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H is for Happiness

Entdeckt bei der Berlinale (Kplus): Ein zwölfjähriges Mädchen sucht nach dem Glück, das aus ihrer Familie ausgewandert ist.

Die zwölfjährige Candice Phee blickt zu ihrem Haus hinüber. Oben sitzt die Mutter im abgedunkelten Zimmer auf der Fensterbank, direkt darunter sieht man den Vater durchs Fenster mit Kopfhörern am blinkenden Computer hocken. Das ist ihr Leben. Die Eltern sind in ihre Welten zurückgezogen und Candice außen vor, ohne Zugang zu Mama oder Papa. Seit ihre kleine Schwester Sky vor drei Jahren am plötzlichen Kindstod gestorben ist, hat sich das Glück aus dem Hause Phee verabschiedet. Das will und kann Candice nicht hinnehmen. Sie ist eine unerschütterliche Optimistin und gerade jetzt, während sie ihre Eltern traurig betrachtet, plant sie schon wieder die nächste Glücksoffensive.

So depressiv die Schilderung klingt, so diametral entgegengesetzt ist der Film konzipiert. Bonbonbunt sind die Bilder, mit der vorherrschenden Farbe Rot für den Rock und die Zöpfe von Candice und der Farbe Grün für ihren Pulli und ihren Rucksack. Dieses ausgeklügelte Farbkonzept zieht sich durch den gesamten Film und wiederholt sich bei den rot gekleideten Joggern, die durch eine grüne Parklandschaft hasten, den roten Äpfeln nebst grünen Stiften auf dem Pult der Lehrerin oder im rotgrün gestreiften Pullover von Douglas Benson, mit dem Candice sich anfreundet.

Die poppigen Bilder spiegeln die Unerschütterlichkeit des Mädchens. Nichts scheint sie aus dem Konzept zu bringen, sie hat keine Freund*innen und nimmt das offensichtlich stoisch hin, weil von ihr jegliche Kritik abzuperlen scheint. Aus dem Off lässt sie uns an ihren Gedanken teilhaben und wenn man ganz genau hinhört, klingt das oft trauriger, als es bildlich umgesetzt ist. Dass Candice ein besonderes und merkwürdiges Mädchen ist, erkennen wir schon im ersten Bild in ihrem Klassenzimmer, als sie alleine in der ersten Reihe sitzt und sich ständig meldet.

„H is for Happiness“ ist die Adaption des australischen Jugendbuch-Bestsellers „My life is an Alphabet“ von Barry Jonsberg aus dem Jahr 2013, in Deutschland als „Das Blubbern von Glück“ erschienen. Candice’ Lehrerin Miss Bamford gibt ihren Schützlingen auf, zu jedem Buchstaben des Alphabets am Tag der offenen Tür eine Geschichte zu erzählen. Candice fällt das H zu. H wie Happiness.

Roman und Film beschreiben nun die verzweifelten Versuche von Candice, das Glück zurückzuholen, das die Phees vor dem Tod des Babys gekannt haben. Wo das Buch melancholisch wird, taucht der Film das Innere des Hauses konsequenterweise in diesiges Licht, so als hätte sich auch die Sonne aus dem Heim zurückgezogen. Die Mutter war früher fröhlich und hat gern getanzt, der Vater konnte witzige Sprüche klopfen. Um das wiederzubeleben, plant Candice beispielsweise ein Dinner, das sie selber kocht. Allein die Vorbereitungen dazu sind schon so chaotisch, dass man verwundert ist, dass schließlich überhaupt eine merkwürdig anmutende Mahlzeit auf den Tellern liegt. Die Mutter schleppt sich aus dem Schlafzimmer an den Tisch, der Vater sitzt dort mit einem Cowboyhut, den Candice ihm verpasst hat. Ganz kurz scheinen die Eltern gerührt und ein Lächeln huscht über ihre Gesichter, dann ist alles wieder vorüber und Candice bleibt erneut allein zurück und macht den Abwasch.

Zum Glück ist Candice aber bald nicht mehr allein, denn Douglas Benson tritt in ihr Leben. Douglas kommt neu in die Klasse und setzt sich neben sie – natürlich, denn neben Candice ist ja der einzige Platz frei. Douglas gesteht ihr sogleich, dass er einer anderen Dimension entstammt, und damit ist das Duo perfekt. Denn die beiden sind so außergewöhnlich, dass sie sofort Freund*innen werden. Douglas Benson aus einer anderen Dimension – so nennt Candice ihn fortan – lebt bei seiner Faksimile-Mutter, seine echte Mama hat er in der anderen Dimension zurückgelassen. Schon dass Douglas von diesem Tick ganz ernsthaft erzählt und dabei ernst genommen wird, macht den Film so stark. Weil Candice nicht wirklich an die andere Dimension glaubt, fährt sie jeden Abend zu dem gewaltigen Baum, der das Portal zur anderen Seite sein soll und von dem Douglas sich irgendwann um halb sieben Uhr abends hinunter stürzen will, um wieder zu seiner echten Mutter zu gelangen. Candice passt auf, um für den Notfall vor Ort zu sein. Und das ist gut so.

Beim entscheidenden Bühnenauftritt am Tag der Buchstaben-Präsentation spielen Candice und Douglas sich mit einer Parodie von Dolly Parton und Kenny Rogers zusammen frei. Frei von dem Anspruch, das Glück zu erzwingen und frei von der Idee, diese Welt gegen eine andere zu tauschen. Der fulminante Schluss eines grandiosen Films, der bei der Berlinale eine lobende Erwähnung der Kinderjury erhielt.

Katrin Hoffmann

© David Dare Parker
8+
Spielfilm

H is for Happiness - Australien 2019, Regie: John Sheedy, Festivalstart: 21.02.2020, FSK: ab , Empfehlung: ab 8 Jahren, Laufzeit: 103 Min. Buch: Lisa Hoppe, nach dem Roman „Das Blubbern von Glück“ von Barry Jonsberg. Kamera: Bonnie Elliott. Musik: Nerida Tyson-Chew. Schnitt: Johanna Scott. Produktion: Happiness Film Productions PL Adelaide, Australien. Verleih: offen. Darsteller*innen: Daisy Axon (Candice), Wesley Patten (Douglas Benson), Richard Roxburgh (Jim Phee), Emma Booth (Claire Phee), Joel Jackson (Rich Uncle Brian) u. a.

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