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| von Katrin Hoffmann

Allein in einer komplizierten Welt

Kinder haben es nur selten leicht im Programm von Generation Kplus

Die Väter sind weg, die Mütter überfordert, die Welt ist unübersichtlich: Im diesjährigen Programm von Generation Kplus müssen Kinder ihren Weg alleine finden – und haben dabei glücklicherweise oft auch trotz vieler Widrigkeiten Erfolg.

"Mamá, mamá, mamá" (c) Rebeca Rossato Siqueira/Rita Cine & Bomba Cine

Nur ein einziger Film ist unter den 13 Langfilmen im Programm der Generation-Reihe Kplus der Berlinale zu finden, der lustig und unbeschwert daherkommt und wie ein gemeinhin „typischer“ Kinderfilm aussieht: „Sune – Best Man“ (Jon Holmberg, Schweden 2019), die Fortsetzung von „Sune vs. Sune‟ (Jon Holmberg, Schweden 2018) aus dem letztjährigen Festivaljahrgang. Alle anderen Filme fordern die Zuschauer*innen heraus, weil sie Welten zeigen, die komplex und schwierig sind. Und allen gemein ist, dass die jungen Held*innen nicht in traditionellen Familien aufwachsen. Die Väter sind meist abwesend, die Mütter meistern ihre Verantwortung allein – mal besser, mal schlechter.

Depressive und verantwortungslose Mütter

Das argentinischen Drama „Mamá, mamá, mamá“ (2020) von Sol Berruezo Pichon-Rivière etwa beginnt damit, dass die kleine Schwester von Cleo im Gartenpool ertrinkt. Die Mutter, die offensichtlich eine Mitschuld am Tod ihrer Tochter trägt, ist für Cleo nicht ansprechbar. Stattdessen sind unzählige weibliche Verwandte im Haus, die die Jugendliche zu trösten suchen. Vor allem den Cousinen gelingt es, Cleo eine Stütze zu sein. In engen Räumen und mit oftmals blassen Farben wird die Trauer deutlich gemacht, häufig füllen nur die Mädchen das gesamte Bild aus und bilden eine Verbundenheit, die Cleo über die schlimmsten Stunden hinwegträgt und die sie mit ihrer Mutter nicht findet.

Auch im Eröffnungsfilm „H is for Happiness“ (John Sheedy, Australien 2019) ist die Schwester von Candice Phee vor drei Jahren gestorben. Seither scheint die Welt um sie herum stillzustehen. Ihre Mutter ist depressiv, ihr Vater sitzt ausschließlich am Computer – und so muss Candice zusehen, wie sie ihren Alltag selbst bewerkstelligt. Vordergründig wirkt sie wie ein Energiebündel voller Optimismus, aber unschwer ist zu erkennen, welche dunklen Wolken stets über ihr schweben, auch wenn der Film auf den ersten Blick schrill, bunt und lustig ist, mit einer wunderbaren sommersprossigen Hauptdarstellerin. Manchmal bleibt das Lachen im Halse stecken, etwa wenn ihr neuer Klassenkamerad Douglas glaubt, aus einer anderen Dimension zu stammen, und sich deshalb beherzt vom Baum stürzt. Zu Recht hat „H is for Happiness“ von der Kinderjury eine lobende Erwähnung erhalten.

"Sweet Thing" (c) Lasse Tolbøll

Mit dem Hauptpreis wurde „Sweet Thing“ von Alexandre Rockwell (USA 2020) ausgezeichnet, einer Koryphäe des amerikanischen Independent-Films. Rockwells eigene Kinder spielen in dem in Schwarzweiß gefilmten Drama Geschwister, die mit ihrem alkoholabhängigen Vater in prekären Verhältnissen leben. Solange der Vater in Entziehungskur ist, wohnen die beiden bei ihrer Mutter und derem unberechenbaren Freund. Vorherrschende Brutalität und der Verrat der Mutter, die nach einem angedeuteten Missbrauch zu ihrem Lover hält, enden schließlich in der Katastrophe. Aus der Enge der sozialen Behausungen gibt es kein Entrinnen. Eine mutige Wahl der Jury, diesen schwierigen und gleichzeitig ästhetisch herausragenden Film auszuzeichnen. „Sweet Thing“ setzte sozusagen die Tonalität der diesjährigen Filmauswahl.

Kinder unterwegs

Auf eine ganz andere Weise wird Enge im mexikanischen Beitrag „Los Lobos“ von Samuel Kishi Leopo (2019) hergestellt. Auch hier wieder eine alleinerziehende Mutter, die mit ihren Söhnen von Mexiko in die USA geht. Dort bewohnen sie ein winziges Appartement, das die Kinder nie verlassen dürfen, während die Mutter arbeitet – und das tut sie den ganzen langen Tag. Die Welt wird für die Jungen nur durch ein Fenster erfahrbar und sie müssen sich mit den wenigen Dingen beschäftigen, die zur Verfügung stehen. Klaustrophobisch einerseits und, da die Jungen ohne Aufsicht sind, befreiend andererseits, verbringt der Film die meiste Zeit mit den Kindern in einem schäbigen Zimmer, bis das Verbot der Mutter nicht mehr beachtet wird und die beiden den schützenden Kokon verlassen. Der Regisseur hat hier eigene Kindheitserfahrungen einfließen lassen, zu verstehen auch als Kritik an der unhaltbaren Situation mexikanischer Immigrant*innen in den USA.

"Los lobos" (c) Octavio Arauz

Auch ohne Vater – und ohne den Kindern zu erklären, wo dieser abgeblieben ist – macht sich unterdessen die Mutter von Dighu mit ihm und der älteren Schwester auf den Weg von der Großstadt aufs Land zu den Großeltern. In dem indischen Beitrag „Sthalpuran“ (Akshay Indikar, 2020) weiß der Junge schlichtweg nicht, wie ihm geschieht. Die gesamte Familie verweigert die Auskunft. So ist es ein verstörender Neuanfang ohne Papa, an den Klang von dessen Stimme sich Dighu bald nicht mehr erinnern kann. Regen und das Meer bestimmen nun Dighus Alltag, in dem er sich nicht zurechtfindet.

Familienkonstellationen haben sich grundlegend verändert, die Geschichten spiegeln die Realität einer globalisierten Gesellschaft mit dem Symptom Heimatverlust. Haben die Mütter an einem Ort keine ausreichende Lebensgrundlage mehr, auch weil ein zweites Einkommen fehlt, sind sie gezwungen weiterzuziehen. Dazu entscheidet sich auch Dighus Mutter in dem festen Glauben, es für das Glück ihrer Kinder zu tun.

"Perro" (c) Julia Hönemann/Zum Goldenen Lamm GmbH

Undurchsichtige Machtstrukturen

Unsichere gesellschaftliche Strukturen oder Naturkatastrophen zwingen Kinder, ihre Heimat zu verlassen. Der deutsche Dokumentarfilm „Perro“ von Stin Sternal (2020) porträtiert den Jungen Perro in einem Dorf im südlichen Regenwald Nicaraguas, das durch einen geplanten Kanal zwischen Atlantik und Pazifik bedroht wird. Perros indigene Dorfgemeinschaft wäre ganz direkt davon betroffen. Der Film spiegelt die Hilflosigkeit der Menschen, die nie befragt wurden. Perro, der ohne Eltern bei seiner Großmutter lebt, streunt weiterhin durch die Natur, ein wortkarger Junge, der schließlich in die Stadt zur Tante umziehen muss. Wenn er jetzt nach oben blickt, sieht er nur Stromleitungen, die den Himmel zerstückeln, keine Bäume mehr. Eine Dokumentation, deren Naturaufnahmen und authentische Bilder die zunehmende Auswirkung staatlicher Machtausübung beschreibt. Der Konflikt, um den es hier geht, wird lediglich nebenbei durch das Radio vermittelt; die Angst und die Sorgen der Protagonist*innen sind vor allem in deren Gesichtern zu sehen.

Vertreibung behandelt auch „Die Adern der Welt“ (Byambasuren Davaa, Deutschland, Mongolei 2020) in dem es um die Gefahr durch die Goldgräberindustrie in der Mongolei geht. Den Nomad*innenfamilien wird ihre Existenzgrundlage geraubt, wenn Goldtagebau die Steppe aufreißt und ihre gelebte Gemeinschaft damit in den sozialen Abgrund stürzt.

Glaube und Wahn

In beinahe allen Filme werden willkürliche und rigorose Herrschaftsstrukturen offenbar, egal ob von staatlicher Seite, Wirtschaftsmacht, oder im Fall von Celia von kirchlicher Seite. In „Las Niñas“ (Pilar Palomero, Spanien 2020) lebt Celia im Spanien der 1990er-Jahre, eingezwängt zwischen katholischer Mädchenschule und einer Mutter, die seit der Geburt der Tochter mit ihr alleine ist und sich in Demut vor dem Herrn flüchtet. Eine verlogene religiöse Gemeinschaft, die erst brüchig wird, als der Großvater stirbt und die Familie das erste Mal seit langem wieder zusammenkommt. Celia zwingt ihre Mutter, ihr eigene „Verfehlung“ der unehelichen Schwangerschaft zuzugeben. Damit gelingt es ihr, die verkrustete Religionsgemeinschaft aufzubrechen, während gleichzeitig ihr Selbstbewusstsein zu Beginn ihrer Pubertät gestärkt wird.

Wesentlich unbeschwerter gehen die drei Freunde in „Death of Nintendo“ (Raya Martin, Philippinen, USA 2020) mit Mythen und dem Thema Erwachsenwerden um. Sie wollen den Schritt zum Mannsein ganz aktiv angehen und sich von einem Heiler beschneiden lassen. Keiner der drei Jungen hat einen Vater, den er zu diesem Thema befragen könnte oder der als Vorbild in Frage käme. Der Film schildert recht anschaulich die Wünsche und Nöte der drei, deren größte Strafe es wäre, wenn man ihnen ihre Spielkonsole wegnehmen würde.

"Death of Nintendo" (c) Ante Cheng

Dagegen halten

So spiegeln die Themen der Kplus-Filme die zunehmenden Herausforderungen einer dynamischen Welt. In jeder Region der Erde werden Ungerechtigkeiten sichtbar, mit denen Kinder konfrontiert werden. Einerseits entstehen Konflikte aus schwierigen Familienkonstellationen heraus oder aber aus ungerechten und undurchschaubaren Machtverhältnissen, denen die jungen Menschen aber auf dramatische Weise ausgeliefert sind. Die Kinder jedoch finden immer einen Weg, sich dem zu widersetzen. Das macht jeden einzelnen Film so stark und unentbehrlich.

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