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Festivals | | von Stefan Stiletto

Sterne, Punkte, Linien

Unsere Berlinale-Generation Pinnwand 2026

Die Sektion Generation galt vor einigen Jahren als the place to be bei der Berlinale. Was gab es in diesem Jahr zu entdecken und wie hat sich das Festival angefühlt? Fragmentarische Eindrücke aus der Kinder- und Jugendfilmwelt von Christian Exner, Verena Schmöller, Ulrike Seyffarth, Holger Twele und Rochus Wolff.

Filmbild aus Papaya
"Papaya" (c) Priscilla Kellen

Willkommen in Berlin

Im Sternbild des Goldenen Bären

(von Christian Exner)

Kürzlich habe ich eine ältere DVD aus der Berlinale Edition Generation geschaut. Vor dem Hauptfilm kam der Berlinale-Trailer. Unmittelbar stellte sich eine vertraute Stimmung ein und alle Assoziationen waren sofort da: Flucht aus Berlins schneidender Winterkälte, matte Übermüdung, angenehme Bequemlichkeit im Kinosessel und das Gefühl des Angekommenseins im Herzen des Films. Beim Trailer trifft man auf eine Fähre, die einen übersetzt zur gespannten Erwartung und Vorfreude auf den Film. Ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der sich wünscht, dass dieser Trailer niemals von einem neuen abgelöst wird. Schöner kann es kaum sein, als unter dem Sternbild des Goldenen Bären, das sich zum Schluss der pulsierenden Sequenz formt. Nicht allein des Bildes wegen ist der Trailer bezaubernd. Der raumfüllende Sound macht es, der in jedem Kino etwas andere Nuancen zeigt.

Verbindungslinien

Punkt, Punkt, Berlinale

(von Verena Schmoeller)

Das Plakat der diesjährigen Berlinale schien wegweisend zu sein: Punkte überall, in Rot, in Blau, Lila und Pink, einen Bären formend. Punktversprechend waren auch die Standbilder der Filme im Programm – egal ob als Lichtpunkt und Blick durch ein Vergrößerungsglas, als Loch im Boden oder als Sprechmöglichkeit am Krankenhausschalter. Am schönsten aber war ein Punkt im Kinderfilmprogramm Generation Kplus: ein einzelner Papaya-Kern, ein schwarzer, kreisrunder Punkt mit weißen Augen und lachendem Mund, der Nachwuchs der Tropenfrucht, der sich auf den Weg macht, raus aus dem Regenwald und durch die Welt. Wenn man in anderen Filmen wiederholt Formen erkennt und sie zueinander in Beziehung setzt, so kulminieren diese Beobachtungen in diesem einen Film, der aus sich überlagernden, bewegenden und verändernden Formen besteht. Ein Glück nicht nur fürs jüngste Kinopublikum.

 

Mitgedreht

(von Rochus Wolff)

Am Sonntagmorgen um halb zehn ist der große, wunderschöne Saal 1 des Zoo-Palastes bestens gefüllt – nicht ganz ausverkauft, aber viele sehr junge Kinobesucher*innen, wohin man schaut. Der Film „Papaya“, hier bei seiner Internationalen Premiere zu sehen, kommt (sieht man vom Namen der Titelfigur ab, der ab und an gehaucht wird) ohne gesprochene Worte aus, und so zieht die Vorstellung auch ein wirklich international grundiertes Berliner Publikum an, wie im Anschluss bei den Fragen an Produzentin und Regisseurin hörbar wird. Eine zarte Stimme meldet sich: Ob es in Ordnung wäre, auch auf Portugiesisch zu fragen? Natürlich ist es, und die Regisseurin Priscilla Kellen ist begeistert, direkt und ohne Übersetzerin verstehen und antworten zu können. Für alle nicht ausreichend polyglotten Besucher*innen übersetzt sie dann doch noch Frage und vor allem Antwort: Ja, auch Kellens kleinem Sohn habe der Film gefallen, er habe sogar bei vielem mitgeholfen und sei deshalb auch im Abspann des Films zu finden.

Filmbild aus Ni'er
"Ni'er" (c) Wang Chenxu

Kleine Rebellionen

(von Holger Twele)

In den Kurzfilmprogrammen von Generation 14plus stachen zwei Filme aus China hervor, die seltene Einblicke in die Arbeitswelt von weiblichen Minderjährigen gestatten. Sie vermitteln zugleich die nicht gestillte Sehnsucht nach Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung und zeigen, dass Veränderung auch in China möglich ist und vor allem von den Frauen kommt.

In der chinesischen Provinz Guangdong gibt es eine riesige Geflügelfabrik, in denen die Tiere im industriellen Maßstab gehalten werden: 21 Tage bis zum Schlüpfen, 32 bis zur Reife, dann die Schlachtung. Vom Innenleben dieser Fabriken erfährt man als westliche*r Beobachter*in nur selten etwas. Umso erstaunlicher, dass die junge Regisseurin Beidi Wang diesen Schauplatz ausgewählt hat, um in „Scorching“ eine Geschichte über Pubertät und das Erwachsenwerden zu erzählen. Die 13-jährige Li Yan lebt bei ihrer Großmutter, die ihrer Enkelin einen Arbeitsplatz in der Fabrik besorgen möchte. Dagegen wehrt sich das Mädchen mit kleinen Störmanövern. Allzu gerne möchte sie wissen, wo das Leben beginnt und wie die Eier befruchtet werden. Als sie keine befriedigende Antwort darauf erhält, beginnt sie selbst jenseits biologischer Gegebenheiten, ein Ei auszubrüten, und greift geradezu subversiv in den laufenden Produktionsprozess der Fabrik ein.

Nicht ganz so schräg und fast dokumentarisch erzählt ist der Film „Ni’er / The Girl“ von Tan Yucheng. Tagein, tagaus wird die 17-jährige Ni‘er als billige Arbeitskraft missbraucht und verrichtet an einer Tankstelle demütig ihre monotone körperliche Arbeit. Ihren Arbeitslohn muss sie dem Vater abgeben. Die Perspektive auf ihr eigenes Leben ändert sich schlagartig, als eines Tages ein großer Truck die Tankstelle anfährt, der selbstbewusst von einer jungen Frau gesteuert wird, die kaum älter ist als Ni‘er. Für das Mädchen verkörpert die Fahrerin den Inbegriff von Freiheit und Unabhängigkeit. Von nun an soll nichts mehr so sein wie es vorher war und als erstes Zeichen öffnet Ni‘er hoffnungsvoll ihre bislang stets zusammengebundenen Haare.

Was sich mitnehmen lässt 

Grobkörnigst

(von Verena Schmoeller)

Abschlussfilme sind oft erfrischend: Wenn junge Menschen mit dem Filmemachen beginnen und viel von dem mit einbringen, was sie gerade in dieser Lebensphase ausmacht: Die Freude am Gestalten, das Ausprobieren, das Sich-einfach-mal-trauen. Ein solcher Film ist „Matapanki“ (Chile 2026) von Diego „Mapache“ Fuentes, der die Geschichte eines Punks erzählt, der durch ein alkoholisches Mixgetränk zum Superhelden wird und es mit niemand Geringerem als dem Präsidenten der USA aufnimmt. Allein die Handlung ist eine verrückte Versuchsanordnung, die nicht in allen Momenten funktioniert, was letztendlich aber nicht stört. Denn der Film sieht auch aus, wie ein Punk-Film aussehen sollte, gedreht im nicht mehr gängigen 4:3-Format und so grobkörnig, wie man es selten auf der Leinwand sieht, ja, grobkörnigst. Das ist bizarr, das ist kunstvoll, das macht großen Spaß. Und dem jungen Publikum vielleicht auch Lust, die eigenen Träume und Ideen wahr und ernst zu nehmen und selbst umzusetzen. So wild sie auch sein mögen.

Filmbild aus Matapanki
"Matapanki" (c) Diego Mapache Fuentes

Schreiben über Kinderfilme

(von Holger Twele)

Ach ja, das journalistische Schreiben über Kinderfilme führte schon immer ein Nischendasein. Viel hat sich in den letzten Jahren nicht verändert, obwohl Kinderfilme beziehungsweise – um den oft als abwertend wahrgenommenen Begriff zu vermeiden – „Familienfilme“ längst zu den kommerziell erfolgreichsten Filmen auf dem deutschen Kinomarkt zählen. Veröffentlichungsmöglichkeiten einer Filmkritik sind rar geworden oder man weicht honorarfrei auf Websites im Internet aus. Und mal ehrlich, wer möchte schon eine fundierte kritische Auseinandersetzung über einen Mainstreamfilm lesen, in den das überwiegend junge begeisterte Publikum massenhaft strömt?

All das sollte sich ändern, dachte der Verband der deutschen Filmkritik und veranstaltete im Rahmen der Berlinale in Kooperation mit der European Childrens‘ Film Association (ECFA) und der FIPRESCI ein Panel unter dem Titel „How Can Film Criticism Grow Up With Its Audience?“ Neben den Filmjournalist*innen Carmen Grey und Axel Timo Purr war Tobias Krell mit auf dem Podium, der freimütig bekannte, dass er dank der Marke „Checker Tobi“ sein Publikum auch in den Schulen erreicht, was bei Filmkritiker*innen eher selten der Fall ist. Mit der selbstkritischen Erkenntnis „Leave the Bubble!“ ist es freilich nicht getan, zumal die Aufmerksamkeit in allen Bereichen stark abgenommen hat. Patentrezepte konnte das Panel daher nicht liefern, aber immerhin war man bereit, sich nicht nur pro forma mit der Thematik auseinanderzusetzen. Einig war man sich darin, dass Kinder gerade in Deutschland nicht gewohnt sind, Filme anders beziehungsweise andere Filme als den Mainstream zu sehen. Eine gewaltige Aufgabe, bei der die Berlinale immerhin einen kleinen Beitrag leistet.

 

Ein Hoch aufs Publikum!

(von Ulrike Seyffarth)

Nun ist sie wieder vorbei, die Berlinale, und hinterlässt neben vielen unterschiedlichen Filmeindrücken einen kleinen Blues – und ein Rätsel zu einem Phänomen: Denn mit dem Festival scheint auch sein besonderes Publikum aus den Kinos der Stadt zu verschwinden.

Wenn bei der Kinderfilmschiene Kplus hörbar mitgefiebert, gelacht und getuschelt wird, kann das als alterstypische Unbefangenheit dieses jüngsten Festivalpublikums gelten. Dass aber auch das erwachsene Publikum seine Reaktionen auf das Leinwandgeschehen unmittelbar kundtut, davon konnte man sich am Publikumstag, dem finalen Berlinale-Sonntag, ein letztes Mal überzeugen: Morgens wird im ausverkauften großen Kino 1 des Zoopalasts „Sunny Dancer“ gezeigt. Der Generation 14plus-Eröffnungsfilm über ein Sommercamp für Jugendliche mit Krebs-Vorgeschichte ist alles andere als ein Depri-Film, vor allem dank seines ungekünstelten Humors. Der ganze Saal lacht, häufig und herzhaft, und feiert die schlagfertige Protagonistin mit spontanem Szenenapplaus. Langer Beifall auch am Filmende, völlig egal, dass Regisseur und Filmteam längst abgereist sind und nichts davon mitbekommen. Nach dem Abspann verlassen die Zuschauer*innen in angeregten Gesprächen das Kino. Selbst draußen im Berliner Nieselregen tauscht man sich weiter über den Film aus, ganz selbstverständlich auch mit fremden, nun in kollektiver Kinoerfahrung verbundenen Menschen. Warum passiert das bei regulären Kinovorstellungen so gar nicht? Ist das „normale“ Kinopublikum ein anderes? Womöglich braucht es ja ein Festival, quasi als Erlaubnis erteilende Ausnahmesituation, für ein in Filmleidenschaft vereint kommunizierendes Publikum. Da ist es gut, dass allein in Berlin rund fünfzig weitere, bundesweit sogar weit über vierhundert Filmfestivals am Start sind.

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