echt jetzt? > Den kenn' ich doch

| von Christian Exner

Alles so schön bunt hier!

Filmbild Auf Augenhöhe
"Auf Augenhöhe" (c) Tobis

In vielen Kinderfilmen hat man sich in kuscheligen und vor allem bunten Idealwelten eingerichtet. Wie sehen dagegen die Schauplätze in den Filmen aus, die im Rahmen der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ entstanden sind? Dieses Mal eher kein „Da war ich schon“, sondern vielmehr ein: „Da waren wir bislang noch viel zu selten“.

„Der besondere Kinderfilm“ macht einen Unterschied. Schaut man nur allein auf die Kulissen und die Farbkonzepte, dann spürt man ihn schon. Für den Kinderfilm im Allgemeinen gilt nämlich: Alles so schön bunt hier. Die Welten des Kinderfilms sind notorisch farbenfroh. So wie auch Websites für Kinder immer sehr bunt sind, so wie die Mode für Kinder selten Beige und Grau zeigt. Spielzeuggeschäfte sind generell reizüberflutend, trotz ihrer Regalordnung, die so sauber kadriert ist wie ein Malkasten im Auslieferungszustand. Entsprechend greifen auch die Gestalter*innen von Kinderfilmen immer zu den optimistischen und leuchtenden Farbtönen. Das zieht sich durch bis zur Plakatgestaltung von Kinderfilmen. Die Villa Kunterbunt ist allgegenwärtig im Kinderfilm und der Pippi Langstrumpf-Look dominiert die Farbpaletten der Kinderkostüme.

Viele kuschelige Idealwelten

Im deutschen Kinderfilm wohnen Kinder auffällig häufig in stuckverzierten und reich getäfelten Gründerzeithäusern mit betont kuscheligen Interieurs. Oder sie wohnen in neueren Holzhäusern mit farbigem Außenanstrich. Die gibt es zwar hierzulande längst nicht so oft wie etwa in Schweden. Doch Astrid Lindgren und die legendären schwedischen Kinderfilme haben halt Spuren hinterlassen. Beschauliche Häuser beherbergen Kleinfamilien, die sich mit ihren netten, pflegeleichten Haustieren, mit ihren üppigen Gärten und ihren ruhigen Waldrandlagen in einem bürgerlichen Idyll eingerichtet haben. Die moderne Industriegesellschaft mit ihren monotonen Zweckbauten und ihren unwirtlichen Verkehrsinfrastrukturen ist ganz fern. Eine Idealwelt, in der Kinder unbeschwert umherstreifen und sich in geräumigen Zimmern mit fantasievollen Accessoires mit Freund*innen treffen oder zur Ruhe betten, bestimmt das Bild.

Im Kinderfilm ist eine naiv stilisierte Welt, die auch in Kindergärten gerne inszeniert wird, äußerst lebendig. Treffen wir im Kinderfilm allerdings auf eine Familie in einer modernen Villa mit kühlem Ambiente, dann ist gleich etwas verdächtig: Solche Familien haben Luxusprobleme – nämlich ein Kind, das sich vernachlässigt und wenig beachtet fühlt. Ein Kind, das die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen kann, oder ein Kind das so herzlos und antisozial ist wie seine überehrgeizigen Eltern. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Schönheit, Schrecken und Fallstricke des Realismus

Deutsche Kinderfilme tendieren tatsächlich zu diesen Extremen und eingespielten Schemata. Dazwischen gibt es wenig. Doch genau das wurde durch den Look einiger Filme aus der Kollektion des „besonderen Kinderfilms“ anders. In dem Film „Unheimlich perfekte Freunde“ (Marcus H. Rosenmüller, 2018) erlebt man zwar auch eben jenen sozialen Kontrast zwischen einem Jungen aus weniger betuchten Verhältnissen und seinem Freund mit wohlhabenderen Eltern. Doch das ist nicht Kern der Geschichte. Lernoptimierte Kinder sind in beiden Milieus gerne gesehen. Sehr spezielle Refugien für Kinder präsentiert dieser Film. Ein altes, stillgelegtes Schwimmbad als Abenteuerspielplatz, als Reich der Fantasy und der Anarchie. (Gedreht wurden diese Szenen übrigens in einem mittlerweile geschlossenen Freizeitbad in Bad Tölz, das für den Regisseur in seiner Kindheit ein Sehnsuchtsort war.) Dazu eine Geisterbahn. Hier beginnt die Geschichte von Frido und seinem Doppelgänger mit einer wundersamen Begegnung, die anfangs einen Traum verheißt und später einen Alptraum heraufbeschwört. Die kunterbunten Welten des Kinderfilms werden stellenweise gebrochen und sie haben bisweilen etwas Morbides in abgenutzten, verblichenen Farben. Schönheit und Schrecken begegnen sich auf dem Rummelplatz und im Spaßbadgerümpel.

Filmbild aus Unheimlich perfekte Freunde
"Unheimlich perfekte Freunde" (c) SquareOne

Die Initiative „Der besondere Kinderfilm“ wollte etwas von dem echten Leben der Kinder in die Welt des Films holen. Bei aller Fantastik dieses Films und aller Buntheit, die er auch hat, mit dem Problem der Helikoptereltern ist schon ein gehöriges Stück Realität in den Plot von „Unheimlich perfekte Freunde“ eingeflossen. Auch „Winnetous Sohn“ (André Erkau, 2015), der erste Film aus dem Portfolio, nimmt die vertrauten Muster und bricht sie ironisch auf. Hier wird das Vorstadtidyll, ähnlich wie in Tim Burtons Filmen, farblich so weit übertrieben, wird die Skurrilität der gleichförmigen Nachbarschaft so weit überbetont, dass streckenweise die Karikatur eines Kinderfilms entsteht.
Doch diesen Ansatz durchzuziehen, das trauten sich die Macher*innen dann wohl doch nicht. Norbert Lechner wollte sich mit seinem Film „Ente gut!“ (2016) offenbar gezielt absetzen vom märchenhaft verkitschten Kinderfilm-Milieu. Mit seiner Inszenierung im Plattenbau wollte er ein alltagsnahes Armutsmilieu in seinen Film holen. Doch was macht er am Ende daraus? Seine Kulisse, das real existierende Beton-Desaster Halle Neustadt, Inbegriff einer abgeranzten DDR-Trabantenstadt, zeigt er ausschließlich im Sonnenschein und von den bunten Balkonfassaden der Wohnsilos regnet es in einer Szene sogar Konfetti und Girlanden. Eine Wohnumgebung, die man trister selten findet, bekommt dann doch wieder einen Hauch von kunterbunter-Poesie übergetüncht. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Mut zur Farblosigkeit

Wenn man hingegen den Film „Auf Augenhöhe“ (Evi Goldbrunner, Joachim Dollhopf, 2016) in seiner Gesamtheit vor seinem geistigen Auge Revue passieren lässt, dann erscheint er recht farblos. Doch genau das ist in diesem Fall wohltuend und erfrischend anders, weil sehr passend zum Waisenkinddrama. Ein Leuchten und Schillern erglimmt bei diesem Film eher in einer Handlung mit verblüffenden Wendungen und einer differenzierten Palette an Gemütszuständen. Ein Waisenkind träumt von einem Vater und einem eigenen Zuhause. Dieser Traum ist so groß, dass die Wohnung des Menschen, den er für seinen Vater hält, nicht weiter ausstaffiert und beschönigt werden muss. Kleine Einschränkung: Man kann am Interieur ablesen, dass der erwachsene Protagonist ein kreativer Mensch ist. Doch die Außenumgebung ist eine Kleinstadt, wie sie gewöhnlicher kaum sein könnte. Ähnlich gewöhnlich ist das ländliche Wohnumfeld der beiden jungen Helden von „Nachtwald“ (André Hörmann, 2021). Doch dieser Film hält sich nicht lange in den Wohnungen der Kinder auf. Es geht raus in den Wald, in eine Abenteuer-Wildnis mit manchen Herausforderungen. Wald – Wildnis? Hier ist das Grün mal nicht nur lieblich und hoffnungsfroh. Sich in der Natur durchzuschlagen ist kein Kinderspiel. Im Gepäck haben die Kinder ihre häuslichen Konflikte. Broken Homes bei beiden.

Filmbild aus Nachtwald
"Nachtwald" (c) Farbfilm/Felix Meinhardt

Richtig tückisch in seinem Look ist „Träume sind wie wilde Tiger“ (Lars Montag, 2021). Die brutal einschüchternde Herrschaftsarchitektur der Nazis mit den Gebäuden der Olympia-Unterkünfte aus den 1930er-Jahren, dazu die Arkaden des Berliner Olympiastadions und daneben ein Vorläufer moderner Architektur mit der artifiziell geschwungenen Fassade des Berliner Shell-Hauses. Alles zusammen soll für eine ordnungsfanatische deutsche Spießergesellschaft stehen. Gewagt – aber es verfehlt nicht seine betont kühle Wirkung, die mit dem indischen Farbenfest Holi kontrastiert. Die Optik ist fast noch origineller als die Handlung und die Figuren dieses Films.

Schein und Sein

Bleiben noch die Filme „Madison“ (Kim Strobl, 2020), „Into the Beat“ (Stefan Westerwelle, 2020) und „Invisible Sue“ (Markus Dietrich, 2018). Alle lappen sie mehr noch als „Nachtwald“ über in die Erzählwelten und Motive des Jugendfilms. Bei „Madison“ und „Into the Beat“ sehen wir Interieurs und Urlaubsumgebungen, in denen Menschen leben, die gesettelt sind. Doch das ist längst keine Garantie für Familienglück. Die Diskrepanzen zwischen den hochgesteckten Erwartungen von Solo-Vätern und den ganz eigenen Wünschen ihrer talentierten Töchter sind gewaltig. Armes reiches Kind? Nein. In beiden Filmen ist es mal nicht so einfach. Es gibt Bewegungen zur Emanzipation. Schein und Sein sind beileibe nicht deckungsgleich. Wünsche gehen in Erfüllung – doch ganz anders als gedacht.
Wohlgemerkt: „Der besondere Kinderfilm“ will Hoffnung verbreiten, ohne an Realitäten vorbei zu schielen. Das gelingt. Zuletzt noch „Mission Ulja Funk“ (Barbara Kronenberg, 2021). Dieser Film mischt die Karten komplett neu und spielt überall dort, wo man seine Kinder eigentlich nicht so gerne sehen möchte. Wild und ungestüm ist diese Geschichte. Das ist wahrlich eine erkennbar andere Note und zeigt zugleich, welche Paletten im Kinderfilm möglich sind, wenn die reinen Farben des Farbkastens mal beherzt gemischt werden.

Zurück