Festivals | | von Stefan Stiletto
Ganz viel Spielerisches
Unsere Pinnwand zum Filmfestival Schlingel 2026
Der Erklärschlingel ist weg, der Regenbogenfisch und das Neinhorn sind da. Die Moderation turnt vor und die Filme wirken nach. Streifzüge rund durch das diesjährige Programm des Chemnitzer Filmfestivals von Katrin Hoffmann, Reinhard Kleber, Verena Schmöller und Holger Twele.
Wo ist eigentlich der Schlingel?
(von Katrin Hoffmann)
Ja, wo ist denn eigentlich der Schlingel geblieben? Der Junge, der dem Festival seinen Namen gab? Oder war es umgekehrt? Er trug immer ein rotes Käppi, eine grüne Weste, einen bunt gestreiftem Schal und hatte gerne eine Filmklappe dabei. Früher hatte dieser Schlingel immer „Hallo“ vor den Filmen gesagt und das Abstimmungsprozedere für den Publikumspreis erklärt. Er war das Festivalmaskottchen, das jedes Jahr von einem anderen Jungen verkörpert wurde. Aber das Festival ist mittlerweile 31 Jahre alt und schon lange erwachsen geworden. Ein Erklärschlingel würde inzwischen wie aus der Zeit gefallen wirken und einen Anachronismus pflegen, der nun wirklich nicht mehr angesagt ist. Und der kleine Schlingel könnte das Publikum in den vielen Kinosälen auch gar nicht mehr bewältigen. Mit rund 190 Filmen und unzähligen Fachveranstaltungen an acht Tagen müssen die Filmfans sich ohne den Schlingel zurechtfinden. Wie das mit der Abstimmung funktioniert, erklärt sich eigentlich von selbst: Nach dem Film bunte Plastikchips in eine Box werfen, das ist ganz einfach. Den Publikumspreis in diesem Jahr hat übrigens „Der Regenbogenfisch“ von Florian Moch (2026) gewonnen. Na bitte, geht doch.
Ein Konzertzugabe zur Weltpremiere
(von Reinhard Kleber)
Mit gleich zwei Überraschungen präsentierten sich die Gäste, die den indischen Kinderfilm „Der Schlitten“ (Raja Shabir Khan, 2026) zur Uraufführung beim Schlingel-Festival begleiteten. Der Film erzählt von den Abenteuern des zwölfjährigen Haziq, die er und seine beiden Schwestern in der verschneiten Region Kaschmir in Indien erleben. Der Regisseur Raja Shabir Khan brachte zur Premiere einen Sohn, eine Tochter und eine Nichte mit, die wie er selbst und weitere Verwandte in dem veritablen filmischen Familienprojekt auftreten. Die Kinder spielten auf der Bühne des Kinosaal eine Tambur-Laute, ein Tamburin und ein weiteres Percussion-Instrument und sangen zusammen ein Medley, das sich aus drei kaschmirischen Volksliedern zusammensetzt. „Die Aufführung soll dem jungen Publikum einen Eindruck geben von unserem Land und unserer Kultur“, sagte der Regisseur.
Nach der Filmvorführung luden er und seine Familie die jungen Kinogäste ein, einen kleinen Becher Khava zu kosten. Das ist eine Art süßer Tee mit Kardamon und einer Prise Safran, der im Film eine wichtige Rolle spielt. Der Protagonist und seine Schwestern versuchen mit dem Verkauf des beliebten Getränks an einer Skipiste Geld zu verdienen, um die Reparatur eines beschädigten Schlittens zahlen zu können. Khans Familie hatte wohlweislich einen großen Samowar voll Khava gekocht. Die Nachfrage nach dem Tee war jedenfalls groß.
Handgemacht
(von Verena Schmöller)
Animation passiert heutzutage vor allem am Computer: „Monster Mia“ (Verena Fels, 2026), „Der magische Dschungel“ (Edmunds Jansons, 2026) oder „Die Häschenschule – Geheimnis um das Goldene Ei“ (Ute von Münchow-Pohl, 2026) – auf dem Schlingel waren die neuesten Animationsfilme aus aller Welt zu sehen, und sie zeigten auf ganz unterschiedliche Weise, was die Gattung alles kann. Besonders beeindruckend allerdings war ein Programm, das etwas aus der Zeit gefallen und ein paar Jahre älter war: die Handwerkskunst der Chilenin Vivienne Barry, die für ihr Lebenswerk mit dem Ehrenschlingel bedacht wurde. Ein Blick in 15 ihrer Kurzfilme zeigte, was Animation, ja Film, im Kern ausmacht: genaues Beobachten der Wirklichkeit, die ganz persönliche Sicht auf die Welt und deren Übertragung mit ganz unterschiedlichen Materialien in Filmkunst. Wenn etwa eine Kuh aus Knete kaut und muht und nebenbei Dosen mit Kondensmilch befüllt oder eine Stadt aus Stoffen genäht wird, wenn eine Knetblume verwelkt oder an anderer Stelle aus einer Blüte eine Gurke heranreift und geerntet wird, dann ist jede der handgemachten Einstellungen, jede Bewegtbildreihe ein Glücksmoment. Die etwa dreiminütigen Filme machten deutlich, wie genau die Filmemacherin, die einst im DEFA-Studio für Trickfilme in Dresden ausgebildet worden war, ihre Umwelt betrachtet. Wie Vivienne Barry jede Bewegung eben einer Kuh, eines Esels oder eines Menschen beobachtet und mit Puppen, Knete, Papier oder Stoffen nachahmt. Wie sie in feinster Fingerarbeit ihre Figuren modelliert und in der Montage zum Leben erweckt. Jeden Film will man noch einmal sehen und nochmal und noch einmal, weil sie voller Liebe für die Welt und das Leben sind.
„Ich will doch nur spielen …“
(von Holger Twele)
… sagte der kleine Haifisch, in dem deutsch-schweizerischen Marionettenfilm „Der Regenbogenfisch“ (2026) von Florian Moch. Alle Meeresbewohner*innen in der bunten Unterwasserwelt eines Riffs haben Angst vor ihm und befürchten, von ihm gefressen zu werden, bis sie entdecken, dass er völlig harmlos ist. Auch der Drache Günther in das „NEINhorn – Der Film“ (2026) von Marc-Uwe Kling und Johannes Weiland, der den eigenwilligen neuen Freund*innen des widerspenstigen Einhorns immer wieder den Weg versperrt und es anscheinend auf sie abgesehen hat, will de facto nur spielen. Damit führt er humorvoll die Märchen über einen tapferen Ritter, der einen Drachen tötet, um eine Prinzessin zu befreien, ad absurdum. Beide Animationsfilme, die in Chemnitz ihre Welturaufführung erlebten, entstanden nach nicht nur in Deutschland sehr bekannten Kinderbüchern. Sie sind auf ihre ganz eigene Weise so perfekt gelungen, dass sie ein junges Publikum und gleichermaßen auch Erwachsene begeistern können. Unterschiedlich sind sie allerdings in ihrer Machart. Während das „NEINhorn“ mit modernster Computertechnik entstand und vor allem durch seinen Wortwitz überzeugt, ist „Der Regenbogenfisch“ in enger Zusammenarbeit mit der Augsburger Puppenkiste und einem großen Team von Puppenspieler*innen nahezu komplett in traditioneller Handarbeit entstanden. Beiden gelingt es gleichermaßen, ihre Geschichte mit geradezu spielerischer Leichtigkeit zu vermitteln.
Handgeführt
(von Reinhard Kleber)
Wer kennt sie nicht, die Augsburger Puppenkiste? Das 1948 gegründete berühmte Marionettentheater zählt zu den Produktionsfirmen und Sendern, die den Animationsfilm „Der Regenbogenfisch“ (Florian Moch, 2026) hergestellt haben. Da lag es nahe, dass auch zwei ihrer Puppenspieler zur Vorführung des Films ins Chemnitzer Kino kamen. Einer von ihnen war zugleich der Regisseur Florian Moch. Er und sein Kollege brachten auch die Puppen der beiden Hauptfiguren mit und zeigten dem neugierigen jungen Publikum, wie sich der Regenbogenfisch und sein Freund, der kleine blaue Fisch, mit den Fäden bewegen lassen. „Hinter jeder Puppe steht ein Mensch, der die Figur, die zunächst scheinbar leblos ist, mit den Fäden zum Leben erweckt“, erklärte Moch. Er sagte weiter: „Fast der gesamte Film ist von Hand gemacht. Nur an zwei Stellen haben wir mit digitalen Trickeffekten gearbeitet. Wer hat es im Kino gesehen?“ Ein Kind im Saal wusste eine richtige Antwort: Die VFX-Spezialist*innen haben die schwarze Tintenwolke eines Tintenfischs am Computer erzeugt. Der zweiten Digitaleinsatz wurde jedoch nicht erkannt. Ihn verriet ein Mitarbeiter später unter vier Augen: Es war ein Tintenklecks, der auf einer schimmernden Schuppe des Regenbogenfischs nur mit dem Computer entfernt werden konnte.
„Ist das echt?“
(von Holger Twele)
Wenn Kinder auf einem Festival für junges Publikum den anwesenden Filmschaffenden Fragen stellen, wollen sie fast immer wissen, ob diese oder jene Szene echt war und sich real so abgespielt hat. Noch nie habe ich aber erlebt, dass ausschließlich diese Art von Fragen gestellt wurde, wie es bei der Neuverfilmung von „Emil und die Detektive“ (2026) durch David Dietl der Fall war: Ist Emil auf einem schmalen Sims wirklich an der Hotelfassade entlang geklettert? Hat er im Zoo wirklich einem Bären gegenüber gestanden? Ist das Mädchen Dienstag wirklich so reich wie im Film? Kann sie mit ihren technischen Fähigkeiten wirklich Handys knacken? Ist Emil mit seinen Freund*innen im Auto tatsächlich durch die Stadt Berlin gefahren? Sind seine Freund*innen auch im echten Leben kleine Detektiv*innen? Konnte die kleine Asiatin Anh mit ihrer Stimme wirklich die Erwachsenen so gut imitieren und sie damit täuschen? Den Erwachsenen dürfte es sicher nicht allzu schwer fallen, fast alle diese Fragen eindeutig zu beantworten. Allerdings sollte man vorsichtig sein, den Kindern pauschal zu unterstellen, sie seien eben noch sehr wenig filmerfahren gewesen. Es könnte ja sein, dass sie im Gegenteil dem Geschehen auf der Leinwand nicht so recht trauen wollen und daher vieles spontan hinterfragen. Und das wäre gar nicht so übel.
„Ich möchte auch ein Häschen sein“
(von Katrin Hoffmann)
Schule findet heute für viele Chemnitzer Grundschüler*innen im Kino statt: Auf dem Stundenplan steht „Die Häschenschule – Geheimnis um das Goldene Ei“ (Ute von Münchow-Pohl, 2026). Aber die Kinder sollen nicht einfach still sitzen und ruhig sein wie in der Schule, sondern der Moderator begrüßt sie mit einer Übung zum Aufwärmen: Hoppeln wie die Hasen und dann mit den Ohren winken. Erst nach diesen Lockerungsübung geht’s in die Kinositze und ab in die Traumwelt auf der Leinwand. Beim anschließenden Gespräch mit den Gästen ist die erste Aussage eines Mädchens, das sie auch gerne ein Häschen wäre. Nach der Vorstellung hoppeln alle ganz begeistert aus dem Kino.
Keine halbe Stunde später werden in „Mo und die Piraten – Die Legende vom roten Rubin“ (Florian Westermann, 2026) Anker gelichtet und „Ahoi“ Rufe geübt, wieder sind die Kinder schon ausgepowert, bevor der Film losgeht, und wieder wissen sie ganz genau, was auf sie zukommt, diesmal eine spannende Piratengeschichte.
Der Vorturner und Moderator der Auflockerungsübungen ist übrigens Juri Tetzlaff, bekannt aus dem KIKA und für die Zuschauer*innen ein feste Größe im TV-Alltag. Er schafft es, den Kinosaal in den Bann zu ziehen und für beide Animationsfilme eine angemessene witzige Einstimmung zu schaffen, sodass das junge Publikum den Geschichten danach aufmerksam folgen wird.
In Filme einführen
(von Verena Schmöller)
In Filme einzuführen, ist eine Kunst für sich und gibt der Moderation ein kleines Stückchen Macht über den Film und seine Rezeption. Mit den wenigen Sätzen vor der Vorführung stimmt man das Publikum ein auf einen Film, legt eine Spur, macht neugierig oder lässt es noch einmal toben, bevor es sich – möglichst ruhig – gemütlich macht im Kinosessel. Oder man macht sensibel für Themen und Erzählweisen und setzt damit den Ton, wie etwas Drehbuchautor Richard Brabin für den Film „Im Tiefen Fliegen lernen“ (Rebekah Fortune, 2026).
Mit herzlichen Worten holte Brabin das Publikum aus den Social Media-Welten, wissend, dass sie sich dort schnell zappend hindurchbewegen und andere Geschwindigkeiten gewohnt sind als diejenige, mit der „Im Tiefen Fliegen lernen“ seine Geschichte erzählt. „Be mindful!“, bat er: Gebt dem Film eine Chance! Und das funktionierte zunächst auch, es war überraschend still im Saal. Die ersten Worte nach dem Film dann machten das allerdings zunichte: „Ich hoffe, ihr habt euch nicht zu sehr gelangweilt“, sagte Brabin, was wirkte. Denn plötzlich fanden auch die, die intensiv die Geschichte von Leo und dessen trauerndem Vater verfolgt hatten, den Film tatsächlich langweilig. Schade! Man hätte es einfach beim Auftrag „Be mindful!“ belassen sollen – die Kinder hätten ihn gerne ernst genommen.
