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| von Barbara Felsmann

Noch immer neugierig und nah am echten Leben

Bereits zum 20. Mal fand 2021 das Dokumentarfilmfestival für Kinder und Jugendliche doxs! statt. Im Jubiläumsjahr, das hybrid stattfand, wurde Lieblingsfilmen aus der Festivalgeschichte ein Raum gegeben – und neue Filme erzählten mit ganz eigenen Handschriften unter anderem über Identitätsfragen, Herkunft, Flucht und Neuanfänge.

"Meine Wunderkammern" Quelle: doxs!

„Wir lassen uns von Filmen überraschen, nicht von den Einschränkungen der Pandemie“, lautete der erste Satz im Programmheft von doxs!. Und um dieser Ansage gerecht zu werden, wurde das Festival in diesem Jahr als hybride Veranstaltung durchgeführt und damit zumindest im Netz sogar um eine Woche verlängert.

Lieblingsfilme zum Jubiläum

Zum Jubiläum hatte sich das Festivalteam unter der Leitung von Gudrun Sommer etwas Besonderes ausgedacht. Wegbegleiter*innen von doxs! präsentierten ihre Lieblingsfilme aus den letzten 20 Jahren, unter anderem die beiden bewegenden „Mandima“-Filme von Robert-Jan Lacombe. In „Kwa Heri Mandima“ („Auf Wiedersehen Mandima“) aus dem Jahr 2010 schildert der Filmemacher anhand von Fotos und privaten Archivaufnahmen den Abschied aus seiner Heimat. Geboren und aufgewachsen im Dorf Mandima im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, musste er als Zehnjähriger kurz vor Beginn des Bürgerkriegs mit seiner Familie nach Europa zurückkehren, seine Freunde verlassen und einen Neustart in einem ihm fremden Land beginnen. 2011 entstand dann der Dokumentarfilm „Retour à Mandima“ („Rückkehr nach Mandima“). Da war der 25-jährige Filmemacher nach Mandima zurückgekehrt, um noch einmal die Stätten seiner Kindheit, die Menschen, die ihn begleitet haben, und seine Freunde aufzusuchen. Es sind höchst aktuelle Fragen, die hier Robert-Jan Lacombe verhandelt: nämlich der Verlust von Heimat, die Entwurzelung der Menschen durch Krieg und Flucht.

"Rückkehr nach Mandima" Quelle: doxs!

Zwei unterschiedliche Filme über Neuanfänge

Der Frage, was Heimat bedeutet und wo ich zuhause bin, geht auch die österreichische Filmemacherin Olga Kosanović in ihrem Dokumentarfilm „Genosse Tito, ich erbe“ (2021) nach. Sie selbst ist in Wien geboren, nachdem die Mutter noch vor dem Krieg in den 1990er-Jahren ihre Heimat Jugoslawien verlassen hat. Die Großeltern sind geblieben, leben in einem schönen Haus mit angrenzender Streuobstwiese. Olga Kosanović filmt sozusagen ein Familientreffen auf dem Lande mit den Großeltern, der Mutter und dem Bruder. Während sich der Großvater mit einer gewissen Bitternis fragt, wem sie das Haus und das Land vererben können, wo doch ihre Tochter und die Enkel „weit weg sind und sich für ein anderes Leben entschieden haben“, setzen sich Enkeltochter und Tochter mit dem untergegangenen System unter „Genosse Tito“ auseinander. Und je länger sie dort auf dem Land verweilen, umso mehr kommt Olga Kosanović der Gedanke, ob sie nicht auch mit diesem Ort in gewisser Weise verwurzelt ist. Mit dem Ort, wo ihre Großeltern gelebt und ihre Mutter die prägendsten Jahre in ihrem Leben verbracht hat. Sollte es im 30. Jahr von doxs! wieder eine Art Retrospektive geben, gehört auf jeden Fall dieser nachdenklich stimmende Film dazu, der die Fragen unserer Zeit auf sehr persönliche Weise behandelt, ohne eindeutige Antworten zu finden.

"Genosse Tito, ich erbe" Quelle: doxs!

Mit dem Thema Flucht und Neuanfang setzt sich auch der deutsche Dokumentarfilm „Seepferdchen“ (2020) von Nele Dehnenkamp auseinander. In ihrem 16-minütigen Hochschulfilm lässt sie die junge Jesidin Hanan von ihrer Flucht übers Mittelmeer erzählen, die sie nur knapp überlebt hat. Damals konnte sie nicht schwimmen. Heute gibt Hanan Kindern Schwimmunterricht und hofft, so allmählich ihr Trauma und ihre Angst vor dem Wasser verarbeiten zu können. Dieser unter die Haut gehende Film, empfohlen ab zwölf Jahren, wurde von der doxs!-Jugendjury mit einer lobenden Erwähnung bedacht.

Leben bedeutet nicht, nur zu funktionieren

Wie in den vergangenen Jahren setzt doxs! auf eine Vielfalt der Themen und auf unterschiedliche Handschriften. So erzählt Susanne Kim in ihrem Dokumentarfilm „Meine Wunderkammern“ (2021) auf ganz besondere Weise die Geschichte ihrer jungen Protagonist*innen. Darin mischt die Filmemacherin Dokumentarisches mit Animationen und einer fiktiven Handlung, bei der sich die elfjährige Reporterin Dorothea auf die Suche nach vier verschwundenen Kindern begibt. Denn Wisdom, Elias, Roya und Joline sind anders als andere Kinder. Sie passen nicht in unsere Gesellschaft, in der Funktionieren das oberste Gebot zu sein scheint, und haben sich in ihre Welt, eben in ihre Wunderkammern, zurückgezogen. Sie erzählen von ihren Wünschen und Träumen, berichten aber auch von Ausgrenzung und Mobbing. Bunt, fantasievoll und flott inszeniert, bewegen in diesem Film vor allem die Erzählungen der Kinder – sei es nun Wisdom, dessen Eltern aus Kamerun stammen und der nicht immer als „Ausländer“ bezeichnet werden will, Elias, der Autismus hat und Ventilatoren sammelt, Roya, die mit den Eltern übers Meer nach Deutschland geflohen ist und so gern eine Meerjungfrau wäre, oder aber Joline, die nicht erwachsen werden will. Die Botschaft dieses Films lautet: „Du bist nicht komisch oder anders, du bist einzigartig, zeig das!“. Diese ist so neu nicht im Kinderfilmbereich, aber gerade durch die sehr authentisch agierenden vier jungen Protagonist*innen wird das junge Publikum tatsächlich ermutigt, sich eigene Sehnsüchte und Wünsche klarzumachen und sie selbstbewusst zu verwirklichen.

Daneben, darunter und darüber: Ein 360-Grad-Film

Als Novum präsentierte doxs! in seinem Onlineprogramm einen interaktiven 360-Grad-Dokumentarfilm des belgischen Regisseurs Marc-Henri Wajnberg. „Kinshasa Now“ (2020) erzählt die Geschichte des Jungen Mika aus Kongo, der der Hexerei beschuldigt und aus dem Haus gejagt wird. Als Straßenkind schließt er sich einer Gang an, bis er letztendlich in einem Kinderheim aufgenommen wird. Mit Hilfe von Tastatur oder Touchscreen kann der Blickwinkel der Kamera verlassen werden und das Daneben, Darunter sowie Darüber erlebt werden. Ausgehend von Mika, der ja im Mittelpunkt des semidokumentarischen Films steht, kann man sich so auch intensiv mit der Umgebung, dem Leben in Kinshasa, aber auch mit Nebenfiguren, wie etwa Mikas Vater, seiner Frau Maguy, dem Pfarrer in der Kirche und den Gläubigen beschäftigen. Allerdings muss dieser Film am Computer gesehen werden – und das wirklich mehrmals, um all die intensiven Bilder auch zu erfassen.

"Kinshasa Now" Quelle: doxs!

Filmpionierinnen – und was sie mit der Gegenwart zu tun haben

„Der Gewinner der ‚Großen Klappe 2021‘ bricht ein Schweigen. Ein Schweigen, das sich wie ein roter Faden durch die Filmgeschichte zieht.“ Mit diesen Worten beginnt die ausführliche Begründung der doxs!-Jugendjury für ihre Preisvergabe an den belgischen Dokumentarfilm „Dans le silence d’une mer abyssale“ (2021) von Juliette Klinke. Die Drehbuchautorin und Regisseurin erinnert in ihrer Arbeit an Filmpionierinnen aus den Anfängen des Kinos bis 1940, die in der Filmgeschichtsschreibung kaum oder gar nicht vorkommen und die sozusagen immer noch „in der Stille eines abgrundtiefen Meeres‟ – so die deutsche Übersetzung des Titels – ruhen. Dafür hat Juliette Klinke Archivaufnahmen aus Filmen und Fotos dieser Frauen zusammengeschnitten und diese teilweise bearbeitet, so als ob Filmmaterial vernichtet wird, oder mit Meereswellen überblendet. In ihrem sehr persönlichen Off-Kommentar erzählt sie von ihrem Werdegang zur Regisseurin und davon, dass diese Frauen noch nicht einmal im Studium eine Rolle spielten und sie selbst glaubte, dass die Filmkunst von Anfang an eine Männerdomäne gewesen sei. Nun stellt sie einige Filmpionierinnen in den Mittelpunkt, ob Alice Guy-Blaché, die 1896 den ersten Spielfilm überhaupt gedreht hat, oder Germaine Dulac, die noch vor Buñuels „Ein andalusischer Hund“ (1929) den ersten surrealistischen Film schuf, oder Lotte Reiniger, die mit ihren Scherenschnittfilmen Walt Disney beeinflusste, abgesehen von den vielen afroamerikanischen Filmemacherinnen, die lange Zeit so gut wie unbekannt blieben.

"Dans le silence d’une mer abyssale" Quelle: doxs!

Doch Juliette Klinke kritisiert nicht nur die männliche Geschichtsschreibung, sondern fragt sogleich, „wie sie als junge Filmemacherin erwarten kann, dass ihre Arbeit gesehen und anerkannt wird, wenn der Fußabdruck der Pionierinnen immer noch ein Problem zu sein scheint“. Dass sich die Mädchen wie Jungen gerade für diesen Film so begeistern konnten, ist bemerkenswert und zeigt, dass Juliette Klinke hier eine Thematik anspricht, die Jugendliche beschäftigt und, wie es in ihrer Begründung heißt, „sie ermutigt, die eigenen sozialen Konstrukte zu reflektieren“.

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