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| von Reinhard Kleber

Vom Staunen zum Selbermachen

Bereits zum 29. Mal fand das Internationale Kinderkinofestival Schwäbisch Gmünd, kurz Kikife genannt, 2022 statt. Im Laufe der Jahre ist die einstige Lokalveranstaltung im Schwabenland zu einem der größten Kinderfilmfeste in Süddeutschland geworden. Bemerkenswert ist insbesondere das umfassende medienpädagogische Rahmenprogramm, das Kindern neue Perspektiven auf Filme eröffnet und manche auch schon zu einer Karriere in der Filmbranche inspiriert hat.

Filmbild: How I learned to fly
"How I learned to fly" (c) Sense Production / Quelle: Kikife

Die Coronavirus-Pandemie hat auch das Internationale Kinderkinofestival Schwäbisch Gmünd (Kikife) schwer gebeutelt: 2020 wurde es zwei Wochen vor dem geplanten Beginn abgesagt, 2021 die 28. Ausgabe vom üblichen März-Termin auf den Oktober vertagt und in diesem Jahr die 29. Ausgabe erstmals auf den Juni verschoben. Neben sieben Wettbewerbsfilmen liefen diesmal 21 Filme im Rahmenprogramm auf der großen Leinwand.

Der Wechsel auf einen Sommertermin fällt den Veranstaltern nun gleichsam auf die Füße. Lockte das Festival vor der Pandemie stets mehr als 4.000 Besucher an und im Oktober 2021 immerhin knapp 3.000 Besucher, so waren es diesmal nur etwas über 1.800 Gäste. Als Ursachen gelten die sommerlichen Temperaturen und viele nachgeholte Sommer- und Dorffeste im Umland. Außerdem scheuten sich so manche Lehrer*innen, mit der Klasse zwei Mal im Schuljahr ins Kino zu kommen. Wegen zu kurzer Vorbereitungszeit wurde auch der Einsatz der Kinderreporter*innen gestrichen – im Vorjahr hatten 25 Schüler*innen der Adalbert-Stifter-Realschule mit ihrer Lehrerin Agnes Rimkus eine Woche lang Filme gesichtet, rezensiert, mit Gästen gesprochen, Interviews geführt und ihre Texte in einem Magazin zusammengefasst.

Enge Verbindung mit Pädagogischer Hochschule

Die Kinderreporter*innen sind eines unter etlichen medienpädagogischen Formaten, die zum Kennzeichen des Festivals geworden sind. Schon seit dem Start im Jahr 1986 arbeitet der Festivalgründer und Kinobetreiber Walter Deininger eng mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd zusammen. „Angefangen haben wir mit 30 Kindern und zwölf Studierenden‟, erinnert er sich.

Traditionell betreut denn auch ein*e PH-Vertreter*in die Kinderjury. In diesem Jahr übernahm das die Literaturwissenschaftlerin Dr. Henriette Hoppe – zusammen mit der Kölner Schauspielerin Heike Trinker. Studierende der PH sprechen seit Jahren die deutschen Dialoge der Wettbewerbsfilme ein, die in der Originalfassung laufen, und erstellen unter Leitung des PH-Dozenten Dr. Christian Weißenburger seit Jahren pädagogische Begleitprogramme zu ausgewählten Filmen. In diesem Jahr fertigten sie unter anderem einen kurzweiligen Einführungsvorfilm zu dem Kinderfilmhit „Die Schule der magischen Tiere‟ an. Zudem versorgen sie Lehrkräfte mit Unterrichtsanregungen und Materialien zum Einsatz im Unterricht.

Von der Lokalveranstaltung zu einem der größten Kinderfilmfeste in Süddeutschland

Veranstaltet wird das Kinderkinofest vom Brazilkino, dem Kulturbüro der Stadt, der PH und dem Traumpalast-Kino. Maßgeblich gefördert wird es von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG). Das Budget liegt in diesem Jahr bei 120.000 Euro, auch weil sich coronabedingt diesmal einige Sponsor*innen zurückgehalten haben. Von einer Lokalveranstaltung im Schwabenland hat sich das Kikife allmählich zu einem der größten Kinderfilmfeste in Süddeutschland emporgearbeitet. Erheblichen Schub und mehr Ausstrahlung in die Kinderfilmszene erhielt es vor etwa einem Jahrzehnt durch die Einführung des internationalen Wettbewerbs und der drei Jurys.

Walter Deininger, der das Festival seit zehn Jahren mit dem Stuttgarter Filmverleiher Gerd Klein leitet, bringt das Konzept der Filmschau auf den Punkt: „Wir wollen, dass die Kinder nicht nur konsumieren, sondern lernen, Filme richtig zu schauen.‟ Die Resonanz sei unübersehbar: „Kinder, die an der Kinderjury teilgenommen haben, entwickeln ein Gefühl für diese Art Kinderfilme. Wobei ich mich kaum noch traue, von Kinderfilmen zu sprechen, denn die sind oft erwachsener als sogenannte Erwachsene, die sonst so in den Kinos laufen.‟

Überhaupt, das Festival hat sich ein ambitioniertes Ziel zur Medienpädagogik gesetzt: „Eigenaktiv, handlungsorientiert und genussvoll – so sollen Kinder und Jugendliche beim Kikife vielfältige Medienkompetenz im fachübergreifenden Sinne erwerben und so zu aktiven, nachdenklichen, aufmerksamen Mediennutzer*innen und –gestalter*innen werden.‟

Ein Workshop-Trio als Grundstock

Am augenfälligsten umgesetzt wird diese Zielsetzung durch drei Workshops. Bereits im Vorfeld des Festivals fand ein Kurzfilm-Workshop statt. Bei der Realisierung des Kurzspielfilms „Mika – Wer bin ich eigentlich?‟ über die Selbstfindung eines Mädchens standen den Mädchen und Jungen Profis der Stuttgarter Produktionsfirma Teamwerk zur Seite. Regie führte dabei die 16-jährige Carla Benkelmann, die schon seit über fünf Jahren beim Kikife Drehbücher schreibt und als Regisseurin fungiert.

Bei einem Trickfilm-Workshop unter Leitung von Tobias Damm von der Hector-Kinderakademie Schwäbisch Gmünd konnten acht junge Teilnehmer*innen eine eigene Geschichte erzählen und selbst erfundene Figuren animieren. Die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg stellte dafür einen Trickfilmkoffer zur Verfügung. Der so hergestellte Film „Im Wirbel der Welten‟ wurde bei der Preisverleihung gezeigt.

Bereits zum achten Mal ging der Drehbuch-Workshop über die Bühne. Während des Festivals lernten die Heranwachsenden unter Anleitung des Berliner Drehbuchautors und Regisseur Alexandre Powelz, wie man ein Drehbuch schreibt – und lieferten so die Vorlage für den Kurzfilm-Workshop im nächsten Jahr.

Neben dem Partizipationsschwerpunkt prägt eine zweite Besonderheit das Kikife. Zu den Wettbewerbsfilmen lädt es in der Regel keine Regisseur*innen oder Darsteller*innen ein. Stattdessen können die die Preisträger*innen ihre Preise im Folgejahr in Schwäbisch Gmünd entgegennehmen. „Das ist zum Teil dem Budget geschuldet, ist aber auch angenehmer für die Jury-Mitglieder, weil sie keinen störenden Einflüssen von außen ausgesetzt sind, sondern frei entscheiden können‟, sagt Deininger. Außerdem lassen sich so peinliche Situationen vermeiden, wie Klein ergänzt: „Es kommt schon mal vor, dass ein Kind aus dem Kino kommt und schimpft: 'Der Film war ja todlangweilig!' Und dann steht ausgerechnet der Regisseur vor der Tür.‟

Allerdings hat dieser Modus auch seine Tücken, denn so manche Filmemacher*innen oder Schauspieler*innen drehen im Folgejahr gerade einen neuen Film oder sind anderweitig verhindert. Das zeigte sich auch in diesem Sommer, in dem die Preisträger*innen der „Kikife-Gala‟ im Traumpalast-Kino fernblieben. Immerhin bedankte sich die kleine Margrét Júlia Reynisdóttir mit einem eingespielten lustigen Videogruß für den Darsteller*innenpreis 2021 für ihre Rolle in dem isländischen Film „Birta‟. Da der „Birta‟-Regisseur Bragi Thor Hinriksson am gleichen Wochenende heiratete und Margrét Brautjungfer war, konnten beide nicht anreisen. Und da in Finnland schon Sommerferien sind, konnten auch die Macher*innen des finnischen Films „Any Day Now‟ nicht kommen, der die Preise der Fach- und Kritikerjury erhalten hatte.

In diesem Jahr gab es bei der „Kikife-Gala‟, die mit zweieinhalb Stunden entschieden zu lang ausfiel, einen Doppelsieger: Das kurzweilige Familiendrama „How I learned to fly‟ des Regisseurs Radivoje Andric über die Erlebnisse eines Mädchens in den Sommerferien an der kroatischen Küste gewann den Preis der Fachjury und den Preis der Filmkritikerjury. Die sechsköpfige Kinderjury vergab ihren Preis an den schwedischen Fantasyfilm „Nelly Rapp – Monsteragentin‟ von Amanda Adolfsson. Zudem zeichneten die jungen Juror*innen Mariya Lobanova für die beste Schauspielleistung in dem russischen Sportlerfilm „Sumo Kid‟ von Ilya Ermolov aus.

"Mein Freund, der Pirat" (c) Der Filmverleih

Prominente Gäste

Andere prominente Filmschaffende sind auf dem Festival aber immer willkommen. So reiste die junge Hauptdarstellerin Emilia Kowalski zur Vorführung des Spielfilms „Lauras Stern‟ im Panorama-Programm an und stellte sich den Fragen der Besucher*innen. „Emilia hat alle mitgebrachten Autogrammkarten ausgegeben‟, berichtet Klein. Auf großes Interesse stießen auch die Hauptdarsteller Samuel Beau Reurekas und Matti Stooker sowie der Regisseur Pim van Hove, die ihren Film „Mein Freund, der Pirat‟ vorstellten. „Als vor Jahren die Hauptdarsteller*innen von 'Wickie und die starken Männer’ zu Gast waren, wurden die von unseren jungen Zuschauer*innen fast überrannt‟, erzählt Deininger. Natürlich liefern solche Events nützliche Aufhänger, damit die regionalen Medien berichten und auf das Festival aufmerksam machen.

Ist das Festival auch während des Jahres in der Stadt mit ihren 61.000 Einwohner*innen präsent? Bisher beschränkt sich eine solche Präsenz auf eine DVD-Präsentation. Denn der Kurz- und der Trickfilm aus den Workshops werden auf einer DVD verfügbar gemacht, die meist zwei Monate nach dem Festival öffentlich vorgestellt wird und gleich für die nächste Ausgabe wirbt. Deininger würde auch gerne die Wettbewerbsfilme im Kino spielen, aber leider bekommen nur die wenigsten davon einen Verleih. Immerhin nutzt sein Kollege Klein als Verleiher die Gelegenheit zu beobachten, wie ein Wettbewerbsfilm beim jungen Publikum und gerade auch der Kinderjury ankommt. „Bei einigen Titeln haben wir uns danach entschieden, sie ins Kino zu bringen‟, so Klein.

Ein Sprungbrett für Filmberufe

Und hat das Engagement der Festivalmacher sichtbare Auswirkungen übers Jahr? Dass in Schwäbisch Gmünd aufgrund des Festivals mehr anspruchsvolle Kinderfilme als anderswo regulär im Kino laufen, lässt sich nicht erkennen, auch wenn Deininger bis 2018 von der Kulturstaatsministerin und von der MFG für sein Kinder -und Jugendprogramm ausgezeichnet wurde. Allerdings haben einige Kinder, die bei den Kurzfilmproduktionen mitgemacht haben, inzwischen den Weg in die Filmbranche gefunden oder sind unterwegs dahin. Deininger: „Ein Mädchen, das vor zehn Jahren in zwei Filmen mitgespielt hat, arbeitet nun als Theaterdarstellerin in London. Andere Kinder haben später filmtechnische Berufe ergriffen oder entsprechende Ausbildungen absolviert.‟ Und die oben genannte Carla Benkelmann hat ein klares Ziel: Die 16-Jährige will ins Regiefach.

Was die Zielgruppe angeht, so beschränkt sich das Festival konsequent auf Kinder. Das Leiterduo ist sich einig, dass es „extrem kompliziert‟ ist, Jugendliche im Kino anzusprechen. „Es gibt zwar wunderbare Jugendfilme, aber mir fehlt jede Phantasie, wie ich junge Leute dazu bewegen soll, die im Kino anzusehen‟, sagt Klein. Zwar dürften in den Schulvorstellungen am Vormittag auch Jugendliche peripher teilnehmen, aber bei Vorstellungen am Abend würde man wieder allein da sitzen. „Das können wir uns aber nicht leisten, weil wir die Besucher*innen brauchen, um die Kosten ein Stück zu refinanzieren. Wenn wir zu 100 Prozent gefördert wären, könnte uns das egal sein.‟

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