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Sisterqueens

Ein Treffpunkt, drei Freundinnen und ein feministisches Rap-Projekt: Jamila, Rachel und Faseeha lassen uns an ihren Träumen und Sorgen teilhaben.

„Wir sind ein Mosaik, das Ergebnis ist 'ne Krone“, rappt die 12-jährige Faseeha und gibt uns damit ein konkretes Bild für ihren Gedanken. Ein aristotelischer Gedanke, nämlich, dass die Zusammenstellung von Einzelteilen zu einem größeren Ganzen mehr beinhaltet, als wenn jedes dieser Teile isoliert betrachtet werden würde. Für Faseeha ergeben ihre Freundinnen, sie selbst inbegriffen, ein wunderschönes Bild, das in seinem Miteinander Stärke ausstrahlt. Das ist nur eine der Lesarten des Feminismus der Berlinerinnen mit Migrationsgeschichte.

Jamila (9), Rachel (11) und Faseeha (12) werden über drei Jahre hinweg von der Filmemacherin Clara Stella Hüneke begleitet und porträtiert. Wir erleben die Drei in ihren Metamorphosen zur Jugendlichen, mitten in der Corona-Pandemie, und werden dazu eingeladen, ihre brennenden Fragen an das Leben sowie ihre Reflexionen über Gender und Feminismus zu unseren zu machen. Die Kamera kreiert Momente fast ohne Distanz und schafft es durch eben diese Nähe zu den Protagonist*innen, die Zuschauenden zu inkludieren und ihnen Platz in der „Krone“ zu lassen.

Das Mädea im Wedding, ein interkulturelles Zentrum für Mädchen und junge Frauen, ist der Ort, an dem die Freundinnen sich regelmäßig sehen und wo sie sich gegenseitig empowern, wo Worthülsen wie „Gleichberechtigung“ und „Diskriminierung“ mit persönlichen Geschichten und Wissen gefüllt werden. Die Kamera gibt uns einen Einblick in die Geburtsstunde von SISTERQUEENS, einem feministischen Rap-Projekt. Die Mädchen gehen hier der Frage ihrer inneren Stimme nach. Was würden sie sagen, wenn ihnen alle zuhören, sie niemand auslachen würde und alle alles gut finden würden, was sie aussprechen? Und so schreiben sie ihre Texte, entwickeln daraus Songs, nehmen sie auf und geben ihr erstes Konzert in einem freien Theaterhaus.

„Was wollt ihr werden, wenn ihr groß seid?“ Diese Frage wird immer wieder im Laufe der Jahre an die Drei gerichtet. Jamila möchte Wissenschaftlerin werden und die Erde studieren. Sie hat präzise Fragen an ihr Umfeld und verfügt über ein scharfes Auge für Ungerechtigkeit. Sie hinterfragt ihre Sprache und möchte wissen, warum sie selbst Deutsch spricht, schließlich sei die Sprache ihrer Mutter Arabisch und die ihres Vaters wieder eine andere. Sie beobachtet Rassismus, der ihrer Meinung nach schon bei Tauben angefangen haben muss, denn lediglich die weißen Tauben dürfen auf Hochzeiten fliegen. Auch erlebt sie direkten Rassismus und reflektiert darüber intensiver ab dem Moment, in dem sie Hidschab trägt. Die 9-Jährige traut sich Dinge laut auszusprechen, zum Beispiel die erlebte Polizeigewalt, die sie auf einer Demonstration demaskiert, oder ihre eigene Wissenslücke bezüglich des dritten Geschlechts, was direkt von ihren Freundinnen erklärend aufgefangen wird.

Rachel ist 12 Jahre alt. Ihre Mutter, so denkt sie, wünscht sich für sie eine Zukunft als Ehefrau und Mutter. Sie selbst möchte Immobilienmaklerin oder Ärztin werden. Am liebsten aber möchte sie Gangster sein, ohne dabei in die Kriminalität abzurutschen. Rachel ist das Kind einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Sie wächst bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf und erklärt ihr, welche Bezeichnungen für Schwarze rassistisch sind und sie auch als Elter eines Schwarzen Kindes nicht mehr benutzten darf.

Die 13-jährige Faseeha schreibt mit weißer Kreide an die Tafel im Mädea „If you are gay and you know it it's a gift and a curse.“ Dieser Satz bleibt unkommentiert und wird auch nicht an andere Stelle weiterverfolgt. Klar wird allerdings, dass Faseeha über die Freiheit und das Vertrauen, sich zum Thema Sexualität zu äußern, verfügt und weiß, dass ihre Freundinnen sich bewusst gegen Diskriminierung entscheiden. Gleich zu Beginn erfahren wir, dass sie Schauspielerin werden will. Wir sehen ihre Hingabe, ihr Talent fürs Rappen, Tanzen und Schauspielen. Obwohl sie immer wieder Bedenken äußert, nicht weiß, ob sie genug Geld und Kraft für all das und die Schule hat, denn ihr Abitur ist ihr genauso wichtig wie die Kunst. Letztlich wird sie Teil einer Schauspielgruppe. Während einer Performance sehen wir Faseeha auf der Bühne. Ihre Freundinnen aus dem Mädea sitzen im Publikum. Die Schauspielgruppe singt mal polyphon, mal einzeln „Alles wird anders“, was ihrer Freundin Rachel Tränen über die Wange laufen lässt. Der Stolz und die Hoffnung, die in dieser Szene mitschwingen, begleiten uns dank der unermüdlichen Stärke dieser drei jungen Frauen durch die ganze Dokumentation. 

Viviana Medina


Übrigens: Darüber, was „Sisterqueens“ und andere Filme auszeichnet, sprechen wir in Intersektionale Perspektiven im Film. Ein Beitrag, der im Rahmen der Themendossiers „Gender & Lieben“ sowie „Migration“ entstanden ist. Werfen Sie doch mal einen Blick rein.

© Filmakademie Baden-Württemberg
10+
Dokumentarfilm

Deutschland 2024, Regie: Clara Stella Hüneke, Festivalstart: 29.06.2024, FSK: keine FSK-Prüfung, Empfehlung: ab 10 Jahren, Laufzeit: 60 Min., Buch: Rebecca Ajnwojner, Kamera: Paola Calvo, Schnitt: Andreas Bothe, Musik: Milena Fessmann, Produktion: FABW, ZDF kleines Fernsehspiel

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