Den kenn ich doch | | von Christian Exner
Sometimes I feel like a motherless child
Das Waisenkind im Kinder- und Jugendfilm
Wenn im Film ein Waisenkind auftaucht, dann dauert es nicht lange, und der Horror bricht sich Bahn. Spätestens seit Juan Antonio Bayonas Meisterwerk „Das Waisenhaus“ (2007) spuken kinderlose Eltern und elternlose Kinder zuhauf durch das Gänsehaut-Genre. Der Einbruch des Irrealen ist meistens ein Reflex aus einer unbewältigten Vergangenheit, und das Waisenhaus erscheint als Ort verdrängten Schreckens und verdrängter Schuld. Angefangen mit „Oliver Twist“ (1948) wirft die Drangsal Schwarzer Pädagogik einen langen Schatten in den Mythenschatz des Films mit Werken wie „Die unbarmherzigen Schwestern“ (2002) , „Philomenia“ (2013), „Lost Heaven“ (2002) , „Die Nonne“ (2013) oder „Long Walk Home“ (2002).
Nicht alle Kinder und Jugendlichen in diesen Filmen sind komplett verwaist. Doch Heimerziehung wurde per se als eine Form der Sanktionierung erlebt, die im Motto „Sometimes I feel like a motherless child“ ihren treffenden Gefühlsausdruck fand. Das Waisenhaus ist als „haunted house“ eine Kapsel, die immer wieder aufbricht. Das wirklich Bestürzende daran: Despotie und Sadismus, physische und psychische Misshandlung von Kindern und Jugendlichen sind längst nicht nur gestrig und mythisch. Teils sind sie wirklich unbewältigt. Das rückte erst jüngst das Jugenddrama „Freistatt“ (2014) ins Bewusstsein. Die Geschichte des Halbwaisen Wolfgang erinnert daran, dass Nazi-Methoden bis weit in die 68er Generation hinein praktiziert wurden. Dem Plot dieses Films steht die Überzuckerung des Waisenhaus-Motivs im total verkitschten britischen Kinderfilm „Molly Moon“ (2015) gegenüber. Wie ein Reflex aus einer unbewältigten ästhetischen Vergangenheit tischt die Inszenierung hier die abgestandensten Klischees der Sparte Kinderfilm auf. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass der Kinderfilm mindestens so gestrig sein kann wie der Heimatfilm: Voilà, hier ist er! Molly Moon schwebt wie ein guter Geist über einem Elend, das von ungenießbaren Speisen, Lumpenkleidern und stupider Heimleiterin bestimmt wird. Durch die Kraft ihres positiven Denkens und Fühlens zieht sich das Mädchen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf. Ihre Apotheose erfährt Molly überraschend zeitgeistig bei einer Casting Show. Der Weg zum Ruhm wird als modernes Märchen heraufbeschworen. Fernsehen und Kino reichen sich die Hand und düngen kräftig den Nährboden ihrer Pop-Illusionen und ihres Star-Kults. Der kleine Bruder des Heile-Welt-Eskapismus ist der HeileKindheit-Eskapismus. Er hat eine hohe Beständigkeit.
Besser modernisierbar als der Waisenhausplot scheint der Tierfilm zu sein. Die Freundschaft zwischen Waisenkind und Tier ist hier Genre-Standard: „Amy und die Wildgänse“ (1996), „Duma –Mein Freund aus der Wildnis“ (2005), „Tommy und der Luchs“ (1998) oder „Misa mi – Freundin der Wölfe“ (2003): Amy, Xan, Tommy oder Misa sind alle Halbwaisen. Wo ihnen ein Elternteil fehlt, da füllt das Tier die emotionalen Lücken. Wo das Kind ein Stück Behütetsein verliert, da wird es selbst zum Beschützer und Bewahrer. Auf jeden Fall zeigt der Tierfilm eine optimistischere Tendenz in der Behandlung verwaister Kinderfiguren. An die Stelle des Waisenkindes tritt beim aktuell beliebten Sequel zu „Ostwind“ (2015) eine rebellische Mika, die sich von ihren viel beschäftigten Eltern im Stich gelassen fühlt. Auch sie kann mit einstimmen: „Sometimes I feel like a motherless child“. Und wir lernen nebenbei: Auch Pferde können sich missverstanden und von Gott und der Welt verlassen fühlen.
