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Eine Kolonie

Entdeckt bei der Berlinale (Generation): Ein zwölfjähriges Mädchen lernt sowohl die Kultur der First Nations als auch sich selbst besser kennen.

Das Langspielfilmdebüt der kanadischen Filmemacherin Geneviève Dulude-De Celles ist weit mehr als eine der üblichen Coming-of-Age-Geschichten, bei denen Schüler*innen nach einem Umzug in eine neue Schule kommen, um Akzeptanz kämpfen und sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden müssen. Denn in diesem Fall findet die Suche nach der eigenen Identität im Übergang von der Kindheit ins Jugendalter zusätzlich in der Begegnung mit Vertreter*innen der First Nations, der kanadischen Ureinwohner*innen, statt. Die Regisseurin greift dabei auf prägende Erfahrungen aus ihrer eigenen Kindheit zurück. Aufgewachsen in der Nähe eines Abernaki-Reservats, fürchtete sie sich als Kind vor diesen Menschen, die anders waren als die weiße Bevölkerung. Später begann sie, ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen und sich ausführlich mit deren Lebensbedingungen zu beschäftigen. So entstand der Wunsch, die Kultur der First Nations zu vermitteln und voneinander zu lernen. Mit diesem biografischen Hintergrund entwickelte Dulude-De Celles ihren Spielfilm, der den oftmals romantisierenden Blick auf die Kindheit zu vermeiden sucht und im Mikrokosmos einer Highschool zugleich ein Spiegel der Gesellschaft ist.

Die zwölfjährige Mylia und ihre jüngere Schwester Camille sind mit ihren Eltern gerade in einen anderen Ort gezogen. Camille hat keine großen Probleme, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden und tritt auch den Angehörigen der First Nations unvoreingenommen gegenüber. Mylia, aus deren Perspektive der Film vor allem erzählt ist, hat hingegen ganz andere Sorgen. In ihrer neuen Klasse orientiert sie sich an den anderen, vor allem an ihrer neuen Freundin Jacinthe. Die haben längst Gruppen gebildet, wollen sexuelle Erfahrungen sammeln, kleiden sich modisch, schminken sich, feiern Partys und schlagen auch gerne mal über die Stränge. Mylia fühlt sich aber auch zu Jimmy hingezogen, der in einem Indianerreservat lebt und in der Klasse ein krasser Außenseiter ist. Als Mylia zu einer Halloween-Party eingeladen wird, rät Jimmy ihr, sie solle sich nicht den Wünschen der anderen beugen und sich wie eine Schlampe anziehen, sondern sich als Jägerin verkleiden; er würde als „Indianer“ gehen. Erst spät erkennt Mylia, warum und wovor Jimmy sie gewarnt hatte und findet in der weiteren Begegnung mit ihm schließlich zu sich selbst.

Alternierend zur aufkeimenden Liebesbeziehung sind wiederholt Unterrichtsszenen zur Staatsbürgerkunde eingebettet, konkret zu Sinn und Zweck dieses Faches, zum Humanismus, den First Nations und Vorurteilen ihnen gegenüber, zur Idee einer Solidargemeinschaft. Daraus leitet sich auch der doppeldeutige Filmtitel ab: die Kolonie als eine klar definierte Gemeinschaft einer Gruppe von Menschen wie auch in ihrer historisch-territorialen Bedeutung und im Umgang der Weißen mit den First Nations.

Die Regisseurin drehte diesen Film an den Orten ihrer Kindheit mit einer ausgewogenen Mischung aus Profis und Laiendarsteller*innen. Allein das Casting erstreckte sich über mehrere Monate hinweg und vor dem Drehen wurde zwei Monate lang geprobt. Émilie Bierre in der Rolle von Mylia trägt den Film souverän. Sie besaß schon reichlich Film- und Serienerfahrung und übernahm nach diesem Film im gleichen Jahr noch zwei weitere Rollen, darunter in „Genèse“ (2018) von Philippe Lesage. Zum Teil mit ruhig geführter Handkamera gedreht, bleibt diese immer dicht an den Figuren dran, ohne aufdringlich zu wirken. Und wie gut die Schauspieler*innen geführt sind, lässt sich vor allem an den Partyszenen erkennen, die fast dokumentarisch wirken. Das alles zusammen verleiht dem Film eine große Authentizität.

Holger Twele

© Berlinale / Danny Taillon / Léna Mill-Reuillard, Etienne Roussy
14+
Spielfilm

Une colonie - Kanada 2018, Regie: Geneviève Dulude-De Celles, Festivalstart: 10.02.2019, FSK: ab , Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 102 Min., Buch: Geneviève Dulude-De Celles, Kamera: Léna Mill-Reuillard, Etienne Roussy, Schnitt: Stéphane Lafleur, Musik: Mathieu Charbonneau, Produktion: Sarah Mannering, Fanny Drew, Besetzung: Émilie Bierre (Mylia), Jacob Whiteduck-Lavoie (Jimmy), Irlande Côté (Camille), Cassandra Gosselin-Pelletier (Jacinthe), Noémie Godin-Vigneau (Mutter), Robin Aubert (Vater) u. a.

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