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| von Barbara Felsmann

Heimat, das ist für mich …

Auffallend viele Beiträge des diesjährigen Jahrgangs von doxs!, dem Dokumentarfilmfestival für Kinder und Jugendliche, drehten sich um das Thema Heimat. Ein Blick auf ganz unterschiedliche und vielfältige Filme über das Geborgensein, die Erinnerung, das Aufbrechen und Zurücklassen, das Ankommen.

Standfoto aus Die 3 und ihr Schwyzerörgeli
„Die 3 und ihr Schwyzerörgeli“ Quelle: doxs!

Schon angesehen, den erfrischenden, wirklich witzigen Trailer von doxs!? Er weist auf ein Thema hin, das zunehmend in Dokumentarfilmen für ein junges Publikum eine Rolle spielt. In nur einer Minute und 12 Sekunden erzählt ein Junge von den Unterschieden in Stadt und Land und es ist sofort klar, dass das Gefühl von Heimat eine sichere Komponente in seinem Leben ist.

Dem Thema Heimat näherten sich viele Filme bei doxs!, und zwar auf ganz unterschiedliche Weise und in voller Bandbreite. Es ging darum, sich in der Heimat wiederzufinden, zu Hause zu sein, aber auch um den Verlust von Heimat, der Suche nach den eigenen Wurzeln und dem Verlorensein in seiner Heimat.

Geborgen sein

„Also wenn ich an Heimat denke“, sagt der elfjährige Severin in dem Dokumentarfilm „Die 3 und ihr Schwyzerörgeli“ aus der Reihe „Schau in meine Welt“, „dann sicher an mein Dorf und die Berge und die Leute, die im Dorf leben“. Regisseur Marco Giacopuzzi zeigt hier drei Freunde aus den Schweizer Bergen, die das Schwyzerörgeli spielen. Zuvorderst stellen sie ihr Instrument vor, eine landestypische Art der Ziehharmonika, und machen Musik. Doch nicht nur. Während die Kamera Bilder einer intakten Gebirgslandschaft einfängt, erzählen die Jungen vom Alltag in ihren Familien und denken über ihr Heimatgefühl nach, über ihre Beziehung zu den Bergen und ihre Ängste, dass die Natur durch überbordenden Tourismus bedroht wird. „Das Land ist einfach schön, wieso nicht Landeier sein“, fragen die Jungen in die Kamera – selbstbewusst und … glücklich.

In der dänisch-isländischen Koproduktion „Nest“ fällt dagegen das Wort „Heimat“ nicht ein einziges Mal und doch vermittelt der Film sehr viel über das Gefühl von Geborgenheit und Verwurzelung. Der in Island geborene Künstler und Filmemacher Hlynur Pàlmason hat für 18 Monate eine Kamera vor einem Mast auf einem freien Feld installiert. 22 Minuten lang erleben wir in aller Ruhe die spannendsten Geschichten: Der Mast erhält eine Plattform, vier Wände und ein Dach, er wird zum Spielplatz und Nest für drei Geschwister. Die Jahreszeiten verändern sich, ein Unwetter zieht heran, Schnee fällt. Die Kinder bauen einen Schneemann, bringen eine Lichterkette oben am Haus an, entfachen ein Feuerwerk zu Silvester. Einmal stürzt ein Kind vom Dach herunter, später kommt es mit einem Gipsbein vorbei, um sich ganz gefährlich von Bruder und Schwester die Leiter hochziehen zu lassen. Am Schluss wird es Frühling und die drei übernachten in ihrem Nest.

Ähnlich verwurzelt mit ihrem Zuhause in Schottland ist die zehnjährige Lena aus dem Film „Lena – Ich werde Schäferin“, den Regisseurin Marsaili Shields für die Doku-Reihe „stark!“ gedreht hat. Lena lebt auf dem Land, wo ihre Eltern eine Schafzucht betreiben. Sie packt kräftig mit an, denn sie möchte auch Schäferin werden und die Tradition ihrer Familie weiterführen. Auch Conor aus dem Film „West Country“ von Rowan Ings fühlt sich wohl in seinem Zuhause und doch glaubt er, dass er es später verlassen wird. Er lebt auf einer Farm in England. Meist spielt er allein, denn die älteren Geschwister und der Vater arbeiten von früh bis spät. Die Kamera fängt die Schönheit der Natur ein und setzt der Idylle den harten Alltag der Farmer entgegen. Conor selbst möchte nach der Schule für ein paar Jahre zur Armee gehen – weg vom Hof und seinem Zuhause.

Sich neu verorten

Standbild aus Nest
„Nest“ Quelle: doxs!

„Zu Hause ist, dass man einen Ort hat, auf den man sich freut“, meint Emy aus einer brandenburgischen Kleinstadt. Doch sie freut sich nicht auf diesen Ort, wo man über sie und ihre Partnerin Wiebke „trascht“. Sie möchte weg, irgendwohin, wo ihre Beziehung akzeptiert wird. Vier Protagonist*innen, alle an der Schwelle zum Erwachsensein und im ländlichen Raum lebend, haben die Filmemacherinnen Hannah Jandl, Eva Gemmer und Lea Tama Springer für ihren Film „So oder so“ zu ihrem Heimatgefühl und zu ihren Vorstellungen von der Zukunft befragt. Die Antworten fielen sehr verschieden aus. Titzian ist in seinem Ort und seiner Familie tief verwurzelt: „Für mich bedeutet das schon Heimat hier. Da, wo ich groß geworden bin und wo ich mich auch wohlfühle.“ Emma jedoch weiß, dass sie so schnell wie möglich wegziehen will, sicher aus anderen Gründen als Emy. Sie, die ihre Kindheit in Hamburg verbracht hat, vermisst „dieses Menschengetümmel und dieses Lautsein“ und „will definitiv über den Tellerrand schauen“.

Dagegen müssen sich die beiden Erstklässler Thorvin und Tilde aus dem norwegischen Dokumentarfilm „Schule am Meer“ („Skolen ved havet“) unfreiwillig von ihrem gewohnten „Nest“, nämlich ihrer kleinen Schule im Ort, trennen. Bisher wurden dort drei Klassen gleichzeitig unterrichtet. Nun wird diese Schule aus Kostengründen geschlossen und die Kinder werden in die nahegelegene Stadt gefahren und müssen sich in einem riesigen, zentralisierten Schulbetrieb zurechtfinden. Der Film von Regisseurin Solveig Melkeraaen wurde mit dem ECFA-Documetary Award ausgezeichnet. In der Begründung heißt es unter anderem: „Wir sind fasziniert von den beiden Protagonist*innen, die uns eine politische Geschichte aus ihrer Sicht erzählen und uns ihre Gedanken, Ideen und Sorgen mitteilen.“ In der Tat ist es vor allem der sechsjährige Thorvin, der genau seine Gefühle, seine Ängste, seinen Verlust schildert und damit das doxs!-Publikum zutiefst berührte. Übrigens lassen die Regisseur*innen in allen Filmen die Protagonist*innen selbst zu Wort kommen und verzichten auf jegliche erklärenden der gar wertenden Off-Kommentare. Dies verleiht ihren Arbeiten eine überzeugende Authentizität.

Heimat verlieren

Gleich zwei Filme waren im doxs!-Programm zu sehen, die das Schicksal junger Geflüchteter aus Syrien zum Thema haben. In dem niederländischen Beitrag „Hammoudis Traum“ („Hammoudi’s Droom“) von Els van Driel und Eefje Blankevoort steht der 17-jährige Mohammed Al Khalefa, von seiner Familie Hammoudi genannt, im Mittelpunkt. Hammoudi erzählt eindrucksvoll von seiner Flucht, die ihm vorkam „wie ein Kinofilm – lange und hart“ und die er nur knapp überlebt hat. Nun baut er sich mit seinem Bruder in den Niederlanden ein neues Zuhause auf, getrennt von seiner Mutter und den Schwestern, die noch immer in Syrien leben. Doch neben den Ängsten um seine Familie hat Hammoudi seit mittlerweile drei Jahren mit den Behörden zu kämpfen, um Sicherheit zu erlangen, Sicherheit, dass er bleiben darf. Es ist wirklich bemerkenswert, dass der junge Geflüchtete (und er ist ja kein Einzelfall) den Mut nicht verliert, an seinen Vorstellungen von der Zukunft festhält und sich trotz dieses „Lebens in der Warteschleife“ bemüht, in seiner neuen Heimat anzukommen.

Standbild aus Hammoudis Traum
„Hammoudis Traum“ Quelle: doxs!

In „Born in Damaskus“ geht es dagegen um eine ganz persönliche Geschichte der schottisch-syrischen Dokumentarfilmerin Laura Wadha. Der Film beginnt mit Wackelbildern, aufgenommen von Laura auf einer Reise durch Syrien vor dem Krieg. Sie zeigen das Meer, von Bäumen gesäumte Straßen, die Altstadt von Damaskus und Lauras Cousine Lujain. Zehn Jahre später sehen sich die beiden, die mittlerweile Kontinente voneinander entfernt leben, in einem Videocall wieder. Gemeinsam erinnern sie sich an die glückliche Kindheit in Syrien. Gefühle werden wach, die durch den Krieg und die Flucht im tiefsten Inneren vergraben waren. Im Gegensatz zu „Hammoudis Traum“, wo der Protagonist mit der Kamera begleitet wird und seine Gedanken für den Film formuliert, mixt Laura Wadha in ihrer Arbeit die verschiedensten Stilmittel – Handyaufnahmen, Videocalls und Social Media-Botschaften – und zeichnet damit ein leichtes, heiteres Bild von der Suche nach den eigenen Wurzeln, das erst auf den zweiten Blick die emotionale Tragweite des Verlusts deutlich werden lässt.

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