Den kenn ich doch | | von Christian Exner
Der geldgierige Turbokapitalist
oder: Krokodil frisst Pferd
Das Kinderkino fühlt sich mit seinen sozialkritischen Feindbildern manchmal wie ein Gewerkschaftskonvent im Kinder-Paradies Småland an. Das ist wiederum gar nicht so weit entfernt von der Art des Jahrmarktspektakels, welches das Kasperltheater in früheren Tagen tatsächlich einmal war: ein Ventil für die unterdrückten Aggressionen gegen die Obrigkeit. Im Puppentheater sind Polizist, Krokodil und Teufel die Widersacher des Kasperl. Hat mal jemand auf die Schuhe von Gansmann im Film „Hände weg von Missisippi“ geschaut? Er trägt Krokodil Lederstiefel. Wie symbolisch! Das Krokodil hat ein gieriges großes Maul, und dieser Gansmann ist die Turbokapitalisten-Ausgabe eines Geschäftsmanns. Der Typ, der Euro-Zeichen in den Augen hat. Der Typ, der über Pferdeleichen geht. Ironie des Schicksals und Ironie des Drehbuchs: Gansmann muss sich – um sein Erbe antreten zu können um den Gaul kümmern, den er eigentlich zum Abdecker schicken will.
Solche Profitjäger mit Krokodilgebiss begegnen einem immer wieder im Kinderfilm. Beileibe nicht nur in der klassenkämpferischen Parabel „Die Rote Zora“, wo er als Fischgroßhändler erscheint. Es gibt den Tierparkinhaber in „Free Willy“, den Mind-Machine Hackspecht in „TKKG“. Er kommt sogar in der eigenen Familie vor in „Pommes Essen“ als Onkel Walther, der ein gestohlenes Saucen-Rezept ausbeutet, und er bedroht das Glück einer ganzen Familie durch Industrie Sabotage in „Die Vorstadtkrokodile 2“. Ganze Systeme der Gier und Ausbeutung treten an mit den Zeitdieben in „Momo“ und mit den Konsumforschern in „Quatsch und die Nasenbärbande“, die das gemütliche Bollersdorf für die Allmacht des Marketings missbrauchen. Dann gibt es da noch die Gören der Geldeliten wie in „Ostwind“, die mit manipulierten Bandagen und unfairen Mitteln ihre Privilegien sichern wollen. In der Vergangenheit waren die Aggressionen gegen die Mächtigen so heftig, dass der Kasperl in seiner englischen Punch & Judy-Ausgabe am Ende alle anderen Bühnenfiguren totschlägt. Gegen britisch rabiate FSK-16-Inszenierungen setzen deutsche Puppentheater die beschwichtigende Hanswurstigkeit. Das Hanswurstige schwappt auch oft hinüber in den Kinderfilm. Es hat sich auch in den Köpfen vieler Kinderfilmautoren, -regisseure und -schauspieler festgesetzt. Da erscheint es dann schon relativ schlau, wenn Veit Helmer den Schabernack in „Quatsch und die Nasenbärbande“ ins pädagogisch Unkorrekte überspitzt. Und Romanautor Andreas Steinhöfel unterläuft das Schema der grenzenlosen Bereicherung, indem er Mister 2000 erfindet, der auch in der Verfilmung von „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ für Kindesentführung einen Hartz-4-kompatiblen Lösegeldtarif einführt.
Zwei Filme, die sich ihren jungen Zuschauern mit einem kessen Augenzwinkern zuwenden und ironisch an der Macht der manchmal seltsam gefügten Erwachsenenwelt kratzen. Das ist neu und erfrischend anders. Industrie-Bosse als skrupellos profitsüchtige Umweltsünder gab es bereits zuhauf im Kinderfilm der 1980er- und 1990er-Jahre. Schablonenhaft waren auch sie. Die Frage, wie sich unsere Obrigkeiten heute Globalisierung, Gentrifizierung, Klimawandel, Bildungsmiseren und Armut stellen, geht auch Kinder an. Wenn im Kinderfilm von Machtverhältnissen erzählt wird, dann bleibt vom rebellischen Geist des Figurentheaters oft nur Murks. Klar kann man dem Affen Zucker geben und dem deftigen Klamauk freie Bahn lassen. Schließlich gehen Kinder auch zum Spaß ins Kino. Aber wenn selbst im dramatisch angelegten Kinderfilm dauernd einzelne Figuren zum Affen gemacht werden, damit kleine Helden über sie triumphieren können, dann führt das dazu, dass man von dieser Sparte des Films keinen Gewinn an Urteilskraft oder Erfahrungswerten erwarten wird. Es wird Zeit, das Krokodil beim Namen zu nennen.
