Kritiken > Filmkritik
Kritiken > Vorgestellt im Oktober 2022 > The Ordinaries

The Ordinaries

Entdeckt beim „Schlingel‟: Alles ist Film in diesem Regiedebüt, das über Macht, Selbstbestimmung und Familien erzählt.

Wer je den 1998 entstandenen Film „Die Truman Show“ von Peter Weir gesehen hat, wird ganz gewiss eine Szene nie vergessen, in der die von Jim Carrey verkörperte Hauptfigur ihre von der medialen Inszenierung geschürten und tief verankerten Ängste überwindet und zu „neuen Ufern“ aufbricht. Truman wuchs 30 Jahre lang in einer künstlichen Welt auf, die ausschließlich für eine TV-Show geschaffen wurde. Jenseits dieser im Film kritisch hinterfragten Medienwelt gibt es dort aber noch eine „reale“ Welt, nämlich die des Publikums – und natürlich mindestens einen Bösewicht und viele Helfershelfer, die aus persönlichen und finanziellen Interessen Truman von einem selbstbestimmten Leben abhalten. Oder es gibt wie etwa in der „Matrix“-Reihe (The Wachowskis, 1999-2021) wenigstens einen Erlöser, der beide Welten aus eigener Erfahrung kennt und sich unter großen Opfern persönlich für eine der beiden Seiten entscheiden muss. Mehr als zwanzig Jahre später entwirft Sophie Linnenbaum in ihrem fulminanten Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf eine dystopische Welt in naher Zukunft, in der das ganze Leben sich ausschließlich in einem filmischen Kosmos abspielt. Es gibt dort keine klar definierte Außenwelt oder Bösewichte mehr, die man zum Vergleich heranziehen könnte, denn das Leben ist der Film und die Filmproduktion ist unsere Existenz. Ist in diesem Kosmos demnach unser Leben also ausnahmslos vorbestimmt? Irgendjemand schreibt die Narrative und bestimmt, was wir zu sagen und zu fühlen haben, was wir tun dürfen? Sind wir dann überhaupt noch Hauptfiguren in unserem Leben oder lediglich Nebenfiguren, welche die Geschichten beziehungsweise Narrative der Hauptfiguren begleiten und unterstützen? Oder gehören wir gar zu den „Outtakes“, die nichts zu sagen oder zu bestimmen haben? Die zwar manchmal Teil der Handlung oder der Erzählung sein können, aber nach Belieben in der Endfassung eines Films herausgeschnitten werden, im günstigen Fall gerade noch als Bonusmaterial Verwendung finden und am Ende ganz „gelöscht“ werden?

Im fantasievollen Film von Sophie Linnenbaum, der nebenbei den klassischen Kriterien einer Coming-of-Age-Geschichte entspricht, steht die junge Paula im Mittelpunkt. Nach fünf Jahren Schule, in der sie lernen sollte, was von einer Hauptdarstellerin erwartet wird und wie sie Emotionen glaubwürdig vermitteln kann, steht sie unmittelbar vor ihrer Abschlussprüfung, mit der sie vollen Zugang zur Welt der erwachsenen Hauptdarsteller erhalten würde. Paula wächst bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf, die als Nebenfigur gelernt hat, ihre Dialogsätze passgenau zu wiederholen und damit ihrer Tochter oft gehörig auf die Nerven geht. Paulas Vater soll vor etlichen Jahren einem Massaker zum Opfer gefallen sein, das durch einen Aufstand der „Outtakes“ verursacht wurde. Unablässig wiederholt die Mutter, dass Paulas Vater eine Hauptfigur gewesen sei und eine ganz besondere obendrein. In diesem festen Glauben wächst das Mädchen auf, und das gibt ihr Halt und Zuversicht.

Einige Tage vor der Prüfung, bei der sie einen ergreifenden Monolog über ihren toten Vater vortragen wird, steigen Zweifel über ihre Herkunft in ihr auf, zumal der sogenannte Herzleser, der für die emotionale Musik in ihr sorgt, immer wieder laute Misstöne von sich gibt. Sie beschließt, endlich mehr über ihren Vater herauszufinden und beginnt ihre Nachforschungen im Filmarchiv des Instituts. Der Schock sitzt tief, als die Recherche eindeutig negativ verläuft. Mit Unterstützung eines männlichen Zimmermädchens, also gendermäßig einer offensichtlichen „Fehlbesetzung“ im Elternhaus ihrer besten Freundin, wagt sie sich mehrfach in den verbotenen Bezirk der Outtakes. Diese fristen dort ein klägliches Dasein und besitzen keinerlei Rechte. Und tatsächlich, dort finden sich erste Spuren ihres Vaters, der jedoch in keiner Weise den Beschreibungen von Paulas Mutter entspricht. Je tiefer Paula in die Mysterien der Filmproduktion und ihrer eigenen Herkunft eintaucht und einige der Outtakes genauer kennenlernt, die so ganz anders sind als sie sich vorgestellt hatte, desto mehr gerät sie in Lebensgefahr. Und am Ende muss sie eine folgenschwere Entscheidung treffen, die nicht nur sie selbst betrifft.

Mit einem verhältnismäßig kleinen Budget ist es der in Nürnberg geborenen Filmemacherin gelungen, einen nahezu perfekten Langspielfilm für die große Leinwand zu drehen – und das mit Dutzenden von Darsteller*innen, einigen groß angelegten Szenen und stimmig choreografierten Musical-Einlagen. Gleich am Anfang stellt Paula in einem Off-Kommentar ihre Eltern vor, die sich bei Dreharbeiten – wo sonst – kennengelernt haben. Nebenbei ist das eine humorvolle Hommage an die Filme der DEFA, die hier in kurzen Ausschnitten zu sehen sind, insbesondere in einer zentralen Szene aus „Die rote Kapelle“ aus dem Jahr 1970. Die Verankerung des Plots in der geschlossenen Welt des Films findet in der dramaturgischen wie ästhetischen Umsetzung ihren Niederschlag, was den besonderen Reiz dieses in Eisenhüttenstadt gedrehten Films ausmacht. Da werden Filmszenen in leichten Variationen mehrfach gedreht und dann geschnitten, Figuren tauchen plötzlich an anderer Stelle einer Dialogszene auf, einige von ihnen sind verpixelt, tauchen im Farbfilm nur in Schwarzweiß auf oder können nicht reden, da ihnen die Tonspur genommen beziehungsweise zensiert wurde. Andere Figuren sind als übermächtige Kommentare aus dem Off zu hören. Aber es gibt etwa auch einen sprechenden Hund und einen Geräuschemacher, der unter der Hand Geräusche verkauft und sich in Paula verliebt. Sogar eine klassische Splitscreen-Szene, die ein Telefonat zwischen zwei Personen zeigt, wird ironisch gebrochen.

Mit den existenziellen Fragen nach Herkunft und Selbstbestimmung des Menschen jenseits der festgelegten Narrative eines Drehbuchs hinterfragt der Film auch die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft durch Ausgrenzung und Chancenungleichheit – und letztlich auch das Medium selbst sowie Einflussnahme auf die Gestaltung und Deutungshoheit über das fertige Werk. Wie beispielsweise werden im Film Gefühle erzeugt? Dürfen nur Hauptfiguren eine eigene Hintergrundmusik haben? Und sind die großen Gefühle der Hauptfiguren wirklich immer „echter“ als die der Nebenfiguren und Outtakes? Die Antwort darauf ist nach diesem Film ziemlich eindeutig.

Holger Twele

© Bandenfilm
14+
Spielfilm

The Ordinaries - Deutschland 2022, Regie: Sophie Linnenbaum, Festivalstart: 10.10.2022, FSK: ab , Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 120 Min. Buch: Sophie Linnenbaum, Michael Fetter Nathansky. Kamera: Valentin Selmke. Schnitt: Kai Eiermann. Musik: Fabian Zeidler. Produktion: Bandenfilm, in Koproduktion mit ZDF – Das kleine Fernsehspiel, Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Verleih: offen. Darsteller*innen: Fine Sendel (Paula), Jule Böwe (Elisa), Noah Tinwa (Simon), Denise M‘Baye (Dr. Cooper), Birgit Berthold (Clara) u. a.