Festivals | | von Stefan Stiletto
Viel zu sehen, viel zu hören
Unsere Pinnwand zum Filmfestival Lucas 2026
Redselige Gäste, tolle Filmplakate, Titel-Eindeutigkeiten, Kurzes und Langes, Gehörtes und Gesehenes, das im Gedächtnis geblieben ist: Eindrücke vom jüngsten Frankfurter Kinder- und Jugendfilmfestival, erlebt und zusammengetragen von Christian Exner, Stefan Stiletto, Kirsten Taylor, Holger Twele und Rochus Wolff.
Los geht’s!
(von Kirsten Taylor)
„Andere eröffnen lustig, wir nicht“, mit diesen Worten gibt Festivalleiterin Julia Fleißig am 24. September den Startschuss für die 49. Ausgabe von Lucas – Internationales Festival für junge Filmfans. Und sie hat Recht: Gezeigt wird an diesem Abend der französische Animationsfilm „Die Schwalben von Kabul“ (2019) von Zabou Breitman und Eléa Gobbé-Mévellec, der im Sommer 1998 in der afghanischen Hauptstadt spielt. Die leichten, wie getuscht wirkenden Bildern täuschen, entwerfen sie doch ein bedrückendes Panorama vom Leben unter den Taliban, deren Terror die Menschen zunehmend verrohen lässt. Vor allem die Frauen werden entmenschlicht, müssen beim kleinsten vermeintlichen Fehltritt mit Schlägen, Gefängnis oder gar dem Tod rechnen. Ausgesucht wurde der Eröffnungsfilm von den Young European Cinephiles (YECs), die in diesem Jahr aus Frankreich, Rumänien und Deutschland kamen und ein Filmprogramm zum Thema „Gerechtigkeit“ kuratiert haben. Mit „Die Schwalben von Kabul“ wollen sie auf die Ungerechtigkeit hinweisen, denen die afghanischen Frauen – damals und heute – ausgesetzt sind. Es ist ein eindringlicher, künstlerisch herausragender Film, der sich jedoch gängigen Erzählmustern nicht ganz entziehen kann. Aber fast wirkt die Kritik am Film wie eine Petitesse angesichts der Begeisterung der jungen Leute, die den Film ausgewählt haben.
Visuelle Einladungen
(von Stefan Stiletto)
Filmplakate sind die hohe Kunst, Erwartungen zu wecken, etwas über einen Film und dessen Atmosphäre zu erzählen und dafür zugleich einen spannenden visuellen Rahmen zu finden. Wie furchtbar langweilig Filmplakate sein können, zeigt ein Blick auf die Poster vieler gegenwärtiger Kinofilme. Wer dagegen sehen will, wie kreativ Filmgeschichten auch in ein einziges Bild gepackt werden können, findet beim Lucas-Filmfestival ein paar tolle Beispiele. Im Rahmen des „Mitmischen“-Programmpunkts haben Schüler*innen aus dem Bilingualkurs Spanisch der 6. Jahrgangsstufe der Georg-Büchner-Schule Frankfurt eigene Plakatmotive zum indischen Wettbewerbsfilm „To Fetch a Pail of Water“ (2026) von Abhay Punjabi gestaltet. Vorbereitet hat sich die Klasse nach der Sichtung des Films mit einem Ausflug ins Filmplakatarchiv des DFF, begleitet wurden die mehrtägigen Workshops von der Künstlerin Isabel Murteira. Und wow! Keine zentral angeordneten Floating Heads! Kein banaler Bildaufbau! Sondern: Spiele mit Farben! Blicke auf Details! Künstlerische Reduzierungen! Andeutungen! Sechs mit Acryl- oder Wasserfarben gemalte Plakate sind entstanden, die während des Festivals prominent vor dem Kinosaal im Filmmuseum zu bewundern waren. Alles Hingucker! Liebe Verleiher*innen, liebe Marketingagenturen: This is the way!
Boys and Girls
(von Holger Twele)
In Zeiten von Unisex-Toiletten und Genderisierung, in der die queere Community trotzdem irgendwie außen vor bleibt, schaffen Filmproduktionen und Verleihe von Kinder- und Jugendfilmen mit dem Filmtitel gerade oft klare Verhältnisse und benennen, ob hier eher Jungen oder Mädchen im Mittelpunkt der Handlung stehen. Besonders deutlich war das bei der Filmauswahl für das Lucas-Festival zu sehen, wobei der Originaltitel meistens nicht herangezogen und stattdessen ersetzt wurde.
Aus dem polnischen Spielfilm „Ministranci“ (Piotr Domalewski, 2025) wurde auf diese Weise „The Altar Boys“ und aus dem französisch-belgischen Animationsfilm „Le Corset“ (Louis Clichy, 2026) dann „Iron Boy“. Lediglich „Congo Boy“ (Rafiki Fariala, 2026), eine internationale Koproduktion zwischen der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, Frankreich und Italien behielt seinen Originaltitel. Und die Mädchen stehen dem nicht nach. Entweder wurde der Name der weiblichen Hauptfigur zum Filmtitel wie bei der US-Produktion „Jazzy“ (Morissa Maltz, 2024), oder man griff gleich auf das Wort „Girls“ zurück wie in dem neuseeländischen Film „Big Girls Don’t Cry“ (Paloma Schneideman, 2026), in der französisch-belgischen Produktion „The Girls From Above“ (Bérangère McNeese, 2026) oder in dem chinesisch-französischen Film „A Girl Unknown“ (Zou Jing, 2026).
Mal kurz ans Meer
(von Kirsten Taylor)
Ein einsamer Strand, der Himmel ist wolkenverhangen. Aber was soll’s? Die 16-jährige Aurora und ihre Mutter laufen lachend zum Strand hinunter, reißen sich die Kleider vom Leibe und springen hinein in die graugrünen Wellen. Danach sitzen die beiden nackt am Strand, ganz nah ist die Kamera, und Aurora erzählt von ihrem ersten Mal, von den wunderschönen Nippeln ihrer Geliebten, von diesem unglaublichen Gefühl, einem anderen Menschen so verbunden sein zu können. Vertraut und natürlich gehen Mutter und Tochter miteinander um, reden über Sex, Liebe, Intimität. Doch dann will Aurora etwas über die Beziehung ihrer Eltern wissen, bekommt eine ehrliche Antwort – und ist geschockt, hat ihre Mutter doch einen schmalen Grat überschritten, Aurora wie eine Freundin und nicht wie ihr Kind behandelt. Die norwegische Regisseurin Ingrid Runde Saxegaard erzählt in ihrem Kurzfilm „Sandy Fannies“ (2026) von Nähe, Rückzug und Annäherung. „Ich hätte mir das auch 90 Minuten lang ansehen können“, sagt eine junge Zuschauerin nach dem Film. Manchmal reichen eben auch 14 Minuten, um eine packende Geschichte zu erzählen. „Sandy Fannies“ wurde im Wettbewerb Teens als bester Kurzfilm ausgezeichnet.
Nicht zu bremsen
(von Rochus Wolff)
Dass Regisseur*innen von ihrem ersten Film grundsätzlich begeistert sind, ist wenig verwunderlich und sehr wünschenswert; Bérangère McNeese ist kaum zu bremsen in ihrem Erzählfluss. Nach „Les Filles du Ciel“ (oder auch „The Girls from Above“) in der abendlichen Youngsters-Reihe folgt kein weiterer Film, deshalb kann der Moderator sie glücklicherweise auch einfach reden lassen.
So erfährt man nicht nur, dass Teile des Films auf eigenen Erfahrungen beruhen (autobiografisch aber sei er nicht), sondern auch sehr ausführlich, wie sehr sie sich gefreut hat, im französischen Lille drehen zu dürfen – nah genug an Belgien, um dort sowohl mit Freund*innen aus Brüssel arbeiten zu können als auch mit einer Filmcrew, die sie zum Teil von Dreharbeiten als Schauspielerin vor Ort noch kannte.
Und während sie von dieser Zusammenarbeit schwärmt, von der guten Atmosphäre und davon, wie wohl sich die beiden jüngsten Darstellerinnen (ein Kleinkind-Zwillingspaar) mit ihrer Mutter-Darstellerin fühlten, wie froh sie war, dass das so problemlos klappte, da schleicht sich die Ahnung ein, dass diese Arbeitsatmosphäre womöglich etwas mit der Vertrautheit zu tun haben könnte, die man eben noch von der Leinwand wahrgenommen hatte.
Aber das hätte alles nicht geklappt, sagt McNeese dann noch einmal, ohne ihren großartigen Kameramann und den tollen Filmeditor. Überhaupt, ihre ganzen Freund*innen! Und ob man sie stoppen wolle, weil sie so viel rede?
Fürs Leben lernen
(von Holger Twele)
Gerade für ein junges Publikum können Filme negative oder positive Vorbilder liefern. Bestimmte Verhaltensweisen der Hauptfiguren, insbesondere wenn sie eindeutig positiv konnotiert sind, können so auch zur Nachahmung anregen und zum Bestandteil des sozialen Lernens werden. Ein besonders amüsantes Beispiel dafür lieferte die französisch-belgische Produktion „The Girls From Above“ (2026) von Bérangère McNeese. Die knapp 16-jährige Héloise ist aus dem Heim abgehauen und findet Unterschlupf in einer Frauen-WG, wobei diese ausnahmslos nicht gerade positive Erfahrungen mit Männern gemacht haben. Als Héloise zusammen mit der etwas älteren Mallorie in der voll besetzten U-Bahn unterwegs ist, steigt eine ältere Frau zu. Keiner der Mitreisenden ist auch nur ansatzweise bereit, ihr den eigenen Sitzplatz anzubieten. Lautstark fordert Mallorie daher einen in sich gekehrten Jungen mit Kopfhörer auf, seinen Platz zu räumen. Erst nach mehrmaliger Aufforderung dringt sie zu ihm durch. Kaum sitzt die alte Dame, steigt erneut eine ältere Frau zu. Und nun genügt ein wortloser Blick zu einem anderen jungen Mann, damit dieser versteht, dass er nun an der Reihe ist, aufzustehen. Bleibt lediglich zu hoffen, dass sich die Mädchen genauso für einen gebrechlichen alten Mann stark machen würden.
Die Sache mit dem Alter
(von Stefan Stiletto)
„Ab wie viel Jahren ist der Film frei?“, fragt ein junger Zuschauer empört. „Weil da jemand in den Pool kackt und das finde ich sehr komisch.“ Mit dem Stinker, der am Ende des Kurzfilms „Die Sandale meiner Schwester“ (Semih Korhan Güner, 2026) im Pool schwimmt, war offenbar eine Grenze überschritten. Um das, was man jungen Menschen zeigen kann, darf und soll, um Altersgrenzen und Altersempfehlungen ging es dann auch am Mittwoch Nachmittag in einem Fachpanel. Wobei auch die spannende Frage aufgeworfen wurde, ob Gewaltdarstellungen oder beängstigende Szenen in Animationsfilmen niedriger eingestuft werden, wenn sie in einem niedlichen äußerlichen Gewand daherkommen. Guter Punkt, der sich auch schön am Kids-Wettbewerbsbeitrag „Brave Cat“ (Gabriel Osorio Vargas, 2026) festmachen lässt: süße Filzpuppen, krasse Story. Aber am Ende überraschen dann doch wieder die Kinder am meisten: Ich gebe zu, dass ich „Iron Boy“ (Louis Clichy, 2026) eigentlich mehr bei einem jugendlichen Publikum als bei Kindern gesehen hätte. Jetzt hat er den Preis in der Sektion Kids gewonnen und zumindest die drei zwischen zehn und zwölf Jahre alten Jury-Kinder zeigten sich begeistert. Der Film überschreitet offenbar auch Altersgrenzen – wie schön!
Hört, hört!
(von Rochus Wolff)
Es ist eine gute und sinnvolle Einrichtung, dass auf Festivals bei Kinderfilmen die deutsche Übersetzung über den Originalton hinweg eingesprochen wird – meist live im Kino, was auch deshalb schön ist, weil es den Kinobesuch so noch etwas außergewöhnlicher macht.
Für jene Teile des Publikums, jung oder erwachsen, die der Originalsprache mächtig sind, kann das aber natürlich auch irritierend sein. Manchmal hecheln die Einsprecher*innen dem gesprochenen Wort im Film hinterher (das Deutsche ist auffallend weniger knapp als viele andere Sprachen), manchmal misslingt die korrekte Aussprache lokaler Ortsnamen. Es sind Details, sie stören eher mild-neurotische Rezeptionsperfektionisten wie mich.
Aber in solchen Vorstellungen gibt es bei Lucas bei Bedarf auch den Originalton aufs Ohr, das klappt sehr gut mit extra Kopfhörer und Funkverbindung – nur darf man sich nicht zu nahe an die Lautsprecher im Raum setzen, weil sonst die Schallquellen miteinander in Konkurrenz treten. Das ist ein Kampf, den die Kopfhörer nur verlieren können. Sehr fürsorglich aber kümmern sich die netten Festivalmenschen darum, dass das Fachpublikum von dieser Möglichkeit weiß, mir wird das Gerät förmlich aufgedrängt. Das Beste daran übrigens: Das Jauchzen, Japsen und Lachen des jungen Publikums hört man auch trotz der Kopfhörer noch bestens durch.
Lost in Translation? Nicht bei Lucas
(von Christian Exner)
Was macht ein Filmfestival besonders? Filme anders zu sehen und zu erleben. Lebhafte Resonanzen vom Publikum zu Filmschaffenden und zurück zu ermöglichen. Wie kommen Filme beim Publikum an? Wie und woran haben Filmschaffende gearbeitet, was hat sie inspiriert? Filmschaffende und Publikum rücken bei solchen Fragerunden näher zusammen.
Bei Lucas merke ich in diesem Austausch, wie wertvoll eine passionierte Kinomoderation und eine aufmerksame Gesprächsführung sein können. Das Festivalpersonal macht sich zu Pat*innen der Filme und zu Vermittler*innen zwischen Publikum und Filmschaffenden. Ich spüre, dass sie die Werke bis ins Detail kennen, sie mit Liebe, mit Respekt und mit hoher ästhetischer Kompetenz würdigen. Dass sie dabei auch Erfahrungen mit Publikum unterschiedlichen Alters mitbringen, dass sie viele Bedürfnisse und Perspektiven berücksichtigen, dass sie zugewandt und auch flexibel sind. Und nicht ganz unwichtig: Es wird sehr gutes Englisch gesprochen. Ein eh schon bereicherndes Filmprogramm wird dadurch noch schöner, noch tiefgründiger, noch bewegender – und es hallt lange nach. Ein Hoch auf die Filmvermittler*innen bei Lucas!
Transparenzhinweis: Holger Twele ist Mitglied der Kurzfilm-Auswahlkommission. Stefan Stiletto, Kirsten Taylor und Rochus Wolff sind Mitglieder der Langfilm-Auswahlkommission.
