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| von Holger Twele

Auf der schwierigen Suche nach dem eigenen Glück

Trotz Corona: Der „Schlingel‟ trumpfte 2021 mit einem qualitativ herausragenden Jugendfilmprogramm auf, in dem sich viele Filme mit ihrer dramaturgischen und emotionalen Dichte auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Lage lesen lassen.

"Krawall" (c) Schlingel-Archiv

Besonders aufregend klingt der Titel vielleicht nicht, denn das Thema spielte im Bereich des Kinder- und Jugendfilms schon immer eine Rolle. Die Auseinandersetzung mit den Eltern, die Ablösung vom Elternhaus, wie behütet oder zerrüttet dieses auch sein mag, und die Orientierungssuche in der Gesellschaft, in die man hineingeboren wurde, sind immer zentrale Themen für junge Menschen gewesen und in Filmen aufgegriffen worden. Sie spiegeln sich in allen Altersstufen und selbstverständlich auch in den anderen Sektionen des „Schlingel‟-Festivals in seinem 26. Jahrgang. Dennoch war es erstaunlich, dass die Jugendschiene 2021 mit 14 Beiträgen nicht nur quantitativ die anderen Wettbewerbssektionen überragte, sondern auch qualitativ mit dieser Thematik punktete und ihren Fokus darauf legte.

Neue Rollenverteilungen, überforderte Mütter

Fast immer geht es in diesen Filmen um handfeste familiäre Probleme, denen sich die Jugendlichen stellen müssen, nicht selten auch um eine neue Rollenverteilung, in der die Eltern nicht mehr Vorbilder oder Leitfiguren, sondern umgekehrt eher auf die Unterstützung der Kinder angewiesen sind. Besonders hart trifft es diesmal nicht die – gerade im jüngeren Kinderfilmschaffen – oft abwesenden Väter, sondern vor allem die Mütter. Diese sind gestorben wie im kolumbianischen Film „Metropole der Wilden“ und im italienischen Film „Parents vs. Influencer“, sie erkranken schwer oder sind psychisch extrem labil. Sie trauern alten Traditionen und Gewohnheiten hinterher oder haben sich schon vor langer Zeit aus dem Staub gemacht wie etwa im US-Roadmovie „The Short History of the Long Road“. Man mag darüber spekulieren, ob dieser eindeutige Fokus eher eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung über alle Länder und Kulturen hinweg spiegelt oder sich etwa auch als Folge der Pandemie miterklären lässt, als die Außenkontakte stark eingeschränkt waren und Konflikte in der Familie, oft vor dem Hintergrund traditioneller Vorstellungen und moderner Lebensweisen, notgedrungen auf engstem Raum ausgetragen werden mussten. Bei den Filmen aus aller Welt führte das jedenfalls zu einer dramaturgischen und emotionalen Dichte sowie einer inneren Stringenz, die in dieser Häufung nicht zu erwarten war. Und immer haben die Jugendlichen Entscheidungen zu fällen, die häufig gegen die Familie gerichtet sind und manchmal das eigene Leben infrage stellen.

Geradezu exemplarisch steht der kanadische Film „Krawall“ von Frédérick Neegan Trudel, der sowohl von den Festivalleiter*innen des Club of Festivals als auch von der Chemnitzer Jugendjury ausgezeichnet worden ist. Émilie ist noch minderjährig. Daher kommt sie in einem Heim unter, nachdem ihre alleinerziehende Mutter, eine drogensüchtige Möchtegern-Künstlerin, sie im Rausch wieder einmal vor die Tür gesetzt hat. Tief enttäuscht und voller Wut lässt Émilie dort anfangs niemanden an sich heran, schon gar nicht ihre etwas ältere Zimmergenossin, mit der sie sofort in Streit gerät. Obwohl sie weiß, dass sie von der Mutter nicht die Unterstützung erhalten wird, der sie dringend bedarf, sucht das Mädchen immer wieder den Kontakt zu ihr, wobei es auch kurze Momente der Versöhnung gibt. De facto haben sich in dieser problematischen Mutter-Tochter-Beziehung die Rollen vertauscht. Im Gitarrenspiel findet Émilie schließlich etwas Halt und die Erkenntnis, dass sie letztlich selbst dafür verantwortlich ist, im Leben etwas Glück und Liebe zu finden. Der schnörkellos und sehr realitätsnah erzählte Film besticht vor allem durch das intensive Spiel der Hauptdarstellerin Rosalie Pépin. Formal erinnert er ein wenig an die Dogma-Filme, zum Beispiel sind fast alle Dialoge ohne Musikuntermalung, umso bedeutsamer wird dadurch die Realmusik mit der arg ramponierten Gitarre und dem Mädchen.

"I Don’t Wanna Dance" (c) Schlingel-Archiv

Eine in diesem Fall sportlich-künstlerische Betätigung wird auch zum Rettungsanker für Joey in dem niederländischen Beitrag „I Don‘t Wanna Dance“ von Flynn von Kleist. Joey und sein kleiner Bruder sind schon seit zwei Jahren vom Jugendamt bei der Tante untergebracht, als die Mutter ihre Söhne zurückfordert. Mit besten Absichten natürlich, aber zu vielen Rückschlägen in alte Verhaltensmuster. So ist Joey hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seiner Mutter und der Erkenntnis, dass sie nicht in der Lage sein wird, für ihre Kinder zu sorgen und seinen Weg in einer Tanzgruppe weiter zu unterstützen, was allein ihm Halt und Zuversicht im Leben ist.

Black Lives Matter

Es sind auffallend viele schwarze Hauptfiguren, die nun endlich in den Mittelpunkt der Filme rücken, andere Sichtweisen eröffnen und Veränderung signalisieren wie etwa der französische Film mit dem symbolkräftigen Titel „Horizont“ von Émilie Carpentier. Adja lebt mit ihrer Mutter und dem älteren Bruder, einem gefeierten Fußballstar, in einer der zahlreichen Betonwüsten aus den Banlieues französischer Großstädte. Sie absolviert gerade eine Ausbildung zur Altenpflegerin, ist angepasst und steht ganz im Schatten des großen Bruders. Bis sie eines Tages Arthur und seine Gruppe von Umweltaktivist*innen kennenlernt, die sich gegen den geplanten Bau eines Einkaufs- und Vergnügungszentrums zur Wehr setzt und dafür von der Polizei heftig attackiert wird. Arthurs Vater, ein Biobauer, würde durch das Projekt seine Existenz verlieren. Dank seiner Hilfe und der Liebe zu ihm erkennt Adja, dass sie im Leben Stellung beziehen muss, auch wenn sie damit in Konflikt mit dem Gesetz und mit ihrer den alten Traditionen und Rollenbildern verhafteten Familie gerät. Ein aufrüttelnder Film mit starkem politischem Anspruch, der überraschenderweise bei der Preisvergabe vollkommen leer ausging.

"Horizont" (c) Schlingel-Archiv

Möglicherweise lag das aber nur an einem Film, der emotional mindestens genauso aufrüttelnd ist und zudem mit einer völlig unkonventionellen Geschichte und Umsetzung aufwartet. Diesmal trifft eine weiße YouTuberin sehr egoistische Entscheidungen für ihr persönliches Glück und Fortkommen, die vor allem einem jungen Schwarzen zum Verhängnis werden. „A Brixton Tale“ des irischen Filmemachers Darragh Carey gewann den Publikumspreis Chemnitz und eine Lobende Erwähnung der Jugendjury. Leah stammt aus einem reichen Elternhaus, wobei der alleinerziehende Vater offenbar vom Lebenswandel seiner Tochter so gut wie nichts mitbekommt. Leah möchte buchstäblich um jeden Preis Filmemacherin werden, unablässig filmt sie alles, was ihr vor die Linse kommt. So auch den schwarzen Benji und seinen drogensüchtigen weißen Freund, die ihr für ein Porträt der von harten sozialen Gegensätzen und Konflikten geprägten Stadt besonders geeignet erscheinen. Ob sich Leah wirklich in Benji verliebt oder ihn bis zum tragischen Ende nur naiv-kaltblütig für ihre eigene Karriere benutzt, muss das Publikum selbst entscheiden. Mit den veröffentlichten Aufnahmen gefährdet Leah jedenfalls nicht nur das Leben ihrer beiden „Freunde“, sie setzt auch eine Spirale der Gewalt in Gang, die von ihr nicht mehr zu stoppen ist.

"A Brixton Tale" (c) Schlingel-Archiv

Schicksale von Frauen im Fokus

Mahamat-Saleh Haroun aus dem Tschad hat seinen bereits in Cannes präsentierten neuen Film „Lingui – Heilige Bande“ diesmal ganz aus der Perspektive von Frauen gedreht. Die alleinerziehende Mutter Amina wurde einst von der Familie verstoßen, weil sie ihre Tochter Maria unehelich zur Welt brachte. Nun scheint sich dieses Schicksal zu wiederholen, denn die 15-jährige Maria ist schwanger und der Vater vorerst unbekannt. Abtreibungen sind vor dem Gesetz streng verboten und so geraten Mutter und Tochter in eine schier ausweglose Lage, die – und das ist das Besondere an diesem Film – dennoch Hoffnung gibt und Mut zur Veränderung macht. Der Film wird Anfang 2022 in den deutschen Kinos starten.

"Yuni" (c) Schlingel-Archiv

Die junge indonesische Filmemacherin Kamila Andini scheint mit ihrem Film „Yuni“ mehr Skepsis zu haben, dass sich die Situation der Frauen in muslimischen geprägten Ländern schnell verändern wird. Dabei stehen der jungen Protagonistin Yuni zunächst alle Wege offen. Sie geht zur Schule, ist eine der besten Schülerinnen und könnte sogar ein Stipendium erhalten. Dann allerdings führt die Schule Jungfräulichkeitstests ein, damit die jungen Frauen sittsam bis zur Ehe bleiben – und diesen Wunsch haben offenbar fast alle von ihnen. Nur Yuni weigert sich, dem traditionellen Rollenmuster zu folgen und gerät damit auch noch in Konflikt mit ihrer traditionsbewussten Großmutter, bei der sie wohnt, weil die Eltern fernab der Heimat Geld verdienen. Yuni hat bereits zwei Heiratsanträge abgelehnt, was sie öffentlich in Verruf bringt. Der dritte wirft sie vollends aus der Bahn. Mit dramatischen Folgen, denn es gibt niemanden mehr, dem sie noch vertrauen kann und der ihr uneigennützige Hilfe anbieten könnte.

Ein besonders faszinierender Film der Jugendschiene kommt aus Japan. „Folge dem Licht“ von Yoichi Narita ist eine eigenwillige Mischung aus Coming-of-Age-Drama und Liebesgeschichte mit poetischen Science-Fiction-Elementen vor dem Hintergrund der Landflucht in Japan. Viele Bauern verlieren damit ihre Existenzgrundlage und Schulen werden für immer geschlossen. So auch die von Akira, der mit seinem beruflich gescheiterten Vater gerade erst aus Tokio in die alte Heimat zurückgekehrt ist. Der zeichnerisch äußerst begabte Junge, der ähnlich wie der ständig gemobbte Tamura in der Klasse kaum Anschluss findet, fühlt sich geradezu magisch von Maki angezogen, der Tochter eines Tankwarts, der vor dem Ruin steht. Maki, die von ihren Eltern in Stich gelassen wird, gerade als sie diese besonders dringend braucht, geht eigentlich in die gleiche Klasse wie Akira. Doch sie wurde aufgrund ihrer Aggressivität vom Unterricht ausgeschlossen und verbringt nun einsam und allein Stunden stehend auf dem Dach eines Hauses. Als Akira und Tamura bei einem gemeinsamen Radausflug ein seltsames grünes Licht am Himmel entdecken, folgen sie der Erscheinung und entdecken in einem Reisfeld einen mysteriösen Kornkreis – und mittendrin Maki.

"Folge dem Licht" (c) Schlingel-Archiv

Die drei Jugendlichen wollen das Geheimnis für sich behalten, doch als die Schulschließung immer näher rückt und Tamura eifersüchtig auf Maki wird, kommt es zu einem folgenschweren Streit. Der überwiegend in ruhigen Einstellungen erzählte Film versucht gar nicht erst, alles zu erklären. Das Magische, das nur von wenigen wahrgenommen wird und schon gleich gar nicht von den herbeigeeilten Musterexemplaren einer narzistischen Selfie-Generation, wird hier zu einem selbstverständlichen Teil der Realität, die sich für Akira und Maki schon kompliziert genug gestaltet. Zugleich versteht sich der Film als Plädoyer gegen jede Form der Ausgrenzung und für gegenseitiges Verständnis, für Vergebung und mehr Solidarität. Aber wer weiß: Vielleicht handelt es sich gerade hierbei um eine Form von außerirdischer Erkenntnis.

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