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Sunburned

Entdeckt beim Max Ophüls Preis: Eine Teenagerin trifft in Andalusien auf einen Flüchtlingsjungen in diesem gegen den Strich gebürsteten Sommerfilm.

Sommer, Sonne, blaues Meer und ein für die andalusische Costa del Sol beneidenswert leerer Strand. Das weckt bei vielen Menschen Urlaubserinnerungen an eine unbeschwerte Zeit. Wenn junge Menschen dann noch genügend Geld und Freiraum haben und zugleich wählen können, ob sie die von professionellen Animateur*innen angebotenen Freizeitangebote nutzen wollen, um Gleichaltrige besser kennenzulernen, steht den perfekten Ferien eigentlich nichts mehr entgegen. Doch der schöne Schein und nicht selten auch die eigenen Erinnerungen trügen, lange statische, mitunter sogar monoton wirkende Einstellungen und die allzu künstlich wirkende Farbgebung, die kontrapunktisch zu den Werbeversprechungen der Tourismusindustrie stehen, weisen in „Sunburned‟ bereits in den ersten Einstellungen darauf hin.

„Wie lange müssen wir denn noch hier bleiben?“ Der 13-jährigen Claire, die mit ihrer älteren Schwester Zoe und der Mutter in dieser Ferienidylle Urlaub macht, wäre es am liebsten, wenn diese Zeit so schnell wie möglich vorüberginge. Der Vater ist absichtlich zuhause geblieben, die Ehe scheint in extremer Schieflage, die Mutter geht im Urlaub ihrer eigenen Wege, kümmert sich kaum um ihre beiden Töchter und macht kaum den Mund auf. Zoe möchte für die noch in ihren Kinderspielen verharrende Claire nicht länger Babysitterin sein und jagt wie besessen einer Urlaubsbekanntschaft nach, von der sie am Ende enttäuscht sein wird. So ist Claire ganz auf sich allein gestellt, frei und ohne inneren Halt, und die vielen Strandpartys absolviert sie bestenfalls wie eine lästige Pflichtübung. Auf ihren einsamen Spaziergängen am Strand begegnet sie schließlich dem etwa gleichaltrigen Flüchtlingsjungen Amram, der aus dem Senegal stammt, seinen Vater auf der Flucht über Marokko verloren hat und sich am Strand mit dem Verkauf von Badeutensilien über Wasser hält. Seine vertrauensvoll wirkende offene Art und sein nicht nur gespieltes Interesse an ihr schmeicheln Claire, die zum ersten Mal das Gefühl hat, jemand interessiere sich wirklich für sie. Amram wiederum hofft, sie könne ihm helfen, Spanien zu verlassen und nach Deutschland zu kommen. Nach einiger Zeit ist Claire tatsächlich bereit, ihm mit dem Schmuck und der entwendeten Kreditkarte ihrer Mutter zu helfen, ohne zu ahnen, dass sie damit Amram und andere in eine extrem missliche Lage bringt. In der Hoffnung, ihren Fehler wieder gutzumachen, „bestraft“ sie sich mit dem titelgebenden Sonnenbrand zunächst selbst und trifft dann eine schwere Entscheidung, die zugleich das Ende ihrer Kindheit bedeutet.

Mit ihrem dritten Spielfilm nach „Wanja“ (2015) über eine ehemalige Bankräuberin und dem feministischen Zombiefilm „Endzeit“ (2019) gelang der schwedischen Regisseurin Carolina Hellsgård, die in Berlin bei Hartmut Bitomsky Experimentelle Mediengestaltung studierte, ein auch in formaler Hinsicht außergewöhnlicher Coming-of-Age-Film. Dieser verbindet die schwierige Ablösung vom Elternhaus beziehungsweise von der Mutter, die konfliktbeladene Reise in die Welt der Erwachsenen, die Suche nach Anerkennung und nach ersten Liebeserfahrungen geschickt mit dem Traum von Europa und einem unaufdringlich inszenierten Flüchtlingsdrama aus Afrika. In diesem spiegelt sich die Sehnsucht nach einem besseren Leben unter umgekehrten Vorzeichen, persönlichen Erfahrungen und finanziellen Möglichkeiten wider. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bleibt aber die zarte Beziehung zwischen Claire und Amram, die weniger durch Worte als anhand subtiler Körpersprache, durch Blicke, Gesten und Berührungen sowie mit kinotauglichen Bildern der Küstenlandschaft vermittelt wird. Auf ihrer intensiven Suche nach dem wahren Leben und nach wahren Gefühlen greifen Claire und Amram sogar mehrfach auch zu einem gefährlichen Spiel, indem sie den anderen so lange fest umklammern, bis dieser in Ohnmacht fällt. Die österreichische Schauspielerin Zita Gaier, die 2016 ihr Debüt mit dem Kinofilm „Maikäfer flieg“ (Mirjam Unger, 2016) gab, und Gedion Oduor Wekesa, der auch schon in „Styx“ (Wolfgang Fischer, 2018) einen jungen Bootsflüchtling gespielt hatte, geben die ideale Besetzung für diese beiden innerlich und später auch äußerlich verletzten Figuren.

Die Regisseurin hat ihre eigenen Ferienerfahrungen als Jugendliche in ihr Drehbuch und ihren Film einfließen lassen. Damals wie heute gewann sie den Eindruck, dass die meisten Tourist*innen im Urlaub eine schöne Zeit verbringen wollen und sich vor Ort ungern auf die Menschen, auf ihre Kultur und ihre Probleme einlassen. Insofern ist ihr Film deutlich gegen den Strich gebürstet und zeigt andere oder zumindest neue Facetten. Das gilt trotz der eindrucksvollen Panoramabilder, die mit Nahaufnahmen der Protagonist*innen und Detailaufnahmen abwechseln, auch für die formale Gestaltung. Streng cadrierte Bilder beispielsweise unterstreichen die Isolation insbesondere von Claire, während Aufnahmen von wilden Pferden und verbrannten Bäumen von Amrams Drang nach Freiheit und zugleich von seinen Fluchterfahrungen künden, vielleicht sogar in Anspielung auf den dritten Teil von „Ostwind“ (Katja von Garnier, 2017), der ebenfalls in Andalusien spielt. In ihrer Filmsprache war Carolina Hellsgård neben den Gemälden von Edward Hopper vor allem von den Filmen „The Virgin Suicides“ von Sofia Coppola (1999) und – überraschenderweise – „Das grüne Leuchten“ von Eric Rohmer (1986) beeinflusst. Ein Film also, der heutigen Sehgewohnheiten zuwiderläuft, auf den man sich erst einlassen muss, den man im Unterschied zu den Coming-of-Age-Filmen nach gängigem Strickmuster aber nicht so leicht vergessen wird.

Holger Twele

© Camino/NiKo Film
14+
Spielfilm

Sunburned - Deutschland, Polen, Niederlande 2019, Regie: Carolina Hellsgård, Festivalstart: 25.01.2020, FSK: ab 12, Empfehlung: ab 14 Jahren, Laufzeit: 92 Min. Buch: Carolina Hellsgård. Kamera: Wojciech Staron. Musik: Alex Simu. Schnitt: Ruth Schönegge. Produktion: Nicole Gerhards. Verleih: Camino. Darsteller*innen: Zita Gaier (Claire), Gedion Oduor Wekesa (Amram), Sabine Timoteo (Sophie, die Mutter), Nicolais Borger (Zoe), Flora Li Thiemann (Chantal), Malik Blumenthal (Marco) u. a.

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