Den kenn ich doch | | von Christian Exner
Einsteins kauzige Brüder
Verrückte Erfinder im Kinderfilm
Im Kinderfilm können sich Einsteins Epigonen so richtig austoben. Sie sind noch dem Zeitalter von Daimler, Edison und Tesla verhaftet, wo Technik dampft, rumort und Funken schlägt. Zwar dichtet man auch den Genies des Digitalzeitalters eine gewisse „Nerdigkeit“ an; doch der rustikale Ingenieursmensch aus der Dampfmaschinen-Ära muss Pate stehen für all die verrückten Erfinder, die sich im Kinderfilm tummeln und mit einem Steve Jobs wenig gemein haben.
Nehmen wir etwa den Titelheld aus der „Doktor Proktor“-Reihe, der aussieht, als ob er in eine Steckdose gegriffen hätte. Ein Strohkopf, der aber bei aller Schusseligkeit ein großer Meister seines Fachs ist – denn sein Pupspulver verleiht Flügel. Der Glaube an grenzenlose technische Machbarkeit paart sich mit den Allmachtsfantasien von Kindern und mündet in einer schrankenlosen Slapstick-Turbulenz. Katapultieren, Explodieren, meilenweit durch die Luft fliegen: Wenn Erfinder am Werk sind, dann regiert Murphy’s Law, und es geht alles schief, was schiefgehen kann. Das grenzenlose Chaos bricht aus, die Gesetze der Naturwissenschaft werden wunderbar missachtet. Dass die Aardman-Studios mit Wallace aus der „Wallace & Gromit“-Reihe eine der beliebtesten Erfinderfiguren schufen, muss eigentlich nicht verwundern. Wer mit solcher Genialität den Animationsfilm neu erfindet, der hat gewiss eine Affinität zu einer Figur, deren Tag von einem mechanischen Butler eingeläutet wird. Aufstehen, Anziehen und Frühstücken, alles in einem Fluss und alles mechanisch geregelt. Technik, die das Leben erleichtert. Das ist der Traum und die große Verheißung moderner Zeiten.
Aber wehe, wenn das Steuerungsprogramm sich verselbstständigt. Wie der Mensch sich zum Affen der Maschine macht, das hat schon Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“ (1936) in Szene gesetzt. Der Traum wird zum Albtraum. Wenn sich dagegen der Erwachsene zum Affen macht, dann ist man garantiert im Kinderfilm. Schließlich können Kinder groß auftrumpfen, wenn sich die Maschinen verselbstständigen und der erwachsene Wirrkopf ohne die überragenden Ideen und ohne die Tatkraft der kleinen Helden aufgeschmissen wäre. Nur Kinder können das Chaos bändigen.
Oftmals bleiben die Erfinder ewige Kindsköpfe wie Pettersson aus der „Pettersson & Findus“-Reihe, der Inbegriff schwedischer Kauzigkeit. Doch auch wenn sie zunächst Witzfiguren sind, so erlebt man sie doch auch als Verbündete und Vertraute der Kinder. Denn Wissenschaft und Technik sind im Kinderfilm nicht in der nüchternen Sphäre der Ökonomie oder des Erwerbslebens angesiedelt, sondern in einem überbordenden Reich der Fantasie. So kann auch ein exzentrischer und kreativer Wissenschaftler wie Professor Weissinger in „Mara und der Feuerbringer“ (2014) ein echter Sympathieträger sein, weil er auf das abfährt, was andere für Fantasterei halten.
Als ausgemachter Fantast erscheint auch Regisseur Veit Helmer. In seinem überdrehten Film „Quatsch und die Nasenbärbande“ (2014) läuft alles zusammen. Senioren mit Düsenantrieb und Kindergartenkinder, die Lokomotiven zum Abheben bringen. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, dass Helmer diesen Film drehte, hat er doch bereits mit jedem seiner Vorgängerwerke in hinreißend-poetischer Verrücktheit das Kind im Erwachsenen adressiert. Ein spinnerter Film-Erfinder hat auf dem Regiestuhl Platz genommen und gibt dem Affen Zucker. Herrlich!
