Den kenn ich doch | | von Christian Exner
Fußballjungs
Alles wird gut, solange du wie Zlatan bist
Sagen wir es rundheraus: Fußball ist ein harter Männersport. Das ist er immer gewesen. Da nützt es wenig, dass die Fußballerinnen in Deutschland wesentlich konstanter erfolgreich sind als das amtierende männlichen Weltmeisterteam.
Immerhin: Der Jugendfilm hielt in den letzten Jahren mit der Eroberung des Grüns durch junge Frauen, die „like Beckham kicken“ oder in „einer anderen Liga“ spielen, erfolgreich dagegen. Bei den „Wilden Kerlen“ hatte einst Dribbelkönigin Vanessa die Männerdomäne geknackt. Doch was ist mit dem neuesten Teil der Reihe los? Anfangs so schräg wie „Die kleinen Strolche“ (1922), hängt „Die Wilden Kerle – Die Legende lebt“ (2016) zwischen einem Retro-Heldentum und einer faden Macho-Pose fest, die immer weniger ironisch daherkommt. Was geblieben ist, sind Pathos, Heldenmut, Männerrituale und mentale Erleuchtungen durch einen blinden Seher, den Rufus Beck als Ersatz-Gandalf mit den Klamotten der Beatles aus ihrer „Sergeant Pepper“-Phase verkörpert. Alles ist irgendwie entlehnt. Nichts ist mehr neu und eigen.
Dass „DWK 6“ Legenden aus dem Sport, aus Abenteuer- und Fantasy Epen und aus seiner eigenen Fortsetzungsgeschichte beschwört, ist an sich nicht überraschend. Schließlich pimpt jede TV-Sportreportage schnöde 90 Minuten Rasensport mit pathetischen Legenden auf. Dass die Legende wirklich lebt und der Stab an die nächste Generation weitergereicht wird, bleibt aber eine Behauptung. Was prägt sich also ein, bei der „next generation“ der Wilden Kerle? Dass es das höchste der Gefühle ist, als Mannschaft im hohen Bogen an einen morschen Bretterzaun zu pinkeln. Alles wird gut, solange du wild pisst. Da ist nur die Nachfolgerin von Vanessa – „Müller“ genannt – leider außen vor, auch wenn sie noch so viel mit FC-Bayern-Stürmer Thomas Müller gemeinsam haben mag. Außerdem: Beim entscheidenden Strafstoß gibt diese „Müller“ die Verantwortung an den „leading man“ Leo ab. Das ist weder Thomas-Müller- noch Vanessa-like.
Wie aber kann man noch aufregende und überraschende Narrative erschaffen, wenn der Fußball-Mainstream sich mit dem „Wilde Kerle“-Mainstream zu einer Monsterwelle von Macho-Pathos und Legendenbildung auftürmt? Die schwedische Fußball-Legende Zlatan Ibrahimovic zeigt, wie es gehen könnte. Erst kürzlich machte der Ballzauberer seinem Arbeitgeber Paris Saint-Germain klar, dass dieser ihn nur dann in Frankreich halten könne, wenn der Eiffelturm durch eine ebenso große Zlatan-Statue ersetzt würde. Angeberei bis zur Selbstparodie.
Bei Ibrahimovic erlebt man auf vergnügliche Weise den Kippmoment, wo hinter der übersteigerten Selbststilisierung der charmante Schelm nicht mehr zu verbergen ist. Zlatan rettet die Ironie vor dem Pathos. Schelmisch und charmant im Zlatan Style ist die Ironie im Kinder-Fußballfilm „The Liverpool Goalie“ (2010). Er nimmt die wichtigste Nebensache der Welt zum Aufhänger und – was klug ist – belässt es dabei, dass Fußball angesichts von Mobbing, Familienkrisen und Liebeswirren nur nebensächlich ist.
Es gibt sie und es wird sie weiter geben: Filme, die in Geschichten vom Weg zum Fußballruhm spannende persönliche Entwicklungen verpacken und die gute Mädchenrollen nicht nur alibihaft einbauen. Sie heißen „Fimpen der Knirps“ (1973), „Bando und der Goldene Fußball“ (1993), „Es gibt nur einen Jimmy Grimble“ (2000) oder eben „The Liverpool Goalie“. Wie gut, dass diese Filme sich nicht in Sequels totlaufen mussten. In aller Regel ist es nämlich von Vorteil, in 90 Minuten eine glänzende Performance zu liefern und nicht in die Verlängerung zu müssen.
Das gilt für den Fußball wie für das Kino.
