es ist alles nicht so einfach in einer geheimen Stadt in einem zerfallenden Staat – auch und vielleicht gerade für Schulkinder nicht.

"Goodbye Soviet Union" (c) Exitfilm 2019

 

Lauri Randla, der auch das Drehbuch verfasst hat, hat hier wohl auch eigene Erfahrungen verarbeitet: Es geht um Bürokratie, Kleingeister, Kapitalismus, am Rande auch um Afghanistan, Atomkraft und natürlich Perestroika. Das ist mit der großen Geste und den erzählerischen Verschränkungen erzählt, die man zum Beispiel von Erzählern wie John Irving kennt. Das ist sehr voraussetzungsreich und ergibt für das junge Publikum im Westen wahrscheinlich nur dann Sinn, wenn sie mehr über die Sowjetunion wissen als derzeit in Schulen vermittelt wird.

Und gerade dafür ist dann aber die Perspektive der Nordischen Filmtage umso wichtiger: Weil sie solche Perspektiven aufmacht, die man sonst womöglich jenseits der baltischen Staaten kaum zu Gesicht bekäme. Dabei wäre es so gut, es gäbe mehr davon.

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