Den kenn ich doch | | von Christian Exner

Fack ju Feuerzangenbowle

Lehrer*innen im Kinder- und Jugendfilm

Schule ist der Job von Kindern, und die Lehrer sind ihr Boss. Deshalb ist es logisch, dass in den meisten Kinderfilmen eine Klassenraumszene vorkommt. Zugleich ist es verblüffend, wie selten Pädagogen tragende Rollen in Kinder- und Jugendfilmen spielen. Zumindest in Filmen aus Deutschland.

Freilich: es gibt sie, französische Filme wie „Die Klasse“ oder „Sein und Haben“, die sich halbdokumentarisch oder ganz dokumentarisch dem schwierigen Feld heutigen Unterrichts widmen. Ganz im Gegensatz zu Dänemark, wo die Schüler monstermäßigen Pädagogen ausgeliefert sind, wenn ein „Alien <teacher“ aus den Tiefen des Weltraums auftaucht oder sich in „Der Traum“ die Tyrannei aus den Tiefen der Schwarzen Pädagogik Bahn bricht.

Im Jugenddrama mögen Lehrer „Dangerous Minds“ oder „Ghetto Kids“ zivilisieren. Sie mögen gar Spiritus Rector für den „Club der toten Dichter“ sein. Doch im Kinderfilm sind sie weit weniger charismatisch. Im besten Fall sind sie Partner und Freund mit einer besonderen Aufmerksamkeit für die Sorgen der Kinder, so wie der Vertretungslehrer „Mister Twister“ oder die von Jessica Schwarz gespielte Lehrerin in „Die wilden Hühner“. Auch die Lehrer in den neueren Erich-Kästner-Verfilmungen sind Vorbilder an Humanismus und Freundlichkeit. Justus, der Nichtraucher, oder Dr. Bremser sind zwar Pädagogen vom alten Schlage. Doch sie stehen für die gute Autorität im Gegensatz zu den Diktatoren im Direktorenamt, wie sie bei „Hanni und Nanni“ oder in „Molly Moon“ auftauchen. Wenn Lehrer auftreten, dann sind sie Mentor, Herold, Katalysator, Clown oder autoritäre Abziehbilder.

Lehrertypen inszeniert man tendenziell als „Originale“ – skurrile Charaktere, die aber auch etwas Knuffiges haben, wie Professor Kreuzkamm in „Das fliegende Klassenzimmer“. Am besten noch sind sie nur zum Schein Lehrer, denn die wohl beliebtesten Film-Lehrer Deutschlands sind zwei Typen, die in der Schule eigentlich nichts verloren haben: Heinz Rühmann alias Hans Pfeiffer, der Professor Crey doubelt, in „Die Feuerzangenbowle“, und Elyas M’Barek alias Zeki Müller, der Aushilfslehrer wider Willen, in „Fack ju Göhte“. Pfeiffer mit drei „F“, der nie eine Schule von innen gesehen hat und deshalb glaubt, im Leben etwas verpasst zu haben. Der Glückliche, sollte man meinen.

Doch noch glücklicher ist derjenige, der seine Schulerinnerungen nachträglich mit der Nostalgie-Schnurre und ihrem harmlosen Schabernack überzuckert. So läuft das Jahr für Jahr bei den „Feuerzangenbowle“-Events, die an deutschen Hochschulen seit Generationen Weihnachtskult sind. Im Kinoknaller „Fack ju Göhte“ arbeitet Zeki Müller am anderen Ende des Bildungssystems und treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus. Denn nur ein Ex-Knacki kriegt die „bildungsfernen“ Schülerchaoten in den Griff. Respekt durch maximale Missachtung ist seine Methode – ein Wunder, dass es funktioniert.

Ein Wunder auch, dass so durchsichtige Charaktere zu Idealtypen der deutschen Traumfabrik geworden sind. Damals, 1944, der harmlose, kindsköpfige Lausbub, heute der handzahme sexy Gangster. Der wirklich populäre Lehrer kann also nicht wirklich ein Lehrer sein. Eine gestandene Lehrerin wie „Frau Müller“, die muss einfach nur weg. Die Elternvertreter kriegen sie aber nicht weg, weil sie selbst genauso daneben sind wie ihre eigene Brut. Sönke Wortmann auf den Spuren des Gotts des Gemetzels. Schule ist offenbar nur dann prickelnd, wenn man sie mit nostalgischem Abstand betrachtet oder mit dem ausgestreckten Mittelfinger in Richtung bürgerlicher Distinktion.

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