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Kuessipan

Auf MUBI: Die Geschichte zweier Freundinnen in der kanadischen Innu-Community.

Im Dunkel ein diffuser Lichtpunkt, aus dem zwei Punkte werden; begleitet vom Rauschen des Meeres kommen sie langsam näher, bis zwei kleine Mädchen am nächtlichen Strand zu erkennen sind. Ihre einander zugewandten Gesichter verharren in perfekter Symmetrie. Mit den beiden Achtjährigen ist die ganze Familie ums Lagerfeuer versammelt: Mutter, Vater, Bruder, Oma, alle in ausgelassener Stimmung.

So beginnt die Geschichte von Mikuan und Shaniss, den besten Freundinnen, die sich wie Schwestern nahe sind. Die Mädchen wachsen in der Innu-Gemeinde von Uashat auf, dem First Nation-Reservat im kanadischen Québec. Das eine in einer intakten Familie, das andere sehr viel weniger begünstigt. Die Unzertrennlichen schwören einander ewige Treue. Schnitt: Acht Jahre später. Die beiden Teenagerinnen tanzen und feiern zusammen, haben ihr Kindheitsversprechen gehalten. Unübersehbar aber haben sich zwei sehr verschiedene Persönlichkeiten entwickelt. Shaniss macht gerne Party, ist oft high, ist bereits Mutter und Schulabbrecherin. Kindsvater Greg, latent gewalttätig, in Drogendelikte verwickelt, ist kein zuverlässiger Partner, und doch hält sie an ihm fest. Kurz flackert für Shaniss eine andere, wahrscheinlich glücklichere Option auf, die sie aber nicht nutzt – was später indirekt zu einem tragischen Ereignis führt.

Mikuan ist weiterhin für Shaniss da, aber immer öfter gibt es Meinungsverschiedenheiten. Mikuan ist eine gute Schülerin und reflektierte Beobachterin mit Talent zum Schreiben. Aus dem Off erzählt sie ihre Sicht der Dinge, ein erfundenes Leben, geschönt und ausgeschmückt, um verstanden zu werden.

Tiefe Risse in der Freundschaft der jungen Frauen entstehen, als Mikuan sich in Francis verliebt, einen Weißen, dem sie in der Schreibwerkstatt (wieder-)begegnet. Für Shaniss ist das Verrat an den eigenen Leuten. Für Mikuan hingegen die erste Liebe und eine Perspektive außerhalb der Community, vielleicht sogar für ein gemeinsames Studium in der Stadt Québec. Das Reservat ist ihr längst zu klein geworden, nicht nur hinsichtlich der Auswahl eines potenziellen Lebenspartners.

Wie schwierig es ist, Vorurteile und Rassismus zu erkennen und zu überwinden, ist an der Figur Francis festzumachen. In der Absicht, bloß nichts Falsches zu sagen, verheddert er sich immer mehr, sehr zur Erheiterung von Mikuan. Sie verstehen sich gut, alle Unterschiede scheinbar irrelevant für ihre Beziehung. Auch Mikuans Familie akzeptiert Francis – im Gegensatz zu Shaniss, die an ihren Vorurteilen festhält und sich in persönlichen Hass hineinsteigert.

Für ihr semidokumentarisches Debüt „À l’ouest de Pluton“ (mit Henry Bernadet, 2008) filmte die franko-kanadische Regisseurin Myriam Verrelaut Jugendliche an einer High School in Québec. Auch in „Kuessipan“ geht es um das adoleszente Ausloten der eigenen Möglichkeiten und Vorstellungen. Der Coming-of-Age-Film erzählt von der Identitätssuche seiner Protagonistinnen, als weibliche Teenager und als Mitglieder einer indigenen Gemeinschaft. „Kuessipan“ bedeutet „du bist am Zug“. Das befolgen Mikuan und Shaniss mit gegensätzlichen Lebensentwürfen, die ihre Freundschaft schmerzhaft auf die Probe stellen.

Der Film basiert auf dem Debütroman von Naomi Fontaine, die in Uashat aufgewachsen ist. Gedreht wurde vor Ort, die meisten Darsteller*innen stammen aus der Community. Das kommt zumindest der Authentizität zugute. Dokumentarisch anmutende Szenen vermitteln Eindrücke von Leben und Kultur der Innu: Die karge Landschaft am Meer, sechs Monate im Jahr von Schnee bedeckt. Die filigrane Perlenarbeit der Mutter. Das bei der Jagd erlegte Wild, im Wohnzimmer fachmännisch zerlegt, eine erstaunlich schweißtreibende Arbeit. Und in allem die Bedeutung von Familie und Gemeinschaft, auch ihrer Abwesenheit. Im Schulunterricht wird Tradition versus Ökonomie diskutiert – ein Crashkurs über die Kultur der Innu. Es geht um Land- und Abbaurechte, um Ausbeutung und die Chance auf Bildung. Mikuan resümiert: Eine Balance zu finden zwischen Tradition und Moderne, das ist die Herausforderung. Diese banale und doch schwer umzusetzende Erkenntnis gilt für die Innu-Gemeinschaft ebenso wie für Mikuan selbst.

Es ist den beiden starken Hauptdarstellerinnen zu verdanken, dass man ihnen mit Empathie durch alle Höhen und Tiefen folgt. Der Film spart klug das große Melodram aus und berührt am meisten, wenn er die Bilder für sich sprechen lässt. Leider verpasst der Film sein Ende um einige Minuten. In ihrem finalen Off-Monolog greift Mikuan das erfundene Leben wieder auf, um die Geschichte ihrer Freundin rechtfertigend ins große Ganze einzuordnen („… eine Frau, die Kinder haben will, um eine Ethnie zu stärken, die die Menschen zerstören wollten“). „Kuessipan“ lief recht erfolgreich auf einigen kanadischen und internationalen Filmfestivals. Deutsche Premiere war im Herbst 2020 auf dem Hamburger Filmfest. Nun ist „Kuessipan“ beim Streaminganbieter MUBI verfügbar.

Ulrike Seyffarth

 

 

 

 

© MUBI
12+
Dokumentarfilm

Kuessipan - Kanada 2019, Regie: Myriam Verreault, Homevideostart: 07.02.2021, FSK: ab , Empfehlung: ab 12 Jahren, Laufzeit: 117 Min. Buch: Myriam Verreault und Naomi Fontaine, nach dem gleichnamigen Roman von Naomi Fontaine. Kamera: Nicolas Canniccioni. Musik: Louis-Jean Cormier. Schnitt: Myriam Verreault, Amélie Labrèche, Sophie Leblond. Produktion: Max Films Media. Verleih: MUBI. Darsteller*innen: Sharon Fontaine-Ishpatao (Mikuan), Yamie Grégoire (Shaniss), Étienne Galloy (Francis), Cédrick Ambroise (Metshu, Mikuans Bruder), Douglas Grégoire (Greg) u. a.