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| von Katrin Hoffmann

Unspektakuläre Alltagsbeobachtungen

Alltag klingt nach Routine und Langeweile. Dennoch stand genau dieser im Mittelpunkt mehrerer Produktionen, die in diesem Jahr im Rahmen der Reihe Kplus in der Berlinale-Sektion Generation zu sehen waren.

"Una escuela in Cerro Huesa/Eine Schule in Cerro Hueso" (c) Betania Cappato & Iván Fund

Das wesentliche Kriterium der Kplus-Filmauswahl in der Berlinale-Sektion Generation ist, dem Publikum Filme über die komplexe Welt aus dem Blickwinkel der Kinder vorzustellen. In diesem Jahr ging es mehr denn je um die unspektakuläre Beschreibung des Alltäglichen. Wie sieht der Alltag junger Menschen in Südkorea aus, wie in Argentinien oder Finnland? Die meisten Produktionen sind auf Zustandsbeschreibungen reduziert, die lediglich abbilden, was den jungen Protagonist*innen widerfährt, anstatt dramaturgisch ausgefeilte Storys zu erzählen. Reicht das für spannende, soll heißen: emotional bewegende Filme, in denen das Publikum mit den Held*innen mitfiebert? Oder kann das womöglich auch langweilig sein?

Meditative Bilder

Der Dokumentarfilm „Last Days at Sea/Letzte Tage am Meer“ (2021) erzählt von den wenigen verbleibenden Sommertagen des zwölfjährigen Reyboy in seinem philippinischen Fischerdorf, bevor er in der Stadt auf die Highschool geht. Sein idyllisches Zuhause ist brüchig. Die Kamera taucht mit ihm ins blau funkelnde Meer hinab, während der Kommentar gleichzeitig vom plastikvermüllten Strand berichtet. Reyboys Dorf hat sich bisher vom Fischfang ernähren können, aber die Küsten sind leer geräumt und die Männer müssen immer weiter hinaus, um einen guten Fang zu machen. Auch das ist der Grund, weshalb die Jungen gehen, ihre Zukunft ist ihnen hier genommen. Reyboy hat sich bisher seinen Blick für die Details bewahrt, zeigt uns kleine Krabben, Steine oder Fische, die ihn faszinieren. Wir brauchen viel Geduld, ihm zu folgen, denn allzu oft verstrickt sich die Kamera in den schönen Objekten und wir verlieren den Zugang zu Reyboy, der doch eigentlich der Held dieser Dokumentation ist. Die Alten erzählen die Geschichte des Wandels und von ihrer Hoffnungslosigkeit. Überwältigende Naturbilder stehen dem entgegen, was auf der Kommentarebene verhandelt wird. Regisseurin Venice Atienza führt mit dem Jungen einen Dialog im Off, während wir durch die Bilder lustwandeln. Es kommt der Tag des Abschieds, es ist auch das Ende der Kindheit mit ihrer unberührten Natur. Den Menschen ist es noch bis vor kurzem gelungen, hier im Einklang mit Fauna und Flora zu existieren. Es ist zu hoffen, dass Kinder wie Reyboy sich für deren Erhalt einsetzen.

"Last Days at Sea/Letzte Tage am Meer" (c) Venice Atienza

Assoziativ, aber ohne rote Faden

Den umgekehrten Weg von der Stadt aufs Land nimmt Ema. In semidokumentarischer Form stellt die argentinische Regisseurin Betania Cappato in „Una escuela en Cerro Hueso/Eine Schule in Cerro Hueso“ (2021) eine Dorfschule vor. Während Reyboy seinen behütenden Ort verlässt, um sich in der Stadt weiterzubilden, muss die sechsjährige Ema ihre Stadt verlassen, weil das Dorf Cerro Hueso ihre einzige Hoffnung ist. Da die Eltern für ihre autistische stumme Tochter keine Lehranstalt in der Stadt finden, ziehen sie in den Ort mit der einzigen Schule, die ihr Kind aufnimmt. Wie auch für Reyboy in seinem behüteten philippinischen Dorf ist das Leben in dem kleinen argentinischen Ort geprägt von einer Gemeinschaft, die unvoreingenommen und solidarisch zusammen lebt. Der Jury war dieses Thema eine lobende Erwähnung wert, obwohl der Film merkwürdig distanziert auf die Familie blickt und stellenweise konfus erzählt ist. So erschließt sich eine zentrale Traumszene der Mutter erst durch eine Erklärung im Presseheft. Die Wünsche der Eltern nehmen einen größeren Raum ein als die positiven Fortschritte Emas, die sie dank der liebevollen neuen Umgebung macht. Die Regisseurin verlangt den Zuschauer*innen viel Assoziationsvermögen ab, denn einen roten Faden lässt der Film vermissen, der lediglich die Perspektive der Erwachsenen auf Ema zeigt.

Impressionen, die das Innere nach außen kehren

Mit dem Hauptpreis bedachte die Jury den chinesischen Film „Han Nan Xia Ri/ Sommerflirren“ (2020) von Han Shuai. Die 13-jährige Guo ist von ihrer Mutter zur Tante abgeschoben worden, damit Mama ein sorgenfreies Leben in Shanghai führen kann, von wo aus sie ihrer Tochter Videobotschaften mit falschen Versprechungen sendet. Die Familie der Tante ist harsch und unsensibel. Als ein Freund Guos ertrinkt und sie sich schuldig an dessen Tod fühlt, findet sie nirgendwo Halt und Trost. Ihr Schmerz füllt in Großaufnahmen die Leinwand, mit nur wenigen Dialogen erschließt sich rein bildlich die ganze Tragik ihrer Verzweiflung. Vor Hitze schwüle, dunstige Bilder, Schweiß, der Guo herunterrinnt, oder Regen, in dem sie sich aufzulösen scheint, das sind starke Impressionen, die ihr Inneres bildlich nach außen kehren. Das ist so packend wie ergreifend inszeniert, obwohl auch dies eine Geschichte ist, in der nicht viel passiert. Aber die junge Schauspielerin Huang Tian vermag Guos Verzweiflung so authentisch darzustellen, dass wir intensiv mit ihr mitfühlen. Die Jury befand: „Der Film überzeugt durch seine starke visuelle Sprache und das hervorragende Zusammenspiel aller filmischen Ebenen [...] Dabei bleibt der Fokus stets auf den Gefühlen und Wahrnehmungen der Kinder, wodurch sich der Schmerz, der die Suche nach sich selbst und dem eigenen Weg begleitet, nachempfinden lässt.“

"Han Nan Xia Ri/Sommerflirren" (c) FactoryGateFilms

Unterwegs, driftend

In diesem Jahr dominierten Filme, die ihren Fokus auf Coming-of-Age-Themen legen. So auch der südkoreanische Beitrag, „Jong chak yeok/Bis ans Ende der Welt“ (2020) von Kwon Min-pyo und Seo Hansol, in dem wir vier jugendliche Freundinnen begleiten. Sie sollen für ein Referatsthema mit analogen Einmalkameras das Ende der Welt dokumentieren. Erst langsam kommen die Mädchen dahinter, dass diese Fragestellung wohl eher metaphorisch gemeint ist. Sie machen sich zunächst mit dem Schnellzug, dann der Bummelbahn und schließlich dem Bus auf die Suche nach dem Ende ihrer Welt. So, als seien sie noch nie aus Seoul heraus gekommen, vermuteten die Vier, dass hinter der Urbanität ihrer Großstadt die Welt endet. Sie knipsen zunächst wahllos, dann immer konkreter Fotos, deren Abzüge wir wie kleine Gedankenstriche in den Film eingeblendet sehen. Die Mädchen lassen sich treiben bis es Nacht wird und sie in einem verlassenen Gemeindehaus übernachten müssen. Auch hier gibt es keine greifbare Story, außer dass Teenies unterwegs sind und sich über ihre Befindlichkeiten Gedanken machen. Die Handys gehen aus oder haben kein Netz, also müssen sie reden und reden, wodurch wir ihre jeweiligen Geschichten kennenlernen. Wieder benötigen wir auch für diesen Film einen langen Atem, wollen wir uns auf die Themen der Teenager während des Roadtrips einlassen.

Liebevolle tägliche Rituale

Sehr genau beobachtet wird der 13-jährige Ramin, in „Ensilumi/Erster Schnee“ (2020) der mit seiner iranischen Familie im Flüchtlingsheim lebt. Der finnische Film von Hamy Ramezadas schildert die alltägliche Langeweile in der Unterkunft und folgt Ramin in seiner Schulroutine. In diesem langsam dahintreibenden Rhythmus schwingt stets die Angst mit, kein Bleiberecht zu erhalten. Eine Alltagsgeschichte, die nachdenklich und traurig macht, eben weil sie Alltag in unserer westlichen Welt ist. Trost findet die Familie durch ihre Zuneigung zueinander, die sich in liebevollen täglichen Ritualen wie dem Wettzähneputzen zwischen Vater und Tochter äußert. Es ist die einzige Möglichkeit, die Enge des Zimmers und die Ungewissheit zu ertragen. Selbst im vergitterten Abschieberaum halten sie an ihren Ritualen fest, Trost und Lichtblick auch für die Zuschauer*innen.

Nähe zum eigenen Erleben?

"Mission Ulja Funk" (c) Ricardo Vaz Palma

Die Konzentration auf Themen der frühen Adoleszenz ist in dieser Berlinale-Ausgabe besonders auffällig. Für jüngere Kinder war kein einziger Film dabei. Auch die Monsterkomödie aus Schweden „Nelly Rapp – Monster Agent“ (2020) von Amanda Adolfsson und der deutsche Beitrag „Mission Ulja Funk“ (2021) von Barbara Kronenberg sind Angebote für Kinder frühestens ab acht Jahren. Alle anderen Produktionen zeigten das komplizierte Leben von Kindern, die in der Entwicklungsphase zwischen Kindheit und Jugend umso orientierungsloser und verletzlicher sind. Folgerichtig gibt es auch nicht die klaren Lösungen und Happy Ends, denn ihren Weg müssen sie schließlich erst noch finden. Diese Filme, die meist nur auf Festivals laufen, finden selten den Weg ins Kino, daher ist es umso wichtiger, dass sie hier die Chance bekommen gesehen zu werden.

Vor dem Bildschirm allein zu Hause muss man ohne die Reaktionen der Zuschauer*innen auskommen, die gerade bei der Berlinale immer wieder überraschend sind. Kann man seinem eigenen Eindruck trauen, dass die abgefilmten stillen Alltagsgeschichten auch für das junge Publikum herausfordernd sind? Oder ist es so, dass sich die jüngeren Besucher*innen viel intensiver mit den Geschichten identifizieren können, da sie ganz nah dran sind an den Themen, auch wenn vordergründig nicht viel passiert? Die Beantwortung dieser Fragen erwarten wir mit Spannung im Juni, wenn die Entscheidung der Kinderjury für den Gläsernen Bären fällt.

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