Den kenn ich doch | | von Christian Exner
Der kleine Nerd und seine Schwester
Vom Sidekick zum Titelheld
Manche Figurentypen und Rollenzuschnitte im Kinderfilm ändern sich nie. Sie bleiben stets eng dem Klischee verhaftet– und langweilen oder nerven irgendwann. Manchmal aber kommt Bewegung in die Charakterisierung. Und für manche Figurentypen kann dies durchaus ein Befreiungsschlag sein. Zum Beispiel für den Nerd.
Rico und Oskar, Winnetous Sohn, Mara und der Feuerbringer: Der Kinderfilm hat den Antihelden und die Antiheldin entdeckt. Rico trifft Oscar, das heißt: tiefbegabt trifft hochbegabt. Zusammen sind sie unschlagbar. Ein perfektes Duo sind auch Max und Morten in „Winnetous Sohn“. Die fixe Idee von Max, Hauptdarsteller bei den Karl-May-Festspielen zu werden, ist so hochgradig selbstüberschätzend, dass er ohne Indianer-Checker Morten aufgeschmissen wäre. Ein unsportlicher Junge, der all das tun muss, was ihm nicht liegt: Reiten, Feuermachen, Bogenschießen. Eine „Fish out of Water“-Problematik, wie sie im Drehbuch-Lehrbuch steht. Max ist allerdings eine komische Figur, die der Film sehr ernst nimmt. Das hätte gut werden können. Leider nimmt die Inszenierung die Erwachsenenfiguren gar nicht ernst. Damit endet der Spaß ganz schnell wieder.
Auf jeden Fall haben die kleinen Nerds und ihre Schwestern Potenzial. Das konnte man schon bei Nelly in „Max Minsky und ich“ spüren: Nelly als Bücherwurm, Brillenschlange und Schulstreberin trifft ein sehr cleveres Arrangement mit dem Basketball-Crack Max und mausert sich zum Schwan. Eine sehr charmante Initiationsgeschichte. Auch Außenseiterin Mara entpuppt sich im Fantasy-Abenteuer „Mara und der Feuerbringer“, in dem sie in ihren freakigen Tagträumen eine besondere Gabe entdeckt. Mara hat einen Draht zur Mythenwelt der alten Germanen, und Wissenschaftler Dr. Weissinger bescheinigt ihr, dass sie eine große Mission hat. Jan Josef Liefers, der durch seine „Tatort“-Rolle auf den Typ des arroganten Intellektuellen abonniert ist, gibt den Germanen-Forscher als Figur, die sonst eigentlich streberhaften Jungen vorbehalten ist.
Bislang gab es sie eher als Nebenfiguren: die Schlaumeier, die niemand so recht zum Freund haben will. Kaum dass der Personal Computer erfunden war und der C64 zur bevorzugten Daddel-Maschine aufstieg, bildete sich auch das Klischee des unwahrscheinlich schlauen Computerkids. Das Portal „netzwelt.de“ führt es auf Platz 14 der albernsten Computerklischees, indem es an Sebastian aus „Hatschipuh“ erinnert, der sich eine Art Aufweck-Roboter gegen Morgenmuffelei baut. Man braucht solche Figuren im Kinderfilm immer dann, wenn die komplexen Kompetenzwelten Erwachsener im Alleingang geknackt werden müssen. Insbesondere, wenn es im Kinderkrimi um das Lösen von Kriminalfallen geht. Dann sind Typen mit special skills und gadgets gefragt, denn selbst ein James Bond wäre aufgeschmissen ohne „seinen“ Q.
Die kleinen Nerds tragen Nickelbrillen und haben einen überragenden Notenschnitt. Sie sind so rational wie der spitzohrige Spock– und so blutarm wie Vulkanier eben sind. Sie sind naseweiße Schnelldenker und subalterne Sidekicks in einer Person, die Essenz von Sherlock Holmes und Dr. Watson in derselben Figur. So wie Bob, zuständig für Recherche und Archiv, in „Die drei ???“, wie der belesene Harald in „Flussfahrt mit Huhn“, wie Computerhacker Tom in „Die Distel“, der sich mal kurz in die Datenbanken des Straßenverkehrsamts einloggt, oder wie Gustav, der bestens strukturierte Pastorinnen-Sohn in der jüngsten Adaption von „Emil und die Detektive“, der seiner Mutter im Handumdrehen auf dem Laptop die Predigten textet. Der kleine Nerd ist glücklicherweise längst nicht mehr so unsympathisch und eindimensional wie in den 1980erund 1990er-Jahren. Rico, Oscar, Mara und Max sind zu Hauptfiguren aufgerückt. Sie haben Zukunft als nahbare Charaktere. Auf den billigen Support versimpelter Nebenfiguren können sie aber gut und gerne verzichten.
