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| von Katrin Hoffmann

Kein Happy End

Die Reihe Kplus bei Berlinale Generation 2022

Wenn Familienstrukturen ins Wanken geraten und auseinanderdriften, bringt das junge Menschen an den Rand ihrer emotionalen Kräfte. Die Filme, die bei der Berlinale in diesem Jahr in der Reihe Kplus der Sektion Generation liefen, lassen wenig Hoffnung zu. Ein Blick auf viele letzte Bilder und nur ein wenig Trost.

"My Small Land" (c) 2022MSLPC

Sarya blickt zu Beginn des japanischen Films „My Small Land“ (Emma Kawawada, 2022) in den Spiegel und macht sich für die Schule zurecht. Die kurdische Jugendliche ist gut integriert in ihrer Klasse im japanischen Saitama, wo sie schon so lange mit ihrem Vater und den beiden jüngeren Geschwistern lebt, dass sie kaum noch als Geflüchtete wahrgenommen wird. Auch die Schlussszene beobachtet Sarya wieder bei ihrem Blick in den Spiegel. Diesmal ist ihr die Erschöpfung und Verzweiflung anzumerken, unter deren Last sie zusammenzubrechen droht. Zwischen diesen beiden Szenen liegen nur wenige Wochen, in denen Saryas Leben auf den Kopf gestellt wird. Plötzlich ist sie es, die für Schwester und Bruder verantwortlich ist, weil der Vater sich in die Heimat hat abschieben lassen. Denn damit kann er nach japanischem Recht den Bleibestatus seiner Kinder ermöglichen. Der Film endet ohne Zuversicht. Es ist für die Kinder zwar ein Glück, dass sie nun in Japan bleiben dürfen, aber wie sie ohne Vater zurechtkommen werden und ob sie ihn jemals wiedersehen werden, ist unklar.

In den Beiträgen der diesjährigen Filmauswahl von Generation Kplus der Berlinale lösen sich die vermeintlich zuverlässigen Familienstrukturen auf. Den Kindern und Jugendlichen ist der Halt genommen – und damit ist nicht das traditionelle Familienbild von Vater-Mutter-Kind gemeint, das es so schon lange nicht mehr gibt. Familie sollte das sein, wo man sich geborgen fühlt, egal ob bei den Großeltern, nur einem Elternteil, oder ganz anderen denkbaren Konstellationen.

Nicht einmal der Glaube hilft

So lebt zum Beispiel Neimar in einem kleinen mexikanischen Ort mit seiner Mutter und Großmutter zusammen. Der Junge bereitet sich voller Begeisterung auf seine Erstkommunion vor. „The Realm of God“ (Claudia Sainte-Luce, 2022) folgt Neimar beinah dokumentarisch bei seinen alltäglichen Streifzügen, die ihn auch immer wieder zum Reitstall führen, wo er ein Lieblingspferd hat, das er pflegt. Voller Zuversicht nimmt er am Tag der Kommunion die Hostie entgegen und erwartet, dass Gott nun in ihn fährt, so wie vom Pfarrer versprochen. Aber das passiert nicht. Und warum ist die geliebte Oma nicht in die Kirche gekommen? Zuhause erfährt er, dass sie an seinem wichtigsten Tag gestorben ist. Als dann noch sein Lieblingspferd erschossen werden muss, fällt Neimar endgültig vom Glauben ab und verbrennt sämtliche Insignien Gottes, die auf dem Hausaltar aufgestellt sind. Nichts bleibt ihm. Die letzte Kameraeinstellung zeigt den Jungen von hinten, wie er auf einem Feldweg allein aus dem Bild geht. Es gibt keine Hoffnung, schon gar nicht auf Gott.

Hochaktuelle Einblicke in das Leben in der Ostukraine

"Terykony" (c) InsightMedia

Wenn es einen Gott geben sollte, hat der die Grenzregion Donbass im Osten der Ukraine definitiv längst verlassen. Der Dokumentarfilm „Terykony“ (Taras Tomenko, 2022) nimmt uns mit in eine unwirtliche graue Gegend und folgt der 15-jährigen Nastya, die vor Jahren bei einem Raketenangriff auf ihr Haus ihren Vater verloren hat und nun bei der Großmutter lebt. Der Film ist ein Hilfeschrei und zeigt die tiefen Wunden, die der Krieg in der Ostukraine bei den Menschen hinterlässt. Viele sind aus der Region geflohen, wo es auch im Tagebau immer weniger Arbeitsplätze gibt. Nastya hat keinen Ort, wohin sie gehen könnte. Sie zieht mit ihrer Clique über die Kohleabraumhalden und geht immer wieder an ihrem zerstörten Haus vorbei. Die Wunden des Kriegs sind in ihren Arm geritzt. Im letzten Bild steht sie rauchend unter herunter gerissenen Stromleitungen, die symbolisieren, dass nichts mehr funktioniert in dieser dystopischen Landschaft. Die Kinder tragen in jedem Krieg die größte Last, dafür will uns der Regisseur die Augen öffnen und tut dies mit einem dicht fotografierten Film, der keinen Ausweg für die jungen Protagonist*innen lässt, weil es keinen Ausweg gibt. Ein Film, der gerade heute erschreckend aktuell ist.

Ein Zuhause jenseits der leiblichen Eltern

Eine klassische Familie stellt der irische Film „The Quiet Girl“ (Colm Bairéad, 2022) vor. Vater, Mutter und viele Kinder, die Mutter wieder hochschwanger. Aber unter der Kinderschar gibt es eine Außenseiterin, Cáit, das stille Mädchen. Sie wird den Sommer über auf einen Bauernhof geschickt, zu Bekannten, die sie nicht kennt. Das ältere Ehepaar nimmt Cáit so freundlich und unvoreingenommen auf, dass sie sich langsam öffnen kann. Zum ersten Mal in ihrem Leben erlebt sie Zuneigung und Geborgenheit. Die Trennung nach einigen Wochen von den beiden ist dann umso schmerzlicher, denn sie muss wieder zurück nach Hause. Ein Happy End bleibt auch ihr verwehrt, sie rennt zwar noch dem fortfahrenden Auto der Ersatzeltern und damit gleichsam ihrem Glück hinterher, aber kann sich nur noch mit einer letzten Umarmung vom Bauern verabschieden. Dann bleibt sie bei der Familie zurück, von der sie nicht geliebt wird. Für Cáit wäre die Wahl der Bauernleute als neue Wunschfamilie der Ausweg aus der Trostlosigkeit, aber das ist nicht vorgesehen. Dieser eindringlich inszenierte Film erhielt von der Jury eine Lobende Erwähnung und gewann den Preis des Deutschen Kinderhilfswerks.

"The Quiet Girl" (c) Inscéal

Alles dreht sich um Familie(n)

Natürlich erzählen Kinderfilme in ihren Geschichten grundsätzlich immer die Familie mit, sie sind schließlich wesentlicher Bestandteil der Lebensrealität junger Menschen. Aber dass die Familie so explizit als Sujet in den Mittelpunkt gerückt wird wie in diesen Kplus-Filmen überrascht dann doch. Mag sein, dass die pandemiebedingten Produktionsbedingungen den Fokus mehr auf die inneren Strukturen und Lebensbedingungen gelenkt haben. Wie leben wir heute zusammen, welche Konstellationen sind überhaupt denkbar und kommen wir noch miteinander aus?

Selbst der niederländische Puppentrickfilm „Knor“ (Mascha Halberstad, 2022) macht die Familie dezidiert zum Thema und stellt den nach 25 Jahren zurückkehrenden Großvater in den Mittelpunkt, um zu beobachten, wie er die Kleinfamilie seiner Tochter mit Mann und Kind ins Strudeln bringen kann, indem er seiner Enkelin ein Ferkel schenkt. Im südkoreanischen Beitrag „The Hill of the Secrets“ (Lee Ji-eun, 2022) verheimlicht die zwölfjährige Myungeun, dass Vater und Mutter einen Fischladen betreiben. Alles dreht sich darum, diese für sie unsäglich peinlichen Eltern geheimzuhalten und zu verhindern, dass sie in der Schule auftauchen. Auch wenn die Eltern nicht so häufig im Bild sind, richtet sich das gesamte Denken der Tochter auf sie und ihre angeblichen Mängel. In ihrer Fantasie bastelt sie sich eine imaginäre, gut bürgerliche Familie. In „Comedy Queen“ (Sanna Lenken, 2022) muss Sasha lernen, den Suizid ihrer Mutter zu verarbeiten. Mit einem ausgetüftelten Plan versucht sie, eben nicht so zu werden wie ihre Mutter, sondern sich diametral von ihr abzusetzen. Das kostet Sasha sehr viel Energie, aber immerhin kann sie sich am Ende ihrer Trauer stellen. Eine Coming-of-Age- Story, die so beeindruckend ist, dass die Jury dem Film zu Recht den Gläsernen Bären verlieh.

Und dann doch noch eine Momentaufnahme der Hoffnung

"Die Kinder vom Rio Pastaza" (c) Inês T. Alves

Ein Gegenentwurf zur Tristesse und Dramatik der fiktionalen Filmstoffe ist der semidokumentarische „Water of Pastaza“ (Inês T. Alves, 2022). Eine Gruppe indigener Kinder zieht durch den Amazonas-Regenwald am Fluss Pastaza. Hier tauchen gar keine Erwachsenen auf, die Kinder stromern spielend, selbstbestimmt und glücklich durch den Urwald. Sie sind ausgestattet mit Macheten und Steinschleudern, kennen sich im Wald aus und haben immer etwas zu tun und zu beobachten draußen in der Natur. Die ganze Rasselbande springt in der letzten Einstellung schreiend und glücklich in den Fluss. Das ist ein befreiendes Schlussbild und wäre eine schöne Vision, wenn wir nicht wüssten, dass auch diese unberührte Welt bedroht ist. Aber als Momentaufnahme der Hoffnung auf eine unbeschwerte Zukunft ist die Szene einfach großartig.

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