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Home Before Dark

Hilde ist Investigativreporterin – und neun Jahre alt. Die anspielungsreiche Serie hat ein reales Vorbild und erzählt über Moral und Integrität.

Hilde ist neun Jahre alt, und sie hat ihren ultimativen Lieblingsfilm: „Die Unbestechlichen“ von Alan J. Pakula aus dem Jahr 1976. Als ihr Vater Matt sie fragt, ob sie sich nicht mal etwas anderes ansehen wolle, reagiert sie empört: „Aber der ist so gut...!“ Eben erst ist sie mit ihrer Familie, Vater Matt, Mutter Bridget sowie ihren Schwestern Izzy und Ginny, in die Provinz umgezogen. Ihr über alles geliebtes New York, wo ihr Vater als engagierter Reporter Kriminalfälle recherchierte und dabei Hilde stets im Schlepptau hatte, musste sie gegen den verschlafenen Küstenort Erie Harbor an der Westküste der USA tauschen. Rein gar nichts scheint hier los zu sein, Hildes investigatives Gespür für Unrecht und Verbrechen droht auszudörren. Doch schon bei der Anreise richtet sich ihr geschulter Blick auf irritierende Details am Straßenrand. Der Heimatort ihres Vaters, den er vor 30 Jahren von einem Tag auf den anderen verließ, birgt wohl doch etwas mehr als nur frische Meeresluft, und schon bald wird klar, dass er sogar so manches Ungeheuerliche verbirgt.

So bleibt „Die Unbestechlichen“ auch in Erie Harbor Hildes moralischer Kompass. Das intelligente, ebenso einfühlsame wie furchtlose Mädchen, das sich nichts vorschreiben und sich mit nichts abspeisen lässt, gehört zu jener jungen US-amerikanischen Generation, die mit einer ganz neuen Art der Fake News aufgewachsen ist. Da kommt ihr dieser New-Hollywood-Filmklassiker als vorbildliches, kämpferisches Plädoyer für journalistische Integrität gerade recht. „Die Wahrheit ist das, was alles wieder gut werden lässt“, sagt Hilde ebenso kindlich wie idealistisch. Kurz zur Erinnerung: „Die Unbestechlichen“ erzählt von den Journalisten Bob Woodward (Robert Redford) und Carl Bernstein (Dustin Hoffman) von der „Washington Post“, die die Machenschaften des obersten Politikers des Landes aufdeckten. Heute gehört die so genannte Watergate-Äffare um US-Präsident Richard Nixon zu den einschneidenden Ereignissen der modernen US-Geschichte.

Ein Kind wie Hilde als Heldin einer Krimiserie mit Anspielungen auf Erfolgsformate von „Twin Peaks“ bis „Stranger Things“, eine Neunjährige als Journalistin, die verzwickte Machenschaften, ja sogar Mord und Entführung aufdeckt: Das klingt nach einem doch eher ausgedachten Fantasieprodukt. Aber „Home Before Dark“ hat tatsächlich einen wahren Kern. Hilde gibt es wirklich, ihr richtiger Nachname ist Lysiak, und das, was sie erlebt, basiert auf ihren eigenen Erlebnissen. In den USA wurde Hilde dadurch berühmt, dass sie eine eigene Online-Zeitung betreibt, die „Orange Street News“, in der sie exklusiv von einem Mord in der Nachbarschaft berichtete, eine Korruptionsaffäre bei der lokalen Feuerwehr aufdeckte und schließlich zusammen mit ihrem Vater eine eigene Buchreihe veröffentlichte. Die funktioniert in etwa so wie „Home Before Dark“: Wahre Fälle werden als spannende Geschichten aufbereitet, die Hilde selbst recherchiert hat. Als die echte Hilde zehn Jahre alt war, wurde sie jüngstes Mitglied der amerikanischen Society of Professional Journalists, inzwischen ist sie 13 (oder auch schon 14) und betreibt die Online-Zeitung gemeinsam mit ihrer Schwester Izzy.

So beeindruckend die junge Heldin auch ist und so hinreißend sie von Brooklynn Prince gespielt wird: „Home Before Dark“ ist keine Kinderserie. Erzählt wird nicht durchgängig aus Hildes Sicht, auch bleibt die Serie nur dann wirklich auf Augenhöhe mit ihr, wenn es ihr dramaturgisch wichtig ist. Ansonsten wechselt die Perspektive immer wieder zu den Erwachsenen in Erie Harbour, ihren Intrigen und Ränkeschmieden, ihren Ängsten und Vorurteilen, vor allem aber zu der 30 Jahre zurückliegenden Entführung eines Jungen. Irgendwie hat dies etwas mit den Machenschaften des selbstherrlichen Sheriffs Frank Briggs zu tun, mit seinem Sohn Frank, der als Kind selbst in den Fall verwickelt war und inzwischen ebenfalls Polizist ist, mit dem gebrochenen Bürgermeister Jack Fife, dessen Sohn das Opfer der nie aufgeklärten Entführung wurde, aber auch mit Hildes Vater Matt, der damals seinen besten Freund verlor und vor den Ereignissen nach New York floh.

Unterhaltsam und spannend, mitunter zwar auch mit Redundanzen und einigen zähen Passagen, über die dann stets die sehr markant entworfenen Personenprofile hinwegretten, entwickelt sich die Serie zur Auseinandersetzung mit dem schwierigen Verhältnis von Vätern und Söhnen. Enttäuschte Erwartungen, peinvolle Abhängigkeitsverhältnisse und rigide Machtstrukturen, die die Alten auf die Jungen übertragen wollen, führen zu Zerwürfnissen und traumatischen Verwerfungen, die immer dann besonders tragisch verlaufen, wenn das klärende, aufrichtige Gespräch versäumt wurde, wie bei Matt und seinem nunmehr demenzkranken Vater.

Heute hingegen sind die maßgeblichen Hauptfiguren weiblich. Nicht nur, dass sie tief in die verschlossene Männerwelt vordringen müssen, zugleich haben sie ihren eigenen Weg zu finden und ihn zu behaupten – mit mehr Anstand, Ehrlichkeit, Respekt und Verantwortungsbewusstsein als die Männer. Immer wieder darf Hilde an den richtigen Stellen Dinge sagen, die gar nicht kindgerecht sind, denen aber doch eine berührende, glaubwürdige Dringlichkeit innewohnt: „Wir dürfen die Menschen, die wir lieben, nicht aufgeben“, sagt Hilde einmal. „Wir müssen Opfer für sie bringen, wir müssen ihnen glauben, kurzum: Wir sollten sie einfach nur liebhaben.“ Dass sie in ihrer älteren Schwester Izzy eine solidarische Verbündete findet, die lange um ihren eigenen, von Ausgrenzung und hässlichem Mobbing erschwerten Weg kämpft, vor allem aber in ihrer Mutter Bridget eine fürsorgliche, einfühlsame und respektvolle Begleiterin an ihrer Seite hat, ist eine sehr schöne Vision. Bridget, eine couragierte Anwältin, die um die Rehabilitierung des fälschlicherweise verurteilten und eingesperrten Tatverdächtigen kämpft, darf sogar exklusiv für Hildes Online-Journal schreiben: „Wir müssen dem Beispiel unserer Kinder folgen – oder ihnen wenigstens nicht im Weg stehen!“

Horst Peter Koll

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14+
Spielfilm

Home Before Dark - USA 2020, Regie: Rosemary Rodriguez, Kat Candler, Jon M. Chu, Jim McKay, Kate Woods, Homevideostart: 03.04.2020, FSK: ab , Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 467 Min. Buch: Dana Fox, Dara Resnik, Thembi Banks, Hilde Lysiak. Kamera: François Dagenais, Alice Brooks, C. Kim Miles. Musik: Nathan Lanier. Schnitt: Tamara Luciano, Cedric Nairn-Smith, Melissa Remenarich-Aperlo. Produktion: Anonymous Content/Paramount Television. Anbieter: Apple TV+. Darsteller*innen: Brooklynn Prince (Hilde Lisko), Jim Sturgess (Matt Lisko), Abby Miller (Bridget Jensen), Kylie Rogers (Izzy Lisko), Michael Weston (Lt. Frank Briggs, Jr.) u. a.

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