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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Eine Familie im Exil, auf der Flucht vor dem NS-Regime. Mittendrin: die 10-jährige Anna, die von ihrem Vater lernt, stets optimistisch zu sein.

Judith Kerr, Tochter des Star-Theaterkritikers Alfred Kerr, beschreibt in ihren Kindheitserinnerungen „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, wie ihre Familie 1933 aus Deutschland fliehen muss. Ihrem Vater, der das Regime öffentlich heftig kritisierte, droht die Verhaftung. Dass ihr Roman, der 1974 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, bis heute lesenswert ist, ist auch dadurch bedingt, dass er, obschon er das Geschehen zeitgeschichtlich verortet, zugleich etwas Zeitloses besitzt. Kerr erzählt von Erfahrungen, die viele Menschen bis heute betreffen. So zeichnet sie bildhaft nach, was es heißt, ein Flüchtling zu sein, und setzt sich mit dem Begriff von Heimat auseinander. Wie kann es gelingen, in der Fremde heimisch zu werden, sich ein neues Zuhause zu schaffen?

Caroline Links Adaption taucht gleich zu Beginn einfühlsam in die kindliche Erlebniswelt ein – die Protagonistin Anna ist zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt. Die Kinder verarbeiten die Zeitgeschichte auf einer spielerischen Ebene. Da sind auf einer Karnevalsfeier im Februar 1933 die Nazis hinter ihnen her, doch es ist eine leichte Sache, sie zu besiegen. Der Bruder reißt ihnen schlichtweg die Abzeichen ab, dadurch sind sie entwaffnet. Aber aus dem leichten Spiel wird über Nacht Ernst, und Anna und ihr älterer Bruder Max werden von der Realität der erwachsenen, komplizierteren Welt eingeholt. Schlagartig werden sie aus ihrer behüteten Kindheit in dem großbürgerlichen Berliner Elternhaus gerissen. Der an einer Grippe erkrankte Vater ist am Morgen abgereist und erwartet seine Familie in der Schweiz. Schnell werden die notwendigsten Sachen zusammengepackt, das rosa Kaninchen, Annas Lieblingskuscheltier, muss bei der geliebten Haushälterin Heimpi bleiben. Die Flucht führt sie von Zürich in ein Schweizer Alpendorf, später nach Paris, von wo aus sie schließlich nach England weiterreisen.

Caroline Link glückt es, die zwiespältige Erfahrung des Exils aus der Sicht eines Kindes plastisch zu machen, und mit Riva Krymalowski hat sie eine kongeniale Besetzung für die Rolle Annas gefunden. Neugier und Befremden mischen sich in ihren wachen Augen beständig. Für ihre Figur verspricht diese Reise, die anfangs alle nur als Intermezzo dachten, Abenteuer, und Anna beobachtet genau, was um sie herum geschieht. Zugleich jedoch sieht sich das Mädchen, das aus der freizügigen Großstadt Berlin kommt, mit altväterlichen Gebräuchen und merkwürdigem Verhalten konfrontiert, die ihr Gefühl, sich in Sicherheit zu befinden, empfindlich stören.

Nachdem sie einem schweizerischem Jungen gezeigt hat, wie man ein Rad schlägt, und sie nicht kümmerte, dass die Knaben ihre Unterwäsche zu Gesicht bekamen, wird sie von ihnen verfolgt und mit Steinen beworfen. Eine grausame Szene, die im Kern ein zentrales Element des Judenhasses, dessen vermeintlich lose Moral, spiegelt. Anna erlebt das Thema Verfolgung so hautnah mit, um dann zu erfahren, dass dies aus Liebe geschähe. Ein seltsamer Brauch, der großen Schrecken einjagt. Diese emotionalen Zumutungen, die Anna immer wieder aushalten muss, und die sie psychisch und mental langsam verändern werden, kann der Film aber nicht adäquat transportieren.

Im Roman geht es ums Innehalten, darum, sich nach innen zu wenden, um das Changieren, das Differenzieren von Gefühlen. Traurig-froh, hochgestimmt-niedergeschlagen, aktiv-erschöpft, mit diesen Zuständen muss Anna umgehen lernen, derweil sich die bedrohlichen Nachrichten aus der Heimat einbrennen, sie nie wieder loslassen werden, wie beispielsweise ein Professor, der in einem KZ wie ein Hund gehalten wird. Sorgsam leitet die Familie das Kind dazu an, sich zu verschließen, vernünftig und sachlich zu reagieren – sich abzulenken, mit den schönen Seiten des Lebens zu trösten. Denn Annas Vater hasst jederart „Szenen“. Und diese Strategie hilft, lebenstüchtig zu bleiben, macht überhaupt das Überleben möglich. Sie schlägt sich auch im Stil von Judith Kerrs Buch nieder, welches das Geschehen distanziert, zumeist aus personaler Perspektive, schildert.

Eine solche kindliche Seelenarbeit zu vermitteln, ist nicht einfach. Es braucht dafür Pausen, wo sich etwas setzen kann, die der Film aber nicht gewährt. Stattdessen wirkt er in seiner Lebensbejahung gefällig. Er gleitet von einer Szene zur nächsten, schlimme Eindrücke werden verdichtet, Zusammenhänge außer Kraft gesetzt und sogleich mit positiven, fröhlichen Erlebnissen aufgefangen, von der endlos strömenden, teilweise kitschigen Filmmusik beiseite gespült. Es irritiert zudem, dass Link den Schauplatz, anders als im Buch, ins „schönste Dorf der Schweiz“ verlegte. Das verstärkt den Eindruck von Alpenromantik, wodurch einem Anna stellenweise wie eine Kopie von Johanna Spyris argloser, freundlicher und fröhlichen Heidi vorkommt.

Link folgt zumeist der Handlungsführung des Romans, verändert sie jedoch gerade für die Zeit in Paris in entscheidenden Punkten. Kerr zeigt anschaulich, wie ihre Familie die Großstadt mit allen Sinnen wahrnimmt. Anders als die knurrige österreichische Nachbarin Grete lässt sie sich trotz aller Strapazen auf das neue Leben in Frankreich ein, wobei sie Unterstützung erfährt von ihren Verwandten und der französischen Familie Fernand. In diesem Prozess der Assimilation weist Kerr dem Erlernen der Sprache besonderes Gewicht zu. Sie schildert die Höhen und Tiefen von Annas Spracherwerb. Das Mädchen ist von der Eleganz dieser Sprache fasziniert. Link dagegen verlagert den Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit den jüdischen, religiösen Wurzeln und bezieht sich hier nun nicht mehr auf Judith Kerrs Kindheitserinnerungen, in denen die Religion explizit nicht die geringste Rolle einnimmt. Jetzt beruft sich Link auf die Alfred-Kerr-Biografie von Deborah Vietor-Engländer. So lässt sie eine Szene in einer Synagoge spielen, transformiert die Familie Fernand in die jüdische Familie Stern (dessen Oberhaupt ursprünglich ein Widersacher Kerrs war). Ihre Dramaturgie folgt dem Diktum Kerrs, der seinen Kindern vor seiner Abreise nach Paris eingeschärft hatte, dass Juden immer „besser“, „fleißiger“, „höflicher“ sein müssten.

Links Verfilmung erlaubt sich, Kerrs Roman zu deuten und durch externe Quellen zu relativieren. Da biografisches Schreiben immer Interpretation ist, im Nachhinein konstruiert und oft teleologisch gedacht, mag das legitim sein. Man fragt sich jedoch, ob sie damit der Subjektivität von Kerrs Kindheitserinnerungen ihren Respekt erweist.

Heidi Strobel

© Warner
9+
Spielfilm

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl - Deutschland 2019, Regie: Caroline Link, Kinostart: 25.12.2019, FSK: ab 0, Empfehlung: ab 9 Jahren, Laufzeit: 119 Min. Buch: Caroline Link, Anna Brüggemann, nach dem Roman von Judith Kerr. Kamera: Bella Halben. Musik: Volker Bertelmann. Schnitt: Patricia Rommel. Produktion: Jochen Laube, Fabian Maubach, Clementina Hegewisch. Verleih: Warner. Darsteller*innen: Riva Krymalowski (Anna Kemper), Marinus Hohmann (Max Kemper), Oliver Masucci (Vater), Carla Juri (Mutter), Justus von Dohnány (Onkel Julius) u. a.

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