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| von Stefan Stiletto

Chapeau!

Ob in den eigens für Kinder zusammengestellten „Tricks für Kids‟-Programmblöcken, im Internationalen Wettbewerb, der Young-Animation-Reihe oder dem AniMovie-Langfilm-Wettbewerb: Wenn man in diesem Jahr das Online-Programm des Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart nach Filmen für Kinder und Jugendliche durchforstet, kommt man an den starken Produktionen aus Frankreich nicht vorbei. Oft spielen die Geschichten in der Schule. Oder führen ans Meer.

"Un caillou dans la chaussures" Quelle: ITFS

Am Anfang stand eine Liste. Eine Sammlung von Titeln aus dem Programm des diesjährigen Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart, die spannend, formal außergewöhnlich oder berührend über Kinder- und Jugendthemen erzählen. Was soll erwähnt werden? Die Liste wurde länger und länger – aber der Fokus auf ein Herkunftsland war unübersehbar. Ganz egal aus welcher Programmreihe – ob aus dem Langfilmwettbewerb AniMovie, ob aus den Tricks for Kids oder Young Animation-Reihen, ob aus dem Internationalen Wettbewerb: Auffallend oft waren es Filme aus Frankreich oder mit französischer Koproduktion, die Kinder und Jugendliche, mal als Menschen, mal in tierischer Form, als Protagonist*innen in den Mittelpunkt gestellt haben.

In die Schule: Highlights aus Tricks for Kids

Animationsfilme sind oft dann besonders gut, wenn sie sich vom Realismus lösen. Wenn sie beginnen, mit Formen und Farben zu spielen, Figuren neu gestalten. So ist es eine wundervolle Idee, wenn der Vater in der französisch-spanischen, dialoglosen Koproduktion „Parapluies‟ (Umbrellas) von Jose Prats und Alvaro Robles seine Tochter durch seinen ausladenden regenschirmförmigen Bart vor dem Dauerregen und der kalten Welt beschützt. In atmosphärischen, mit Wasserfarben gezeichneten Bildern erzählt der 2D-animierte Film eine Geschichte der Abnabelung. Als der Hund der Tochter wegläuft und sie beim Versuch, ihn zu retten, von ihrem Vater getrennt wird, muss sie sich ihrer Angst vor dem Regen stellen und lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Während in dieser Altersgruppe gleich mehrere Filme ihre tierischen Held*innen an unterschiedlichsten Orten auf eine Reise geschickt haben, die zur Bewährungsprobe wird – etwa „L’odyssée de Choum‟ (Shoooms abenteuerliche Reise) von Julien Bisaro, „Lupin‟ von Helene Ducrocq oder „Kiki la plume‟ von Julie Rembauville und Nicolas Bianco-Levrin – waren es vor allem die berührenden Außenseitergeschichten über Identität und die Suche nach dem Platz in der Gemeinschaft, die nachhaltig beeindruckt haben. „Ich wechsle oft die Schule, aber nicht die Schuhe‟, sagt der achtjährige Louis. In vielen strengen Bildkompositionen zeigt „Les chaussures de Louis‟ (Louis’ shoes) von Théo Jamin, Kayu Leung, Marion Philippe und Jean-Géraud Blanc aus Frankreich (Special Mention Tricks for Kids), wie der an Autismus erkrankte achtjährige Louis sein Leben ordnet und wie er die Welt sieht. Eine Computeranimation über Formen und Ordnung, das Anderssein und das Sich-Wohlfühlen, das spielerisch einen Einblick in eine andere Art der Wahrnehmung eröffnet, Neugier weckt und Verständnis schafft.

Gleich noch einmal Schuhe: In dem, Puppentrick „Un caillou dans la chaussures‟ (A stone in the shoe) von Eric Montchaud aus Frankreich kommt ein Frosch mit blauer Haut in eine Klasse voller Kaninchen. Er schleppt eine ganze Menge Ballast mit sich herum: Erinnerungen an bedrohliche Monster, an eine Überfahrt über das Meer in einem kleinen Schiff. Ein Kaninchen hört ihm zu. Später wird er eine Ente, die neu in die Klasse kommt, nicht allein lassen. Das schwierige Thema Flucht wird hier einfühlsam in ein fantastisches Setting übertragen – und doch verliert der Film dadurch nicht an Ernsthaftigkeit und Tiefe. Im Gegenteil. Die metaphorischen Bilder zeigen einen neuen Zugang, um über erlittene Traumata zu erzählen und spürbar zu machen, wie es dem Frosch als anders aussehendem Neuankömmling geht.

Trotz starker Geschichten ist auffällig, wie gleichförmig viele der Beiträge aus den vier Tricks for Kids-Programmblöcken wirken. Ob es an den Rechteinhaber*innen lag und manch ein Film, der technisch-ästhetisch eine andere Richtung eingeschlagen hätte, einfach nicht für das Online-Festival freigegeben wurde? Der Rückblick auf das Programm des letzten Jahres, der eigentlich geplant war, aber im Zuge der Umstellung auf ein reines Online-Festival weichen musste, jedenfalls zeigt, dass da eine größere Vielfalt vorhanden war. Diese vermisst man nun ein wenig – auch wenn dies die Qualität der gezeigten Beiträge nicht abschwächt.

Sehenswerte Kinder- und Jugendfilme aus dem Internationalen Programm

"Precieux" Quelle: ITFS

Auch im Internationalen Programm waren spannende Filme zu finden, die für ältere Kinder sehenswert gewesen wären, etwa „Precieux‟ (Prescious/Wertvoll) von Paul Mas aus Frankreich. Die Außenseiterin Julie freundet sich in diesem Puppenanimationsfilm mit dem an Autismus erkrankten Emile an, über den sich alle anderen Kinder der Klasse lustig machen. Zaghaft nähert sie die einfühlsame Julie an und erfährt durch Emile die Freude am Zeichnen. Doch dann merkt sie, dass sie mehr Anerkennung in der Klasse findet, wenn sie auf Distanz zu Emile geht und ihn gar verleugnet. Mit grob wirkenden Figuren, in kalten Farben gehalten und mit teils überraschend weiten Einstellungen wirft der Film einen deprimierenden Blick auf das soziale Gefüge einer Klasse, in der Julie „lernt‟, dass sie sich besser nicht mehr für Hilfsbedürftige einsetzen sollte. Das Ende wirkt wie ein Schlag in die Magengrube und regt zum Nachdenken an. Eine Wirkung, die sich auch in der Auszeichnung mit dem Grand Prix niederschlägt.

Ebenso herausfordernd, aber dennoch möglich in der Programmierung für ältere Kinder wäre auch die chinesisch-französische Koproduktion „Dans la rivière‟ (Step into the river) gewesen. Weijia Ma erzählt in ihrem Film über zwei Mädchen, deren Leben ganz eng mit dem Tod verbunden ist. Das eine erfährt, dass es nur am Leben ist, weil sein älterer Bruder im Alter von einem Jahr gestorben ist, das andere wiederum wäre beinahe von seinen Eltern ertränkt worden, weil es aufgrund seines Geschlechts unerwünscht war. Ein zweifellos harter Stoff, jedoch sensibel erzählt aus der Perspektive der beiden Kinder. Und ein berührendes Zeugnis der Ungleichbehandlung von Mädchen.

Zum Meer: Nachdenkliches in der Young Animation-Reihe

Dass Erstlings- und Hochschularbeiten sich mit Geschichten über das Erwachsenwerden beschäftigen, ist nicht ungewöhnlich. Bemerkenswert ist jedoch, dass viele Filme über Kinder und Jugendliche aus der Young Animation-Reihe in diesem Jahr äußerst nachdenklich daherkommen. Leichtigkeit ist nicht zu finden. Stattdessen geht es oft ums Abschiednehmen. In „On va ramener Bernie chez papi‟ (We’re taking Bernie to Grandpa) von Arielle Besse, Shiuan-An Lin und Lilamirana Rakotoson aus Frankreich machen sich zwei Kinder auf eigene Faust mit dem Auto auf dem Weg zu ihrem Opa. Sie wollen ihr verstorbenes Kaninchens dorthin bringen – und das Ziel erweist sich als anders als gedacht. Das verrückte Road Movie setzt auf Absurdität, um am Ende doch noch einen rührenden Einblick in das Seelenleben der beiden Ausreißer*innen zu geben. Géraldine Charpentier aus Belgien erzählt unterdessen in ihrem autobiografischen Drama „Papa Zaza‟ über den schleichenden Tod des Vaters. Ein in matten Farben gezeichneter, sanfter Film über große Liebe, Entfremdung, Verlust und Zuversicht. Die Perspektive der neunjährigen Protagonistin steht im Mittelpunkt. Und Charpentier weiß genau, wann Realfilmaufnahmen stärker sind als eine Animation: „Papa Zaza‟ endet mit einem Familien-Homevideo, das die Regisseurin als Baby mit ihrem Vater am Strand zeigt.

Das Meer spielte auch in anderen Produktionen in diesem Jahr eine besondere Rolle: In „À la mer poussière‟ (To the dusty sea) von Héloïse Ferlay aus Frankreich geht es um eine Mutter, die ihre Kinder sich selbst überlässt, bis eine Reise die entfremdete Familie doch noch zum Ozean bringt. Ein existenzieller Stopmotionfilm mit Filzpuppen, die dadurch eine ganz besondere Haptik erhalten, über Sprachlosigkeit, verzweifelte Versuche, Nähe herzustellen und beunruhigendes Schweigen, das nicht zu Ende erklärt wird, inszeniert mit einem feinen Gespür für kleine Gesten. Auch die jungen Heldinnen in „Anna et Manon vont à la mer‟ (Anna and Manon go to the sea) von Catherine Manesse aus Frankreich führt es zu diesem Sehnsuchtsort. Sie reißen gemeinsam aus, weil sie sich niemals trennen wollen. Trotzdem wird ihre Freundschaft bei dem Versuch, ihr eigenes Leben ganz ohne Erwachsene zu leben, in der Puppenanimation auf die Probe gestellt.

Geradezu weich wirkt im Gegensatz dazu der Look der Computeranimation „Je suis un caillou‟ (I am a pebble) von Mélanie Berteraut-Platon, Yasmine Bresson, Léo Coulombier, Nicolas Grondin, Maxime Le Chapelain und Louise Massé aus Frankreich. Existenziell ist auch sie dennoch. Denn erzählt wird eine eine tieftraurige und poetische Geschichte über einen Otter, der in drei Steinen eine Familie gefunden zu haben glaubt. Die Einsamkeit des Otters und seine stetigen Versuche, Halt zu finden, gehen zu Herzen. Die Endlosigkeit des Meeres hat in diesem Film keinen Platz. Er spielt nur noch an einem kleinen Fluss.

In die Prärie: Genrestoffe in der AniMovie/Kids-Reihe

Nicht mehr neu und bereits beim Festival von Annecy im vergangenen Jahr als bester Langfilm prämiert war „Calamity, un enfance de Martha Jane Cannary‟ von Remy Chayé, der in Stuttgart in der AniMovie-Reihe gezeigt wurde. Aber dies ändert nichts daran, dass Chayé in Deutschland endlich auch einmal jenseits der einschlägigen Festivalaufführungen entdeckt werden sollte. Schon sein Entdeckerfilm „Tout en haut du monde‟ (2015) verschwand hier sang und klanglos. „Calamity‟ hätte die Kraft das zu ändern. In markant flächigen Bildern erzählt er eine Emanzipationsgeschichte vor Westernkulisse, die ganz zeitgemäß ist und Argumenten der kulturellen Aneignung keinen Ansatzpunkt bietet. Dagegen verliert die Gruselgeschichte „Petit Vampire‟ deutlich, obgleich hinter dieser der Comicautor Joann Sfar steht. So sind es die farbenfrohen und teils abstrakten Bilder der Prärie, die sich einbrennen und den Eindruck hinterlassen, hier etwas Besonderes gesehen zu haben.

Streaming-Tipps

Mehrere Filme des Programms finden Sie derzeit kostenfrei und legal online:

Unter dem deutschen Titel „Wertvoll‟ läuft der Grand Prix-Preisträger „Precieux‟ in der Arte-Mediathek (bis 30.10.2021). Auf Vimeo können Sie „Kiki la Plume‟ und „On va ramener Bernie chez Papi‟ abrufen. In der ZDF-Mediathek ist „L’odyssée de Choum‟ unter dem Titel „Shoooms abenteuerliche Reise‟ zu finden (bis 3.7.2021).

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