Den kenn ich doch | | von Christian Exner
Dümmer als die Polizei erlaubt
Gangster im Kinderfilm
Gesetzlosigkeiten dürfen im Film weder auf sympathische Weise präsentiert werden noch zur Nachahmung einladen. So stand es bis in die 1960er-Jahre im Hays Code, dem moralischen Kompass des Hollywood-Systems. Aber gegen das Herunterspielen, Banalisieren und Ins-Lächerliche-Ziehen des Verbrechens hatte William Harrison Hays, der Präsident der US-Filmbewertung, keine goldene Regel. Warum auch? Wer identifiziert sich schon mit Trotteln? Dass sie das Niveau der Handlung absenken, ist kein ethisches Problem. Aber es ist ein ästhetisches. Und an ihm krankt die Dramaturgie speziell von Kinderfilmen sehr massiv.
Nehmen wir „Rico, Oskar und das Herzgebreche“. Nach dem Gesetz der Serie müsste er als Sequel einen leichten Qualitätsabfall gegenüber dem Vorgänger aufweisen. Dieser ist zwar gering, aber in einer Figur sehr offensichtlich: Boris Wandbeck, gespielt von Moritz Bleibtreu, als Halbwelt-Vertreter mit Goldkettchen das Faktotum einer sardonischen Geldwäscher-Mama. Sein Gehirnvakuum verrät er durch Stottern und einen tumben Silberblick. Ein typischer Kinderfilm-Gangster. Verglichen mit Boris war Axel Prahls Bösewicht-Charakter „Mister 2000“ aus Teil 1 eine geradezu schillernde Figur, die sich nicht auf Anhieb verdächtig und zum Affen machte. Spürte man in diesem Film noch das Bemühen, dem skurril-tiefgründigen Erzählansatz von Andreas Steinhöfels Romanvorlage gerecht zu werden und ein Ensemble von Kiez-Charakteren erfrischend echt zu inszenieren, so schiebt sich in der Fortsetzung ein alt vertrauter Trottel-Typus dazwischen.
Mehr Vollpfosten als Boris geht kaum, sollte man meinen. Doch wer das denkt, hat die Rechnung ohne die „Fünf Freunde“ gemacht. So wie Boris unter Mamas Fuchtel steht, ist Nick im dritten Teil der Reihe als ewiger Strandurlauber und Nervensäge der willenlose Handlanger von Femme Fatale Cassi. Gespielt von Michael Kessler stolpert dieser Nick grimassierend durch das Urwald-Gelände. Dass die extrem tiefbegabten Mobster bei Rico und Oskar und bei den „Fünf Freunden“ von einer dominanten Frau manipuliert werden, ist in der Form relativ neu, macht die Sache aber nicht besser. Weitermachen könnte man mit unterbelichteten Dieben bei „Bibi & Tina –Voll verhext“. Die Pferde-Freundinnen bekommen es mit Kunsträubern zu tun. Von Detlev Buck erwartet man gewiss keinen Realismus, wenn es um die Hexentochter Bibi geht. Er tischt seine Schnurre in poppig poliertem Musical-Stil mit viel norddeutschem Schwadronieren und einer beschaulichen Tierschar auf. Das flutscht deftig rein, wie ein dreistöckiger Big Burger. Wo charmanter Klamauk Methode hat, da stören Klischees weniger. Im Gegenteil: Buck feiert ihre Übersteigerung. Selbst der übelste Strippenzieher Angus Naughty ist auf eine Art „naughty“, die schon wieder Spaß macht. Über dessen Sidekicks reden wir aber besser nicht.
Hays müsste sich also um den heutigen Kinderfilm keine Sorgen machen – oder vielleicht erst recht: Denn wenn der Kinderfilm das Verbrechen thematisiert, dann präsentiert er ein Maximum an Nicht-Identifikation mit den Tätern. Er geht auf Nummer sicher, indem er Verbrecherfiguren durch Dummheit entschärft. Nur leider macht das auch die Wahrnehmung der Kriminalität stumpf. Es hat den Anschein, als gebe es keine schlechten Menschen in der Sparte Kinderfilm. Es gibt einfach nur Vollidioten, die als Widersacher leicht zu übertölpeln sind. Eine Darstellung von Ungefährlichkeit, die gefährlich naiv ist. Wenn es einmal anders ist, dann sticht es schon heraus. Dem dänischen Regisseur Søren Kragh-Jacobsen gelang 1988 das Kunststück, mit „Goldregen“ einen Kinderkrimi zu inszenieren, in dem es weder Super-Kinder noch Gangsterkarikaturen gab. „Goldregen“ gilt zwar als Klassiker, doch Kragh-Jacobsens Beispiel machte bisher keine Schule. Spiel’s noch einmal, Søren!
