Den kenn ich doch | | von Christian Exner
Leider doof
Polizist*innen im Kinderfilm
Der Intelligenz-Limbo von Gaunern und Gangstern in Kinderfilmen ist das eine. Dass ihre Antipoden – die Gesetzeshüter*innen – jedoch kaum schlauer sind, ist das andere. Und dass die Filmemacher*innen sich dabei immer wieder aus der Mottenkiste des Humors bedienen, ein umso größeres Ärgernis.
Streifenpolizist*innen in Uniform, die immer zur falschen Zeit am falschen Ort sind, die stets das Falsche tun, über ihre eigenen Füße stolpern und vor allem Kinder nicht ernst nehmen – sie geben ein allzu vertrautes Bild in Kinderfilmen aus deutscher Produktion ab. Da sie in der Regel im Duo auftreten, werden sie gerne nach dem Schema „dick und doof“ besetzt und bedienen ein abgedroschenes Slapstick-Schema. Sind Scherze, die sich allein an Äußerlichkeiten festmachen, nicht längst unwitzig? War da nicht was mit Body Positivity? Um mit einem Filmtitel zu sprechen: Kannawoniwasein!
Das Kasperletheater lässt grüßen
Wenn Schauspielerinnen wie Lisa Flake oder Anna Mateur in ihrer jeweiligen Comedy-Persona auf der Bühne oder vor der Kamera stehen, dann strahlen ihre Figuren viel Empowerment und Selbstermächtigung aus. Anna Mateur, die sich in „Das Geheimnis der gestohlenen Maske“ (Nancy Mac Granaky-Quaye, 2026) hinter das Steuer einer grünen Minna klemmt, macht hier jedoch buchstäblich „keine gute Figur“. Der Film gibt sie durch seine Inszenierung der Lächerlichkeit preis, egal, ob sie nur im Auto sitzt oder über einen Museumscampus läuft. Funktioniert das noch als Variation der Cabaret-Figur Anna Mateurs? Kommt es beim Publikum als satirische Überspitzung von Humor-Plattitüden an? Wohl nur, wenn man sich Anna Mateur in ihrer Bühnen-Performance dazu denkt.
Eine ähnliche Unwucht ist in „Kannawoniwasein“ (Stefan Westerwelle, 2023) zu erleben. Aus dem Mund der Protagonistin Jola wirkt der titelgebende Ausspruch lässig. Im Mund von Polizist*innen, die dauernd über die Fährnisse ihres Alltagslebens schwadronieren, soll er zum Running Gag werden. Nur leider geht dieser auch auf die Kosten der von Lisa Flake gespielten Polizistin. Einer Figur, die etwas zu dumpf und zu derb gezeichnet wird. Dialog-Zitat von ihr: „Wir sind doch alle schoma abjehauen!“ Eine Polizistin, die sich anwanzt – echt jetzt?! Es gibt viel Schönes, Stimmungsvolles und Originelles in diesem Road Movie über zwei Kinder, die sich allein mit verschiedensten Transportmitteln auf den Weg zum Meer machen. Die Ordnungshüter*innen, die sich ihnen an die Fersen heften, sind es nicht.
Beim Aspekt der trotteligen Polizisten kann man auch mal kurz rüberschwenken zu „Lucy ist jetzt Gangster“ (Till Endemann, 2022) und „Der Prank“ (Benjamin Heisenberg, 2025). Die kasperletheaterhafte Typisierung der Uniformträger*innen ist bei diesen Filmen besonders schade, weil ihr Anspruch sichtbar wird, Erzählschemata zu durchbrechen. Sehr weit gekommen sind sie bei den Polizist*innen-Charakteren jedenfalls nicht.
Wenn die Mühlen zu langsam mahlen
Die Gesetzeshüter*innen sind nicht nah genug am Geschehen, sie erkennen die entscheidenden Hinweise nicht oder sie sind schlichtweg zu langsam. Auch das ist eine Erzählvariante der unzureichenden Polizeiarbeit. So kommen die beiden Titelhelden in „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ (Neele Leana Vollmar, 2014) dem ominösen Mister 2000 ganz allein und aus eigener Stärke auf die Schliche und die „Pfefferkörner“ sind immer etwas fixer im Denken und Handeln als die Ermittler*innen vom Dienst. Damit passen sie geschmeidig in das neoliberale Narrativ, dass Behörden umständlich und lahm seien, während smarte junge Menschen agil und effizient vorgehen. Aber in der Geschichte des Kinderfilms ging es zeitweise auch ganz anders.
Ideologisch aufpoliert
„Die Polizei, dein Freund und Helfer“ heißt eine Formel, an die sich fromm und folgsam vor allem DEFA-Kinderfilme gehalten haben. Der Volkspolizist war in diesen Filmen aus dem Schaffen der staatlichen DDR-Filmproduktion eine Figur, die eine gesellschaftlich relevante Berufsgruppe vertrat. Besonders schön zu sehen in „Sabine Kleist, 7 Jahre“ (Helmut Dziuba, 1982). Titelheldin Sabine bringt den polnischen Jungen Stanislav, der seine Mutter verloren hat, zur Polizei, damit ihm geholfen wird. Dort erkennen die Beamten, dass auch Sabine selbst dringend Hilfe braucht. So viel Vertrauen, Zuwendung und Verantwortung! Das gewollt positive Image des Polizisten wurde auch in Kurzauftritten pointiert. Man denke nur an den Polizisten Zampe in „Moritz in der Litfaßsäule“ (Rolf Losansky, 1983) oder Wachtmeister Schwuppke in „Philipp, der Kleine“ (Hermann Zschoche, 1976). Die einzige kleine Herabsetzung besteht bei diesen Helden des Alltags in ihren etwas ulkigen Nachnamen.
Es stellt sich die Frage was nun besser ist: ein aufpoliertes Gesellschaftsmodell oder die eingehegte Anarchie des ewigen Slapsticks. Doch eigentlich sollte es keine Frage des Entweder-Oder sein, sondern die einer überfälligen Differenzierung. Also schauen wir mal, wann und wo Polizist*innen wirklich einmal zu plastischen Figuren und Charakteren wurden. Da muss man historisch tief graben und in die Filmproduktionen anderer Länder schauen.
Eine der klügsten Kinderfilm-Polizistinnen ist: eine Häsin
Ein Film von Ella Lemhagen aus dem Jahr 1999 fällt einem da ein: „Tsatsiki, Mama und der Polizist“. Tobias, genannt Tsatsiki, hat einen Erzeuger im fernen Griechenland, dem er noch nie begegnet ist. Und es gibt einen befreundeten Polizisten, der mit seiner Mutter eine wechselvolle Beziehung führt. Tobias würde ihn gerne zum Vater erwählen. Ebenso viel Platz wie im Herzen des Protagonisten nimmt der ruhige und freundliche Mann in der Handlung des Films ein. Eine Polizisten-Geschichte ohne Krimi-Firlefanz. Das ist bis heute selten.
Die fitteste Polizistin in einem Kinderfilm aber ist wohl Judy Hopps aus „Zoomania“ (Byron Howard, Rich Moore, 2016). Auf den ersten Blick eine Held*innengeschichte nach Schema F. Die sprichwörtliche Hasenfüßin als Polizeianwärterin. Sie hat keine Chance, aber sie nutzt sie. Ihr Buddy bei den Ermittlungen: ausgerechnet ein Fuchs aus dem Gaunermilieu. Da lappen verschiedene Genre-Versatzstücke rüber in die Fantasy-Sphäre des Animationsfilms und des Family Entertainments. Zwischen dem geerdeten schwedischen Polizisten mit dem Motorrad aus „Tsatsiki, Mama und der Polizist“ und der überfliegerhaft fixen Polizistin mit den langen Lauschern wäre noch viel Platz für andere Polizist*innen-Figuren im Kinderfilm. Die dürften gerne auch mit einem Intelligenzquotienten ausgestattet sein, der für einen Erfolg bei der Polizei-Aufnahmeprüfung realistisch wäre. Was die letzten beiden Film-Beispiele auch zeigen: In Polizist*innen-Figuren steckt mehr drin. Es kommt nur nicht zum Vorschein, solange sie nur als Randfiguren für einen oberflächlichen Comic-Relief herhalten müssen.
