Den kenn ich doch | | von Christian Exner
Pferdemädchen
Das Kino ist (k)ein Ponyhof
Es gibt so viele Pferdemädchen, dass die meisten Filme über Ross und Reiterin keine Mühe haben, ihr Publikum zu finden. Egal ob „Bibi & Tina“ (2014-16), „Ostwind“ (2012) oder „Hördur“ (2015): Sobald ein Pferd auf der Leinwand erscheint, ist das Interesse junger Reitsport-Enthusiastinnen geweckt. „Pferdemädchen“ klingt etwas despektierlich nach romantischen Ponyhof-Fantasien mit Ausritten im schönsten Sonnenuntergang, nach rosa Schleifchen in wallenden Mähnen oder der perfekten Harmonie mit sanften Vierbeinern. Aber auf jeden Fall klingt es auch nach dem typischsten aller Mädchen-Hobbys. „Das Pferdemädchen“ war zugleich der Titel von Egon Schlegels Film aus dem Jahr 1979. Dieser Film markierte die Abkehr von Tierfreundschaftsillusionen durch ein alltagsnahes Dilemma. Die blinde Stute der Protagonistin Irka erwartet ein Fohlen. Doch dem Mädchen und seinem Vater ist es unmöglich, für beide Tiere zu sorgen. Irka muss eine Entscheidung treffen und Verantwortung übernehmen.
Um Verantwortung und Persönlichkeitswachstum drehen sich auch die Reiterfahrungen von Aylin im aktuelleren Film „Hördur“ (2015). Das Islandpony Hördur kann wegen Seuchenschutzes niemals in sein Stammlandzurück. Wie symbolisch! „Zurück in die Türkei“ ist nämlich die Devise von Aylins Vater, nachdem er beruflich das Handtuch geschmissen hat. Aber das kommt für Aylin nicht in Frage. Beim Reiten entwickelt sie ein neues Selbstbewusstsein und findet zu mehr Selbstständigkeit. Manche sagen, „Hördur“ sei kein Pferdefilm. Aber was ist er dann?
Vielleicht sind ja die anderen Schmonzetten à la „Ostwind“ oder „Bibi &Tina“ keine Pferdefilme. Kritische Leserinnen der Internet-Seite Kinderfilmwelt.de monieren, dass die Darstellung des Reitens in „Ostwind“ von vorne und bis hinten nicht stimme. Das beginne beim Satteln, das wirklich nur im Film eine Sache von Sekunden sei. Dem Blick der Kennerin sticht auch ins Auge, dass es bei der „Anlehnung“ hapert. Was echten Pferdemädchen da aufgetischt wird, ist also Schmu. Dabei gibt sich der Film doch so verständig. Der Hengst Ostwind ist ein wildes Monster, mit dem keiner klarkommt. Der Pferdeflüsterer in uns sagt sich gleich: Er wird einfach nur falsch verstanden. Das kann natürlich niemand besser nachempfinden als Mika, die gerade in einer sehr rebellischen Phase ihrer Pubertät steckt, was wiederum nichts anderes bedeutet, als dass sie falsch verstanden wird. Zwei Wesensverwandte finden sich, gemeinsam sind sie stark. Das reimt sich zusammen, wie es sich in einem Epos mit Feel-Good-Ambitionen zusammenreimen muss. Wer aber erfahren hat, dass der Reiterhof kein „Leben auf dem Ponyhof“ zu bieten hat, der wächst heraus aus solchen küchenpsychologischen Interpretationen der Pferde- und Teenager-Seele.
Andererseits gibt es auch eine Lust an der extremen Stilisierung bei „Bibi & Tina“. Das ist Camp, es ist Musical, Westernromantik, Liebesgeplänkel – es ist große Freundschaft mit ganz dickem Goldrand. „Bibi & Tina“ ist das Produkt einer perfektionierten Filmraffinerie. Man nimmt fuchsbraunen Rohrzucker und bekommt am Ende des Prozesses geklärte weiße Kristalle. Das macht auf seine Art Spaß. Von Folge zu Folge mehr. Denn da werden Reitfantasien bedient, die frei sind von Nebenwirkungen wie Staub in den Kleidern oder Verspannungen in den Muskeln. Süße Träume für diejenigen, die mit Reiten nicht wirklich etwas am Cowboyhut haben oder haben wollen.
