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| von Horst Peter Koll

Aufmerksame und unverstellte Blicke in die Welt

Vielfältig, herausfordernd und reich an Höhepunkten war das Kinder- und Jugendfilmprogramm der 67. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen 2021, das schon zum zweiten Mal nur online stattfanden konnte.

"Kiki la plume" (c) Julie Rembauville/Nicolas Bianco-Levrin

Vorhang auf für Anna! Das Mädchen ist sechs Jahre alt, seine Mutter stammt aus dem Senegal, sein Vater aus Gambia, die kleine Familie, zu der noch Annas jüngere Schwester gehört, wohnt in einer flandrischen Kleinstadt. Anna ist temperamentvoll, will dazugehören und teilhaben, auch an einem bunten Straßenfestumzug vor ihrer Haustür. Den Vorhang vor ihrem Fenster schiebt sie beiseite, nun thront sie auf der Fensterbank wie auf einem Logenplatz. Was sie sieht, ist befremdlich, wohl weniger für sie selbst als für den äußeren Betrachter: In Zeitlupe fängt die Kamera einen der Festwagen ein, auf dem Radrennfahrer in die Pedale treten, ohne sich von der Stelle zu bewegen, während sie wie in Trance von dem Festwagen herabwinken.

Diese suggestive, fast surreal anmutende Momentaufnahme entstammt dem 14-minütigen Kurzfilm „Elong E’nabe“ („Eine großartige Zukunft“) des Belgiers Niels Devlieghere. Dass er auch Fotograf ist, spürt man in jeder Einstellung seines kleinen Meisterwerks, das mit großer Zärtlichkeit auf Anna blickt und zugleich ihr Lebensumfeld visuell bestechend auslotet. Intuitiv fragt man sich: Wie mag es wohl sein, als schwarzes Kind ausgerechnet in einer fremden, zudem oft genug fremdenfeindlichen Region aufzuwachsen? Erklärender Trost kommt von der Mutter, die eindringlich, fast verschwörerisch flüstert: „Ich hoffe, dass du eines Tages verstehst, wofür wir unsere Heimat verlassen haben und wofür wir gekämpft haben.“ Und Anna wünscht, dass sie irgendwann einmal die „ganze Geschichte“ verstehen wird.

„Elong E’nabe“ zählte zu den Höhepunkten des diesjährigen Kinder- und Jugendprogramms der Internationalen Kurzfilmtage, das sich aus 40 Beiträgen aus 24 Ländern zusammensetzte. So sinnvoll es war, auch diesen Film deutsch einzusprechen, so sehr hinderte, ja störte in diesem Fall die Verständnishilfe: Die virtuose Gestaltung mit Bildern, Tönen, Stimmen und (Fremd-)Sprache an der porösen Grenze von Poesie und Realismus wurde durch das Einsprechen leider überdeckt. Gleichwohl dürften junge Zuschauer*innen von „Elong E’nabe“ immer noch tief berührt worden sein, wie ohnehin der Kinderfilmwettbewerb für Kinder ab acht Jahren in diesem Jahr einen besonders starken Eindruck hinterließ.

Ein starkes Kinderfilmprogramm

So beeindruckte in dieser Sektion ebenfalls das subtil-stille, herausfordernde Drama „Dalía“ von Brúsi Òlason aus Island: Ein Junge geschiedener Eltern wird von der Mutter fürs Wochenende zum Vater gebracht, der einen einsam gelegenen Bauernhof betreibt. Sprachlosigkeit und Fremdheit belasten die Beziehung der beiden, die sich erst näherkommen, als der Vater ein schwerverletztes Pferd töten muss und seinen kleinen Sohn in diesen schockierenden Vorgang sachlich, verständig und respektvoll erklärend einbezieht. Der Junge fühlt sich ernstgenommen, öffnet sich gegenüber dem Vater und baut neues Vertrauen auf, das sich in einem letzten Blick und einem kleinen Lächeln verdichtet, als die Mutter das Kind wieder abholt.

Kaum gegensätzlicher der Animationsfilm „Latitude du Printemps“ („Eine kleine Geschichte“) aus Frankreich, und doch wirkt die verspielte Fantasie mit Figuren, die wie aus der Playmobil-Welt anmuten, ebenso tief. Es geht um die Sehnsucht eines einsamen, mit seiner Weltraumrakete spielenden Jungen nach Kontakt und Freundschaft. Als er einen ausgesetzten Hund befreit, eröffnen sich neue Perspektiven, wobei die Grenzen und Chancen fantasiereich und nachdenklich durchdekliniert werden. Ein weiterer, ähnlich farbenprächtig und stimmungsreich gestalteter Animationsfilm in der Sektion ab 8 war „Un caillou dans la chaussure” („Ein Stein im Schuh‟) von Eric Montchaud (Schweiz/Frankreich). Einfühlsam und spannend erzählt dieses filmische Kleinod von einem kleinen Frosch, der ein neues Klassenzimmer voller Hasen betritt. Eingeschüchtert, zudem traumatisiert durch seine erschütternden Eindrücke einer Flucht, überwindet er seine Ängste, findet neue Freunde und den Mut zu zärtlich geäußerter Mitmenschlichkeit.

"Latitude du printemps" (c) Chloé Bourdic/Maŷlis Mosny/Noémie Halberstam/Sylvain Cuvillier/Théophile Coursimault/Zijing Ye

Entdeckungsreisen schon für die Jüngsten

Immer wieder schauten die Filme mit aufmerksamem und unverstelltem Blick auf die Welt, und mitunter war es berauschend mitzuerleben, wie sie Fenster aufstießen und so verspielt wie poetisch, so lebensdurstig wie entdeckungsfreudig, so hellwach wie nachdenklich auf Entdeckungsreisen gingen. Auch die Animationsfilme in den Kinderfilmwettbewerben ab drei und ab sechs Jahren luden die jüngsten Zuschauer*innen mit handwerklicher Akribie, prächtigen Farben und übermütigen Bewegungen zur Welterkundung ein. Eine schöne Spielerei betreibt der Trickfilm „L’ours qui avala une mouche“ („Der Bär, der eine Fliege verschluckte“) von Pascale Hecquet (Belgien/Frankreich), in dem jedes Tier meint, einem Bären einen Ratschlag geben zu müssen, nachdem er eine Fliege verschluckt hat. Immer größer werden dabei die Tiere, die der Geplagte verschluckt, um das jeweils vorherige in seinem Bauch ruhig zu stellen, bis er am Ende sogar einen Jäger samt Gewähr verspeist, bevor es zum freundlichen Happy End und zum selbstbewussten Aufbruch kommt. Ähnlich fröhlich und turbulent geht es in „Kiki la Plume“ von Julie Rembauville und Nicolas Bianco-Levrin (Frankreich) zu: Ein (putzig gezeichneter) Kanarienvogel entkommt seinem Käfig und nimmt dank einer fürsorglichen Krähe seinen ganzen Mut zusammen, um sich in einer (real fotografierten) Stadt zu behaupten. Poesievoll auch „Frolic“ von Yi-Han Jhao (Taiwan), in dem einige Kinder die Insektenwelt auf einer Wiese entdecken, bis sie plötzlich die Verantwortlichkeit ihres Handelns erkennen. Besonders berührend war die dokumentarische Animation „Das Haar meiner Mutter“ von Zeynep Sila Demircioğlu (Deutschland): Eine Frau erinnert sich, wie ihre Mutter einst sie und ihre Schwester verließ, um als Gastarbeiterin nach Deutschland zu gehen. Die wartenden und sich sehnenden Kinder erscheinen als liebevoll gezeichnete Sonnenblumen, zu denen sich schließlich reale Fotografien als Zeugnisse einer am Ende geglückten Familienzusammenführung gesellen.

Berührende Einblicke in Kinderseelen

Manchmal braucht es so gut wie nichts, um eine bewegende und zugleich herausfordernde Geschichte zu erzählen. Dem iranischen Regisseur Moein Rooholamini genügt in „Leo“ (im Kinderfilmwettbewerb ab zehn Jahren) der Blick ins Gesicht eines Kindes. Leidenschaftlich kommentiert ein Junge ein Fußballspiel, das man nie sieht, er verdreht die Augen, verzieht den Mund, schimpft über die Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. Immer nur ein kleines Stück fährt die Kamera zurück, womit sich jedes Mal der Blick etwas mehr weitet: auf einen Drahtzaun, auf den blinden Bruder, für den der Junge das Spiel kommentiert, auf die Hütten eines Flüchtlingscamps, patrouillierende Soldaten, die die eingesperrten Kinder anschnauzen. In knapp fünf Minuten ohne jeden Schnitt destilliert der Film aus der kleinen Spielsituation ein herzergreifendes Seelendrama um Fantasie, Fürsorglichkeit und Sehnsucht, die an Grenzen stößt.

Auch andere Filme für Kinder ab zehn Jahren beeindruckten als komplex-komplizierte Annäherungen an junges Handeln, Denken und Empfinden. Dabei boten sich tiefe Einblicke in ihre jeweiligen Lebenssituationen. „Dix ans“ („Zehn Jahre“) von Clélia Schaeffer (Frankreich) fängt dokumentarisch genau die Geburtstagsfeier eines zehnjährigen Jungen mit seinen Freund*innen im heimischen Garten ein, wobei sich die fröhlich-festliche Stimmung dramatisch verändert: Ein Spielzeug des Geburtstagskinds, eine von allen begehrte Drohne, ist spurlos verschwunden, die Suche danach wird zum immer heftigeren Schlagabtausch, bei dem sich die Kinder gegenseitig verdächtigen und beschuldigen, schnell einen Jungen als vermeintlichen Täter ausmachen und ihn gnadenlos ausgrenzen. Doch der hilf- und wehrlos in die Ecke Gedrängte erweist sich als unschuldig. Während die übrigen zur Tagesordnung übergehen, bleibt er bestürzt, verletzt und womöglich für immer verändert zurück. Um den Verlust von kindlicher Unschuld geht es auch in „Shower Boys“ von Christian Zetterberg (Schweden): Zwei zwölfjährige Freunde gehen nach einem hitzigen Trainingsspiel ihres Sportteams nach Hause, immer noch aufgeheizt von ihrem Trainer, der sie zu „echten Männern“ machen will. Quasi privat gehen sie über Grenzen und erforschen spielerisch ihre noch kindlich-unschuldige „Männlichkeit“. Dass sie gemeinsam duschen, sich berühren und küssen, ist das Resultat ihrer präpubertären Neugier, doch der Vater einer der beiden macht ein existenzielles Problem draus: Erschrocken und peinlich berührt gehen die Jungs auf Distanz zueinander. Dass man alles weit entspannter und weniger vorurteilsbehaftet angehen kann, wird aus der toleranten Reaktion des anderen Vaters erkennbar, der am Telefon über die vermeintlichen Fehltritte informiert wird. Ob dies das Ende einer Freundschaft ist oder ob sich Perspektiven eröffnen, lässt der einfühlsame, nachdenkliche Film offen.

Zwischen Tagträumen und harter Realität

Auch in den Jugendfilmwettbewerben ab 14 und ab 16 Jahren war das Thema Sexualität eine zentrale Frage, die über den Verlauf von Lebenswegen zwischen Identitätsfindung und Identitätsverlust (mit-)entscheidet. Zudem ging es noch um viel mehr, grundsätzlich um Körperlichkeit, ebenso um bedrängende soziale Probleme, um Konflikte mit Eltern sowie um alltäglichen Rassismus. „Candy Can“ („Dosenlimonade“) von Anton Octavian aus Rumänien ist ein mitreißend und virtuos gestalteter Animationsfilm, in dem die Dinge ständig im Fluss sind und sich stilistisch wie thematisch alles miteinander verwebt: düstere Wirklichkeit und wild wuchernde Fantasie, prekäre Lebensverhältnisse und sehnsüchtig versinnbildlichter Aus- und Aufbruch. Ein Junge trainiert Liegestützen inmitten ärmlichster Wohnverhältnisse, streift sich sein Barcelona-Fußball-Trikot über und driftet durch seinen Alltag, den er sich voller Abenteuer, Kontakte und Leidenschaften ausmalt, bis das Traumgebilde implodiert und der Junge auf einer Müllkippe beim Abfalldurchwühlen in der Realität ankommt. So trist dies ist, so begeisternd kraftvoll gestaltet sich die Animation. Ein weiterer Animationsfilm, „Trona Pinnacles“ von Mathilde Parquet (Frankreich), umschreibt die Befindlichkeit eines Mädchens während einer Ferienreise mit den zerstrittenen Eltern zu den Trona Pinnacles in der unwirtlichen Wüsten- und Felsenlandschaft des Death Valley. Hier scheint es kein Leben zu geben, doch die Nacht, in der sich Vater und Mutter endgültig entzweien, wird zur hochdramatischen Zustandsbeschreibung voller Emotionen, am Ende auch voller Hoffnung.

Mit zunehmendem Alter werden Körperlichkeit und Sexualität dann immer relevantere Themen der Filme. Bewundernswert verdichtet „Nova“ von Luca Meisters (Niederlande) in knapp elf Minuten die Sehnsucht und Begehrlichkeit eines 15-jährigen Mädchens zu einer berührenden Utopie. Still und beherrscht fügt sich Nova in ihr tristes Leben mit ihrer alleinerziehenden, überforderten Mutter, bis sie sich für die freundlich-einfühlsame und zudem attraktive Fußballtrainerin ihrer kleinen Schwester zu interessieren beginnt. Scheinbar beiläufig, eher dokumentarisch als dramatisch folgt man fasziniert dem introvertierten Mädchen, das sich am Ende eine wunderbar befreiende „Ungehörigkeit“ erlaubt. Vergleichbar mutig entwickelt sich eine etwa gleich alte, schwarze Schülerin, die bald ein englisches Internat verlassen wird und nun darauf gedrillt wird, sich angemessen auf den Arbeitsmarkt einzustellen. Dafür aber soll sie viel von ihrer Identität aufgeben, ihren Namen und vor allem ihre ausdrucksstarke, „wilde“ Frisur ändern. Während „Nova“ leise, fast introvertiert erzählt, setzt „Dolápò Is Fine“ von Ethosheia Hylton (Großbritannien) mitreißend vital die Entscheidungsfindung der tollen Protagonistin um. Wie wichtig das Thema „Haare“ überhaupt ist, verdeutlichte auch „Meng Hoer“ („Mein Haar“) von Max Jacoby (Luxemburg) in dem die temperamentvolle, 13-jährige Olivia ihre Haare als persönlichen Ausdruck ihrer Identität als Child of Colour erkennt.

"Dọlápọ̀ Is Fine" (c) Ethosheia Hylton

Körperlichkeit in unterschiedlichsten Ausprägungen

Immer ernsthafter und grundlegender, zudem selbstbewusst und voller Stolz setzten sich Jugendliche im Programm ab 16 Jahren mit sich und ihrer Körperlichkeit, vor allem auch mit ihren Defiziten und sogar Behinderungen auseinander. Sehr artifiziell beschreibt „Material Bodies“ („Materielle Körper“) von Dorothy Allen-Pickard (Großbritannien), wie junge, amputierte Frauen den Verlust ihrer Gliedmaßen annehmen und dafür in Tanz und Bewegung eine künstlerische Ausdrucksform finden. Die animierte Dokumentation „Vevnitř“ („Im Inneren“) von Viktorie Štěpánová (Tschechien) versinnbildlicht eindrucksvoll die Essstörungen einer jungen Frau, während sie tiefen Einblick in ihre zerbrechlich-bedrohte Seele gibt. „Was hast du noch nie in deinem Leben getan?“, fragen sich am Ende des poetischen Kurzspielfilms „Forastera“ („Die Fremde“) von Lucía Aleñar Iglesias (Spanien) einige Freund*innen auf Mallorca. Antonia lächelt schweigsam, hat sie doch zuvor etwas Wunderbares und „Ungehöriges“ getan: Sie schlüpfte in ein Kleid ihrer verstorbenen Großmutter und nahm quasi eine fremde Identität an, um sich ihrer eigenen zu vergewissern. Ihren Großvater stürzt sie ebenso in Verwirrung wie sich selbst in einem feinfühligen Rollenspiel, in dem es nicht nur um Erinnerungen und Annäherungen, sondern durchaus auch um Machtspiele und Sexualität geht.

Gerade für sexuelle Begehrlichkeiten eine angemessene filmische Form zu finden, war immer schon eine Herausforderung. Der schwedische Kurzfilm „Nattåget“ („Der Nachtzug“) von Jerry Carlsson unternimmt in dieser Hinsicht eine Gratwanderung zwischen sublimierter Sinnlichkeit und expliziter Sexualität: Ein junger Mann reist nach einem Vorstellungsgespräch im Nachtzug nach Hause zu seinen Eltern zurück, wobei ein attraktiver, gleichaltriger Mitreisender sein Interesse weckt. Zunächst mit Blicken, dann immer offensiver umspielen und umgarnen sich die beiden, bis sie sich in der Zugtoilette gegenüberstehen. Ihr Verlangen und seine Erfüllung vermitteln sich in einer anfänglich realistischen, dann zunehmend symbolischen Bildsprache, die oft die Form pornografischer Kunstgewerblichkeit streift, gleichwohl als mutiger „Diskurs“ Respekt verlangt. So ist der Versuch, ohne Scheu und Scheuklappen Sexualität und Homosexualität filmisch zu beschreiben, eine weitere Leistung, mit der die Werke der diesjährigen Kurzfilmtage herausforderten, ohne dabei je ihre jungen Zuschauer*innen aus den Augen zu verlieren.

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